Libanon
Symbolischer Anschlag: Bald könnte das ganze Land explodieren

Das doppelte Selbstmordattentat Beirut am Donnerstag ist ein Symbol für die schwierige Lage des kleinen Staates im Mittleren Osten. Die angebotene Hilfe der USA und der UNO sind utopisch.

Artur K. Vogel
Merken
Drucken
Teilen
Trauernde schiitische Frauen am Tag nach den Selbstmordanschlägen in Beirut. WAEL HAMZEH/keystone

Trauernde schiitische Frauen am Tag nach den Selbstmordanschlägen in Beirut. WAEL HAMZEH/keystone

KEYSTONE

Burj al-Baradjneh ist ein staubiger, geschäftiger, sehr dicht besiedelter Stadtteil in Süd-Beirut. Die Mehrheit der Bevölkerung sind Schiiten. Es gibt auch ein übervölkertes Palästinenserlager, und zahllose syrische Flüchtlinge haben sich hier einquartiert, vor allem in der Umgebung des Lagers.

Beherrscht wird der Stadtteil von der Hisbollah oder «Partei Gottes», die nicht nur eine im Parlament vertretene politische Strömung, sondern auch durch Terroranschläge hervorgetreten ist.

So soll die Hisbollah am 14. Februar 2005 im Auftrag des syrischen Diktators Baschar al-Assad jenen Sprengstoffanschlag durchgeführt haben, dem der Sunnitenführer und Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri sowie 22 weitere Menschen zum Opfer fielen.

Die Hisbollah hat mehrere tausend Kämpfer nach Syrien entsandt, wo diese aufseiten des Schiiten Assad und mit russischer und iranischer Militärhilfe gegen die sunnitische Mehrheit kämpfen.

Libanesische Sunniten hingegen unterstützen die sunnitische Opposition gegen Assad. Diese wiederum ist in diverse Fraktionen und Milizen zersplittert, von sogenannt «gemässigten», von den USA und arabischen Ländern alimentierten Kräften bis zum berüchtigten «Islamischen Staat».

Dieser hat in den vergangenen Tagen vor allem in der Umgebung der zweitgrössten syrischen Stadt Aleppo Niederlagen gegen Assad-treue, von Russen verstärkte Truppen erlitten.

Unablässige Folge von Attentaten

Mitten im Hort des schiitischen Extremismus in Süd-Beirut haben nun sunnitische Extremisten zugeschlagen: Am Donnerstag sind beim schwersten Attentat, das der Libanon seit Jahren erlebt hat, mindestens 43 Menschen getötet und weit mehr als 200 verletzt worden.

Zwei Attentäter zündeten im Abstand von 150 Metern innert sieben Minuten je eine Bombe. Zwei weitere Zündungen konnten laut dem TV-Sender LBC verhindert werden: Ein dritter Attentäter sei in die Flucht geschlagen, ein vierter erschossen worden.

Das Attentat reiht sich ein in eine fast unablässige Folge von Anschlägen, und sehr oft stehen sie im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. Zwei Beispiele, bei denen sunnitische Extremisten die Verantwortung übernahmen, um sich am Iran für dessen Militärhilfe an Assad zu rächen: In der Nähe des iranischen Kulturzentrums wurden im Februar 2014 drei Menschen getötet; vor zwei Jahren fielen einem Bombenattentat gegen die iranische Botschaft 23 Menschen zum Opfer.

Sozial und politisch am Abgrund

Der libanesische Ministerpräsident Tammam Salam, ein Sunnit, und sämtliche libanesischen Parteien haben die jüngsten Attentate verurteilt. Allerdings sind sie ein Symbol für die vertrackte Lage, in der sich der Libanon befindet:

Zum einen leidet das Land wohl am meisten unter dem syrischen Krieg. Der Libanon ist nur ein Viertel so gross wie die Schweiz und hat rund sechs Millionen Einwohner. Zu diesen sind mindestens 1,2 Millionen Syrer gestossen, welche zum kleineren Teil in Flüchtlingslagern, zum grösseren in Armenvierteln leben, teilweise unter misslichsten Umständen.

Die Arbeitslosenrate dürfte sich deswegen in den letzten vier Jahren auf über 20 Prozent verdoppelt haben. Und die Zahl der syrischen Kinder in den Grundschulen soll jene der libanesischen Kinder bereits übertreffen.

Zum andern treten die politischen Unzulänglichkeiten des Libanon immer mehr zutage. So haben die letzten Parlamentswahlen 2009 stattgefunden; seit 2013 sind sie überfällig.

Und seit dem verfassungsmässigen Rücktritt des Staatspräsidenten Michel Sulaiman nach sechs Amtsjahren im Mai 2014 ist es dem zerstrittenen Parlament, einer Ansammlung notorisch korrupter Politiker, nicht gelungen, einen Nachfolger zu wählen.

Utopische Versprechen

Deshalb könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis im Libanon nicht mehr nur Bomben explodieren, sondern das Land als solches. Der letzte Bürgerkrieg ging erst 1990 zu Ende, die syrische Besetzung erst 2005.

Die Beteuerungen der USA und des UNO-Generalsekretärs Ban Ki Moon, man werde «die Bemühungen des libanesischen Staates und seiner Sicherheitskräfte um die Sicherheit des Landes und der Bevölkerung weiter unterstützen», klingen da ziemlich utopisch.