Amnesty International
Syrer: «Weshalb schaut die Welt nur zu und tut nichts?»

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International präsentierte heute in London einen neuen schockierenden Bericht zum Bürgerkrieg in Syrien. Auf 70 Seiten dokumentiert Amnesty zahlreiche Kriegsverbrechen der Streitkräfte im Nordwesten des Landes.

Christian Nünlist
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Zerbombt: Nach der Explosion einer Autobombe in Damaskus.

Zerbombt: Nach der Explosion einer Autobombe in Damaskus.

Keystone

Der Bericht beruht auf über 200 Interviews mit Bewohnern von 23 Städten und Dörfern in der Region Aleppo und Idlib von Mitte April bis Mitte Mai.

«Überall, wo ich hinging, fragten mich die Leute: Weshalb schaut die Welt nur zu und tut nichts?», sagte Donatella Rovera von Amnesty, die in Syrien Menschenrechtsverletzungen untersucht hat. Sie ergänzt: «Über ein Jahr lang hat der UNO-Sicherheitsrat hin und her überlegt, während sich in Syrien eine Menschenrechtskrise abspielte.»

Der Sicherheitsrat müsse nun endlich die Pattsituation überwinden. «Diese verstörenden neuen Beweise für ein Muster schwerer Verstösse unterstreichen die drängende Notwendigkeit eines entschiedenen internationalen Vorgehens», sagte Rovera bei der Vorstellung des neuen Syrien-Berichts.

Verstörende neue Beweise

Donatella Rovera klagt das syrische Regime an, systematisch Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen zu begehen, als staatlich sanktionierte Politik, um die Opposition und Zivilbevölkerung einzuschüchtern. In der Gegend um Aleppo und Idlib fand Amnesty International Beweise für zahlreiche schwere Kriegsverbrechen und Gräueltaten. Die syrische Armee führte in der Gegend grossangelegte militärische Attacken durch - auch während der Verhandlungen über den 6-Punkte-Friedensplan des UNO-Sondergesandten Kofi Annan.

In jedem der besuchten 23 Dörfer berichteten lokale Bewohner, wie ihr Familienangehörigen, darunter alte Menschen, aber auch Junge und sogar Kinder, von ihnen weggebracht und von den Soldaten erschossen worden seien. In einzelnen Fällen hätten die Regierungstruppen die Leichen danach verbrannt. «Sie haben meine drei Söhne getötet und verbrannten ihre Leichen», wird eine Mutter aus Sarmin zitiert. «Wie soll ich das ertragen?»

Schiessbefehl gegen Zivilisten?

Soldaten und Mitglieder der regierungstreuen Schabiha-Miliz hätten Häuser niedergebrannt, zum Teil 200 bis 600 Häuser pro Dorf. Sie schossen auch ohne Rücksicht wahllos in Wohngebiete und verletzten oder töteten dabei Zivilisten. Längst richte sich die Gewalt des Regimes nicht nur gegen Rebelleneinheiten, sondern auch gegen unbeteiligte Zivilisten. Amnesty geht davon aus, dass von höchster Stelle ein Schiessbefehl auch gegen Zivilisten ergangen sei.

Ende Mai, so dokumentiert der Amnesty-Bericht «Deadly Reprisals: Deliberate Killings and other Abuses by Syria's Armed Forces», hätten uniformierte Regierungstruppen und Schabiha-Milizen ohne Uniform in Aleppo in eine friedliche Demonstration geschossen und dabei protestierende Syrier und Passanten getötet und verletzt, darunter auch Kinder. Rovera besuchte die Demonstration und wurde Zeuge, wie ein 16-jähriger friedfertiger Demonstrant von den Sicherheitskräften erschossen wurde.

Liste mit 10‘000 Opfern

«Dass die internationale Gemeinschaft tatenlos zusieht», so bedauert Rovera, «ermutigt das syrische Regime zu weiteren Missbräuchen». Sie fordert die Weltgemeinschaft angesichts der rapid steigenden zivilen Opfer in einem dringenden Appell auf, die eskalierende Gewalt in Syrien zu stoppen.

Seit dem Beginn der Kämpfe zwischen Aktivisten und der Assad-Regierung im Februar 2011 erhielt Amnesty International die Namen von über 10‘000 Syriern, die im Verlauf des Bürgerkriegs ums Leben gekommen seien. Amnesty schätzt, die tatsächliche Opferzahl sei aber deutlich höher.