SYNODE: Enttäuschung bei den Reform-Bischöfen

In heiklen Themen wie dem Umgang mit Homosexuellen konnten sich die Bischöfe nicht einigen. Der Papst stellte aber klar: Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.

Dominik Straub, Rom
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Die Messe, während der Papst Paul VI. seliggesprochen wurde, bildet auch den Schluss der Synode. Im Bild verabschiedet sich Papst Franziskus (links) von Bischöfen. (Bild: AP/Gregorio Borgia)

Die Messe, während der Papst Paul VI. seliggesprochen wurde, bildet auch den Schluss der Synode. Im Bild verabschiedet sich Papst Franziskus (links) von Bischöfen. (Bild: AP/Gregorio Borgia)

Die ausserordentliche Bischofssynode der römisch-katholischen Kirche zum Thema Familienseelsorge ist gestern mit der feierlichen Seligsprechung von Papst Paul VI. auf dem Petersplatz zu Ende gegangen (siehe Box). Dass es gerade der Montini-Papst war, der geehrt wurde, entbehrt nicht einer leisen Ironie: Der Italiener, der die katholische Kirche von 1963 bis 1978 geführt hatte, ist als «Pillen-Paul» in die Geschichte eingegangen. In seiner bis heute umstrittenen Enzyklika «Humanae vitae» von 1968 hatte Paul VI. wenige Jahre nach der Markteinführung der Antibabypille jegliche künstliche Empfängnisverhütung verboten.

Formulierungen entschärft

An diesem Verbot ist an der nun zu Ende gegangenen zweiwöchigen Bischofssynode genauso wenig gerüttelt worden wie an anderen katholischen Lehrsätzen und Dogmen zu Sexualität und Familie. Dies betrifft vor allem den Ausschluss der wiederverheirateten Geschiedenen von der Kommunion sowie den Umgang mit Homosexuellen. Nachdem ein Zwischenbericht der Synode zunächst Erwartungen auf eine Öffnung geweckt hatte – auf ein «pastorales Erdbeben» sogar –, haben die entsprechenden Kapitel in der Abstimmung über das Schlussdokument «Relatio synodi» die erforderliche Zweidrittelmehrheit der Stimmen verfehlt – obwohl die Formulierungen auf Druck der konservativen Bischöfe und Kardinäle zuvor schon stark entschärft worden waren.

In einem der abgelehnten Kapitel des Schlussdokuments hiess es, dass eine Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion unter bestimmten Voraussetzungen weiter geprüft werden solle; in einem anderen wurde die Möglichkeit einer spirituellen (statt einer sakramentalen) Kommunion angesprochen. Bezüglich der Homo­sexualität haben die Synodenväter sogar einen Textvorschlag abgelehnt, der auf den einstigen Glaubenshüter Joseph Ratzinger und den katholischen Katechismus zurückgeht: Das abgelehnte Ka­pitel forderte, dass Menschen mit homosexueller Veranlagung mit «Achtung, Mitleid und Takt» zu begegnen sei und dass «ungerechte Diskriminierungen» zu vermeiden seien.

Gläubige erhofften sich mehr

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich insbesondere die Bischöfe aus dem stark säkularisierten Westeuropa mehr Mut von der Synode erhofft hätten. Der Präsident der deutschen Bischöfe und inoffizielle Wortführer der Reformer, der Münchner Reinhard Marx, konnte seine Enttäuschung nach der Abstimmung nicht verhehlen: Die Abschlusserklärung der Synode zu Ehe, Familie und Sexualität bleibe hinter den Erwartungen zurück. «Das Glas ist halb voll», fasst Marx zusammen. Auch der Präsident der Schweizer Bischöfe, der St. Galler Markus Büchel, macht sich keine Illusionen bezüglich der Reaktionen auf die Synode: Es sei möglich, dass sich einige Schweizer Gläubige mehr erhofft hätten, erklärte Büchel am Samstag (siehe «Zentralschweiz am Sonntag» von gestern).

