Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SYRIEN: «Assad und der IS brauchen einander»

Kurt Pelda berichtet regelmässig vom Kampfgeschehen in Syrien. Der Schweizer Kriegsreporter erklärt, wie er die Risiken für sich selber minimiert. Mit baldigem Frieden rechnet er nicht.
Syrer untersuchen die Trümmer nach einem Luftangriff auf die von Rebellen gehaltene Ortschaft Kalasa in Aleppo. (Bild: EPA / Zouhir al Shimale)

Syrer untersuchen die Trümmer nach einem Luftangriff auf die von Rebellen gehaltene Ortschaft Kalasa in Aleppo. (Bild: EPA / Zouhir al Shimale)

Interview Kari Kälin

Kurt Pelda, der Bürgerkrieg in Syrien hat bis jetzt rund 400 000 Tote gefordert, Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, Millionen sind im eigenen Land vertrieben. Sehen Sie ein baldiges Ende des Dramas?
Kurt Pelda: Ich sehe zurzeit überhaupt keinen Hoffnungsschimmer. Die involvierten Welt- und Regionalmächte tragen einen Stellvertreterkonflikt aus. Und die internationale Staatengemeinschaft unternimmt nicht die geringsten Anstrengungen, die wirklichen Ursachen des Konflikts anzupacken.
Nämlich?
Pelda: Der Arabische Frühling brachte die Gründe an die Oberfläche: die Unterdrückung der sunnitischen Mehrheit durch die Minderheit der Alewiten, der Diktator Baschar el Assad angehört. Alle gelenkten Bomben gegen tatsächliche und vermeintliche Terroristen helfen nichts, solange dieses Problem bleibt. Assad behandelt Syrien wie seinen Privatbesitz. Seine Soldaten haben an Wände gesprayt, sie würden das Land lieber niederbrennen und zerstören, als die Macht abzutreten.
Im Konflikt mischen Regierungstruppen, lokale gemässigte und weniger gemässigte Rebellen, regionale und internationale Mächte mit. Wer sind die Guten, wer die Bösen?
Pelda: Es geht um die Vorherrschaft in der Region. Man kann nicht sagen, der eine ist besser oder schlechter als der andere. Wer Kampfflugzeuge, Helikopter und schwere Artillerie gegen die Bevölkerung einsetzt, richtet einfach grösseren Schaden an als der Islamische Staat (IS), der zwar medienwirksam brutale Hinrichtungen inszeniert, aber nicht die Mittel hat, Hunderttausende Menschen umzubringen.
Richtet sich der Fokus zu stark auf den IS?
Pelda: Die Propaganda der Grossmächte und eine unbedarfte Medienarbeit haben dazu geführt, dass der Bürgerkrieg in Syrien fast nur noch unter dem Stichwort IS betrachtet wird. Man vergisst, wie es zum Konflikt kam, indem man die Komplexität auf einen Bösewicht reduziert. Die Mehrheit der Menschen flieht nicht vor dem IS, sondern vor Assads Luftangriffen.
Hat Russland den Bürgerkrieg mit seinem Eingreifen zu Gunsten Assads verschärft?
Pelda: Eindeutig. Assad hat Schub erhalten, ist jetzt noch weniger konziliant. Er will seine Gegner vernichten und das ganze Land zurückerobern.
Was kann die Schweiz in diesem Krieg bewirken?
Pelda: Sie kann humanitäre Hilfe leisten, das hat sie bis jetzt aber ungenügend getan. Die Schweiz könnte Kriegsverbrechen öffentlich machen, auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mit Sitz in Genf. Es hat eben erst angeprangert, dass einem IKRK-Hilfskonvoi der Zugang in ein belagertes Gebiet verwehrt wurde. Das IKRK sagt aber nie, wer schuld ist. Dabei trägt Assad in diesem Fall die Verantwortung. Man muss damit aufhören, die Täter nicht zu benennen.
Übt die internationale Staatengemeinschaft zu wenig Druck auf den Machthaber Assad aus?
Pelda: Ja. Sie müsste das Regime zu echten Friedensverhandlungen zwingen, notfalls mit militärischen Mitteln. Das ist momentan illusorisch. Barack Obama hat sich aus der Region verabschiedet und damit den Iran ermuntert, stärker auf Assads Seite einzugreifen.
Der Islamische Staat gerät zunehmend in Bedrängnis. Ist das Ende der Terrormiliz ein Schlüssel zu Frieden in Syrien?
Pelda: Nein. Aber es würde die Situation vereinfachen. Assad und der IS brauchen einander gegenseitig. Der IS kann seine Taten mit dem Kampf gegen ein schreckliches Regime legitimieren, Assad sich als Terrorismusbekämpfer aufspielen.
Sie reisen regelmässig ins Kriegsgebiet, letztmals im November. Wann brechen Sie wieder auf?
Pelda: Ich würde gerne ins umkämpfte Gebiet von Aleppo reisen. Doch dahin kommt man nur über ein Gebiet, das el Kaida kontrolliert. Die Gefahr, dass ich dort entführt werde, ist zu gross.
Sie sind zweifacher Familienvater. Was treibt Sie an, solche Risiken in Kauf zu nehmen?
