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SYRIEN: Der Verdacht fällt auf das Assad-Regime

Bei einem Giftgas-Angriff in Nordsyrien sterben Dutzende Menschen. Die Opposition und die internationale Gemeinschaft zeigen mit dem Finger auf Diktator Baschar el Assad. Die UNO befasst sich bereits heute mit der Untat.
Michael Wrase, Limassol
Ein Kind erhält in einem Feldspital medizinische Hilfe. (Bild: EPA (Sarakeb, 4. April 2017))

Ein Kind erhält in einem Feldspital medizinische Hilfe. (Bild: EPA (Sarakeb, 4. April 2017))

Michael Wrase, Limassol

Die Bilder aus Chan Scheichun, einer Stadt im Norden Syriens, machen fassungslos: Auf der Lagefläche eines Pritschenwagens liegen, dicht aneinandergereiht, die Leichen von neun Kleinkindern und Babys. Die Toten haben keine äusseren Verletzungen. Nur an Mund und Nase sind Spuren von Schaum zu erkennen – ein möglicher Hinweis auf den Kampfstoff Sarin. Das Nervengas wirkt auch über die Haut, ist unsichtbar, geruchlos – und tötet in geringer Konzentration innerhalb von Sekunden.

Drei Stunden nach dem Gas-Angriff wurde laut der Opposition auch das Krankenhaus in Chan Scheichun von Raketen getroffen und teilweise zerstört. Die Stadt liegt in der Provinz Idlib, die vorwiegend von der Nusra-Front, einem syrischen Ableger Al-Kaida, kontrolliert wird.

Aktivisten der syrischen Opposition machten die syrische oder die russische Luftwaffe für die Giftgas-Angriffe verantwortlich. Mehr als 60, nach Angaben der Rebellennachrichtenagentur «Step-News» sogar bis zu hundert Menschen seien bei den Angriffen ums Leben gekommen.

Da praktisch alle Quellen den Rebellen nahestehen und unparteiische Beobachter keinen Zugang zum Ort des Geschehens haben, müssen die bislang vorliegenden Erkenntnisse mit Vorsicht bewertet werden. So gibt es etwa für die Behauptung des syrischen Militärs, man habe in Chan Scheichun eine Giftgas-Fabrik von Al-Kaida bombardiert, bisher keinerlei Anhaltspunkte.

Moralische Bedenken, chemische Waffen einzusetzen, hatten und haben weder das Regime noch die Dschihadisten. Dokumentiert hat die UNO den Einsatz von Chlorgas durch das Regime und die Nusra-Front, deren Kämpfer Chan Scheichun und andere Regionen im Nordwesten Syriens kontrollieren.

Die syrische Opposition vergleicht die Angriffe auf Chan Scheichun mit dem Giftgas-Massaker in den Vororten von Damaskus, bei dem im August 2013 bis zu 1400 Zivilisten ums Leben kamen. Auch damals wurde Sarin eingesetzt. Die amerikanische Luftwaffe bereitete eine gross- angelegte Vergeltungsoffensive gegen das Regime von Diktator Baschar el Assad vor. Dann stoppte US-Präsident Barack Obama das Vorhaben völlig überraschend. Was war geschehen?

Der britische Geheimdienst untersuchte Bodenproben und kam zum Schluss, dass das bei Damaskus eingesetzte Sarin nicht aus Beständen der syrischen Armee stammte. Assads Truppen verfügten zwar über Sarin, aber in einer anderen chemischen Zusammensetzung. Die Briten informierten daraufhin ihre amerikanischen Kollegen, die ihre Erkenntnisse sofort ans Weisse Haus weiterleiteten.

Türkischer Geheimdienst vereitelt Aufklärung

Drei Monate vor dem Giftgas-Massaker in Damaskus verhaftete die türkische Polizei in der Stadt Adana 13 Mitglieder der Nusra-Front. Dabei entdeckte sie 2 Kilogramm Sarin. Der türkische Geheimdienst vereitelte die Aufklärung des Skandals. Er veranlasste die sofortige Abschiebung der Inhaftierten nach Syrien. Die Redaktion der liberalen Zeitung «Zaman», die über den Sarin-Fund ausführlich berichtet hatte, wurde mehrfach gestürmt und nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 auf Regierungslinie gebracht.

So kam die Wahrheit über die Giftgas-Angriffe in Damaskus bis heute nicht ans Licht. War es ein Massaker des Assad-Regimes? Oder wollte die Nusra-Front, unterstützt vom türkischen Geheimdienst, die US-Armee gegen das Regime in den Krieg zu ziehen – mit einem perfiden Giftgas-Angriff, bei dem es den Anschein macht, als stünde Assad dahinter? Vermutlich wird es auch in Chan Scheichun noch eine Weile dauern, bis Klarheit herrscht.

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich derweil empört über den Gasangriff. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump machte Assad dafür verantwortlich. Auch die EU-Aussenbeauftragte Federica Moghe­rini sieht «die vorrangige Verantwortung» beim Regime. Der UNO-Sicherheitsrat befasst sich bereits heute mit dem Giftgas-Angriff, wie die UNO-Botschafterin der USA, Nikki Haley, am Dienstag in New York mitteilte. Die ständigen Sicherheitsratsmitglieder Frankreich und Grossbritannien hatten die Dringlichkeitssitzung beantragt.

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