Allerdings: Die konservativen Synodenteilnehmer bildeten an der Synode bloss eine Sperrminorität: Sie konnten zwar verhindern, dass die drei Kapitel zu den wiederverheiraten Geschiedenen und zu den Homosexuellen die qualifizierte Mehrheit erhalten haben – doch das absolute Mehr der Stimmen erreichten alle der umstrittenen Abschnitte. Eine noch vor wenigen Jahren undenkbare Öffnung brachte die Abstimmung ausserdem gegenüber Zivilehen und Ehen ohne Trauschein: Hier erachten auch die Traditionalisten «mutige pastorale Entscheide» für notwendig. «Diese Situationen müssen von der Kirche konstruktiv angegangen werden» – im Bestreben, den Paaren schliesslich den Weg zu einer «kirchlichen Heirat im Lichte des Evangeliums» zu ebnen, heisst es im Schlussdokument.

Loyaler Benedikt XVI.

Der Papst wollte an der Synode eine «offene und ehrliche Diskussion» – und er hat sie erhalten. Die Diskussionen sind, wie in Rom zu hören ist, «lebhaft» verlaufen – das heisst streckenweise laut und polemisch. Der Widerstand der Konservativen und insbesondere der kaum in der Seelsorge tätigen Kurialen gegen jegliche Öffnung und Liberalisierung der bestehenden Lehre und Praxis war erbittert; laut einem unbestätigten Bericht der Römer Tageszeitung «La Repubblica» von gestern sind einige Kardinäle sogar beim emeritierten Papst Benedikt XVI. vorstellig geworden, um ihn als Verbündeten gegen den Reformkurs seines Nachfolgers einzuspannen. Ratzinger sei aber loyal zu Franziskus gestanden.

Franziskus war gefordert – und er hat nach der Abstimmung über die «Relatio synodi» vor den Bischöfen die wohl stärkste Rede seines bisherigen Pontifikats gehalten. Es hätte ihn beunruhigt, wenn es die emotionalen Diskussionen nicht gegeben hätte, sagte der Papst. «Denn sie sind das Zeichen von Bewegung im Geist.» An der Synode habe es aber auch «Versuchungen» gegeben: jene einer «feindlichen Erstarrung» bei den Traditionalisten, die sich darin äussere, sich «im Geschriebenen einzuschliessen und sich nicht von Gott überraschen lassen zu wollen. Aber auch jene einer «falschen Barmherzigkeit» bei den Progressiven: Da bestehe die Gefahr eines «zerstörerischen Gutmenschentums», das sich darin äussere, dass Wunden nur verbunden würden, «ohne sie zuvor zu pflegen und zu behandeln».

Kirche hat offene Türen

Solche Versuchungen dürften die Bischöfe jedoch nicht erschrecken oder befremden, forderte der Papst weiter. Er verwies darauf, dass der Heilige Geist das Schiff der Kirche auch geleitet habe, als «das Meer feindlich und aufgewühlt» gewesen und die Diener «untreu und sündig» gewesen seien. Die wahre Kirche habe keine Angst davor, «die Ärmel hochzukrempeln», sie blicke nicht «aus einem gläsernen Schloss auf die Menschen, um über sie zu urteilen oder sie zu klassifizieren», und sie scheue sich auch nicht, mit Huren und Steuereintreibern zu essen und zu trinken. Die wahre Kirche habe offene Türen, um die Bedürftigen und die Reuigen aufzunehmen – nicht nur die Gerechten und «diejenigen, die meinen, perfekt zu sein».

Der Papst liess keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Diskussion über die heiklen Themen innerhalb der Kirche weitergeführt werde. So ordnete er an, dass das Schlussdokument umgehend veröffentlicht wurde, und zwar einschliesslich der drei Punkte, die keine Zweidrittelmehrheit erhalten haben, was ungewöhnlich ist. Das Schlussdokument wird laut Vatikansprecher Federico Lombardi das Arbeitspapier zur Vorbereitung der zweiten Synode zu Ehe und Familie im Oktober 2015 sein. «Wir haben jetzt ein Jahr Zeit, unsere Ideen reifen zu lassen und konkrete Lösungen zu finden für die unzähligen Schwierigkeiten und Herausforderungen, welche die Familien in der heutigen Zeit zu bewältigen haben», sagte Franziskus.

Bonus: Das Abschlussdokument der Bischofs- synode in italienischer Sprache gibt es auf www.luzernerzeitung.ch/bonus