Pelda: Ich bin schon lange als Kriegsreporter tätig. Mit 19 Jahren war ich mit afghanischen Rebellen unterwegs, berichtete über die Besatzung der Sowjetunion. Meine Stärke lautet, mit Rebellengruppen mitzureisen, anstatt mit Regierungstruppen unterwegs zu sein. Heute plane ich meine Einsätze besser als früher. Ich versuche, die Risiken zu minimieren. Es ist absehbar, dass ich künftig weniger oft aus Kriegsgebieten berichte. Die Reisen sind beschwerlich, und mit 51 Jahren bin ich auch nicht mehr der Jüngste. Es ist einfach ganz wichtig, dass wir weiter aus unabhängiger Quelle erfahren, was in diesen Kriegsgebieten geschieht, aus denen so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Das ist meine Hauptmotivation.
Westliche Geiseln bringen viel Geld ein. Wie gehen Sie mit der Gefahr von Entführungen um?
Pelda: Ich verfüge in einigen Teilen Syriens über ein gutes, während Jahren aufgebautes Netzwerk und Kontaktpersonen, denen ich vertraue. Wenn sie mich ausliefern wollten, wäre ich schon lange entführt worden. Übrigens hat das Assad-Regime zwei Haftbefehle gegen mich erlassen. Seine Leute würden mich verhaften, wenn sie könnten, und mich faktisch entführen.
Wenn Sie mit Rebellen unterwegs sind: Können Sie kritisch über sie berichten, oder sind Sie deren Sache quasi verpflichtet?
Pelda: Ich berichte auch über Kriegsverbrechen von Rebellen, die mich schützen. Allerdings mache ich dies nicht sofort auf Twitter publik, sondern warte auf den geeigneten Moment, wie zum Beispiel in Aleppo, wo ich Zeuge einer der ersten Massenerschiessungen von Rebellen an Assad-Schergen wurde. Solange man über böse Taten der Gegenseite berichtet, ist man auf der sicheren Seite. Sobald man aber zum Beispiel die demokratische Gesinnung der Kurden in Frage stellt und ihren Führer Abdullah Öcalan kritisiert, wird es schwierig.
Würden Sie einem Journalisten in der Schweiz raten, sich an die Front zu begeben?
Pelda: Wenn man sich gut vorbereitet und die Länder von Konfliktgebieten vielleicht von Reisen kennt, ist es durchaus möglich. Andernfalls würde ich das nicht empfehlen. Auch ich musste am Anfang Lehrgeld bezahlen. Eigentlich ist es schade, dass das Medienausbildungszentrum in Luzern keinen Kurs zum Thema Kriegsreportagen anbietet.
Haben Sie schon versucht, aus dem Gebiet des IS zu berichten?
Pelda: Ich habe einmal einen Antrag für ein Visum gestellt. Die Bedingungen waren aber so restriktiv, dass ich darauf verzichtete. Der IS verlangte eine schriftliche Garantie, dass mir eine grosse internationale TV-Station, also zum Beispiel CNN, BBC oder Al Jazeera, mindestens 20 Minuten Sendeplatz einräumt. Eine maximale Verbreitung des Beitrags war ihnen wichtig. Dabei hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal darüber diskutiert, wie der IS meine Sicherheit garantieren würde.
Der IS prahlt, er schleuse als Flüchtling getarnte Terroristen nach Europa. Ein realistisches Szenario?
Pelda: Die drei Iraker, die das Bundesstrafgericht im März wegen Verbindungen zum IS verurteilt hat, liefern den besten Beweis. Sie kamen als Flüchtlinge mit Hilfe von Schleppern in die Schweiz. Besonders im Auge behalten muss man Dschihadisten, die von Europa aus in Konfliktgebiete reisten und wieder zurückkehren. Mit ihrem echten Pass funktioniert das nicht. Also können sie es mit einem gefälschten syrischen Pass als Flüchtling versuchen. Der IS hat gemerkt, dass er seine Leute mit dieser Methode relativ einfach nach Europa schleusen kann.
Wie sollen Europa und die Schweiz mit dem Flüchtlingsstrom aus Syrien umgehen?
Pelda: Wir müssen die Hilfe vor Ort verstärken und den Menschen Perspektiven bieten. Viele Syrer leben seit Jahren in der Türkei, sind in Sicherheit. Weil sie dort keine Zukunft sehen, ziehen sie weiter nach Europa. Es ist falsch, im Fernsehen zu sagen, ihr seid alle willkommen. Das heizt den Flüchtlingsstrom an und bewegt die Menschen dazu, die lebensgefährliche Überfahrt übers Mittelmeer zu riskieren. Wir dürfen aber nicht die Willkommens- in eine Abweisungskultur umpolen. Europa und die Schweiz sollten besonders verletzliche Kriegsflüchtlinge, die in Lagern im Libanon, in Jordanien oder der Türkei leben, vor Ort identifizieren und aufnehmen. Für sie müssen wir in Europa Plätze reservieren.
Weshalb fliehen die Menschen nach Europa und nicht in islamische Nachbarstaaten? Ist der Wohlfahrtsstaat der Magnet?
Pelda: Der Wohlfahrtsstaat spielt eine Rolle, aber nicht nur. Der Hauptgrund ist das vergleichsweise gute Bildungssystem in Europa. Viele Familien wollen so ihren Kindern gute Zukunftsperspektiven verschaffen. Zudem sind Muslime nirgends so frei wie in Europa. Und die arabischen Länder haben ihre Grenzen ohnehin mehrheitlich verriegelt.

