SYRIEN: Aktivisten melden Giftgas-Angriff

Die Armee des Islam wirft dem Assad-Regime vor, erneut Giftgas eingesetzt zu haben. Die USA prüfen «Handlungsbedarf», Moskau jedoch warnt Washington vor einem Militäreinsatz.

Michael Wrase, Limassol
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Ein Sanitäter in Duma beatmet nach dem Angriff ein kleines Kind mit einer Sauerstoffmaske. (Bild: Syrian Civil Defense White Helmets/AP (8. April 2018))

Ein Sanitäter in Duma beatmet nach dem Angriff ein kleines Kind mit einer Sauerstoffmaske. (Bild: Syrian Civil Defense White Helmets/AP (8. April 2018))

Michael Wrase, Limassol

Um 20.22 Ortszeit sollen Hubschrauber der syrischen Armee eine mit chemischen Waffen gefüllte Fassbombe auf die Rebellenhochburg Duma abgeworfen haben. Ganze Familien seien dabei in der Nacht zum Sonntag in ihren Schutzräumen «zu Tode vergast worden», berichten die mit den islamistischen Aufständischen verbündeten «Weissen Helme». Die Hilfsorganisation hatte das mutmassliche Massaker dokumentiert und Bilder röchelnder Kleinkinder sowie andere schockierende Fotos ins Internet gestellt.

Es handle sich um eine «der schlimmsten Attacken in der syrischen Geschichte», sagte Ghanem Tayara vom rebellennahen Hilfsbündnis Union of Medical Care and Relief Organizations (UOSSM). Mindestens 80, nach anderen Quellen bis zu 150 Menschen seien bei den Gasangriffen ums Leben gekommen. Die mehr als 200 Verletzten zeigten eine bläuliche Verfärbung der Haut, wie sie bei C-Waffen-Angriffen häufig zu beobachten sei.

Überraschend kamen die Attacken nicht. Bereits vor vier Wochen hatte das russische Aussenministerium verkündet, dass man in den Vororten von Damaskus mit «Chemiewaffenangriffen zur Rechtfertigung amerikanischer Vergeltungsangriffe» rechne. Die Anschuldigungen wurden erst am letzten Freitag, also 24 Stunden vor den mutmasslichen Giftgas-Bombardements, vom Moskauer Verteidigungsministerium wiederholt. Die Armee des Islam plane Angriffe mit Chlorgas, um diese dann den Regierungstruppen in die Schuhe zu schieben.

Wirklich stichhaltige Beweise für ihre «These» lieferten die Russen nicht. Militärisch Sinn, glauben Militärexperten im Libanon, machten Giftgas-Angriffe zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht, da die hoch überlegene syrische Armee ihre Kriegsziele auch mit konventionellen Mitteln durchsetzen könnte. Die Rebellen in Ostghuta stünden bekanntlich vor einer Niederlage und verbreiteten daher Lügen, hiess es auch in den syrischen Staatsmedien, die den Einsatz von Giftgas vehement bestritten.

Trump greift zum verbalen Zweihänder

Auch in Washington scheint man sich noch im Unklaren darüber zu sein, was genau in Ostghuta geschehen ist. Man werde die be­unruhigenden Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien genau prüfen und handeln, falls sich diese bestätigen sollten. Eine sofortige Antwort der Internationalen Staatengemeinschaft sei «dann gefordert», betonte eine Regierungssprecherin. Ob damit ein amerikanischer Alleingang gemeint war, liess sie zunächst offen.

Als Reaktion auf einen noch immer nicht vollständig geklärten Gasangriff auf die Ortschaft Chan Scheichum im Norden Syriens, bei dem vor genau einem Jahr bis zu 100 Menschen ums Leben kamen, hatte Donald Trump einen Lenkwaffenangriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt bei Homs angeordnet. Auch gestern deutete der amerikanische Präsident eine Bestrafung von «Assad, diesem Tier», an. «Präsident Putin, Russland und Iran sind verantwortlich für die Rückendeckung des Tieres Assad», schrieb Trump auf Twitter. Sie würden für ihre Unterstützung des Syrers zur Rechenschaft gezogen, müssten einmal einen «grossen Preis» für ihre Schandtaten bezahlen.

Vergeltungsschläge wären hoch riskant

Wirklich konkret wurde Trump, der erst vor wenigen Tagen sein Desinteresse an einem weiteren militärischen Engagement in Syrien signalisiert hatte, freilich nicht. In seinem Tweet sprach sich der Amerikaner gestern auch für eine Aufhebung der Blockade der Stadt Duma sowie eine «Verifizierung» des Massakers aus – was zunächst gegen ein sofortiges militärisches Handeln spräche. Denn Vergeltungsschläge gegen das Assad-Regime wären hoch riskant. In seinen vor einem Monat veröffentlichten Warnungen vor neuen Giftgas-Angriffen in Syrien hatte das russische Verteidigungsministerium deutlich gemacht, dass man im Falle von US-Militärschlägen gegen Syrien nicht untätig bleiben werde.

Auch gestern warnte Russland die USA, den mutmasslichen Giftgas-Angriff als «Vorwand für einen Militäreinsatz» in Syrien zu nutzen. Eine Militärintervention «unter erfundenen Vorwänden könnte schwerste Konsequenzen haben», erklärte das russische Aussenministerium.