Kurt Pelda spricht in Luzern

Die Leser des Branchenmagazins «Schweizer Journalist» haben Kriegsreporter Kurt Pelda (51) im Jahr 2014 zum Journalisten des Jahres gekürt. Pelda berichtet seit Jahren von den gefährlichsten Orten der Welt. Morgen hält er in Luzern um 15 Uhr im Hotel Wilden Mann einen Vortrag zur Lage in Syrien. Danach findet ein Podiumsgespräch statt, an dem auch Peter Regli, der ehemalige Chef des Schweizer Nachrichtendienstes, und der Luzerner SVP-Kantonsrat Pirmin Müller teilnehmen. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Generalversammlung des Fördervereins «Gesellschaft und Kirche wohin?» statt.

Energieforum in Root

Kurze Zeit später ist Pelda auch Gast am Enerprice-Forum, das am 7. Juni im Technopark Luzern in Root stattfindet. Dort spricht er über die Entwicklung im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf die weltweiten Energiemärkte.

Terrormiliz wütet auch in Libyen

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat in ihrer libyschen Hochburg Sirte Menschenrechtlern zufolge seit Februar vergangenen Jahres mindestens 49 Menschen hingerichtet. Unter ihnen seien gefangen genommene Kämpfer und politische Gegner gewesen.
Anderen Opfern seien Spionage, Hexerei oder Gotteslästerung vorgeworfen worden, wie Human Rights Watch (HRW) in einem gestern veröffentlichten Bericht dokumentiert.

Knappe Versorgung für Einwohner

«Während die Weltaufmerksamkeit auf die Gräueltaten in Syrien und im Irak gerichtet ist, kommt der IS in Libyen mit Mord davon», sagte die Terrorismusexpertin von Human Rights Watch Letta Tayler.
Die Terrormiliz IS soll ausserdem Nahrungsmittel, Medikamente, Brennstoff und Geld bevorzugt an ihre Mitglieder verteilen, während sie die anderen Einwohner des Ortes Sirte knapp hält.

Machtvakuum nach Ghadhafi

In der Vergangenheit hatten Bewohner Sirtes der Nachrichtenagentur DPA bereits von öffentlichen Hinrichtungen nach dem Freitagsgebet auf dem örtlichen Platz berichtet.
Sirte ist die Geburtsstadt des im Oktober 2011 getöteten libyschen Langzeitmachthabers Muammar el- Ghadhafi. Seit dessen Sturz ist Libyen nicht mehr zur Ruhe gekommen.
Die Terrormiliz IS hat das Machtvakuum und das Chaos ausgenutzt, um sich in dem Gebiet immer weiter auszubreiten. Die Dschihadisten kontrollieren einen mehrere hundert Kilometer langen Küstenstreifen um die Ortschaft Sirte.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.