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SYRIEN: «Der Westen hat jahrelang zugeschaut»

Kriegsreporter Kurt Pelda berichtet regelmässig aus dem Bürgerkriegsland. Er kritisiert die Haltung Europas und der Schweiz scharf – und fordert deutlich mehr Geld für die Hilfe vor Ort.
Syrische Flüchtlinge kommen aus der Türkei per Schlauchboot auf der griechischen Insel Lesbos an. Derzeit erreichen täglich bis zu 3000 Flüchtlinge die Insel. (Bild: EPA/Orestis Panagiotou)

Syrische Flüchtlinge kommen aus der Türkei per Schlauchboot auf der griechischen Insel Lesbos an. Derzeit erreichen täglich bis zu 3000 Flüchtlinge die Insel. (Bild: EPA/Orestis Panagiotou)

Kurt Pelda, was würden Sie tun, wenn Sie als Familienvater in Syrien lebten?

Kurt Pelda*: Das kommt darauf an, wo in Syrien ich leben würde. Es gibt Gebiete – etwa im Nordosten des Landes, wo ich zuletzt war –, die von den Kämpfen weitgehend verschont wurden. Die wirtschaftliche Situation ist nicht rosig, aber man kann dort leben.

Trotzdem haben sich Millionen Syrer entschlossen, ihr Land zu verlassen.

Pelda: Meistens sind es mehrere Motive, die sich vermischen. Viele Menschen fliehen vor Krieg und Unterdrückung, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Man muss sich vor Augen halten, dass ein Grossteil der Syrer, die jetzt nach Europa kommen, vorher in der Türkei gelebt haben. Man kann nicht behaupten, dass diese Leute in der Türkei bedroht waren.

Wieso kommen sie denn nach Europa?

Pelda: Weil wir Europäer andere Ansprüche haben, was Unterstützung für Flüchtlinge angeht. In der Türkei gibt es zwar eine grosse Solidarität von Seiten der Bevölkerung, aber kaum Hilfe vom Staat. Eines der wichtigsten Motive sind die Kinder: Das Bildungssystem in Syrien ist ein Desaster, und in der Türkei sehen viele ebenfalls keine Perspektive. Da ist es naheliegend, nach Europa zu gehen.

Die Bilder in den Medien, insbesondere jene des toten Flüchtlingsjungen Aylan, haben in Europa eine Welle der Solidarität ausgelöst.

Pelda: Es ist ja schön, dass sich die Leute in Europa endlich für Syrien interessieren. Aber alte Kleider zu verteilen, bringt wenig. Diese Menschen brauchen nicht Kleider, sie brauchen Unterkünfte, Sprachkurse und so weiter.

Wie hilft man am besten?

Pelda: Wenn jemand in der Schweiz ein Asylgesuch stellt, erhält er eine Unterkunft, Essen, es braucht Anwälte und Übersetzer – es sind enorme Beträge, die in einen riesigen bürokratischen Leerlauf fliessen. Mit diesem Geld könnte man vor Ort – in Syrien und in den Nachbarländern – viel mehr erreichen. Das UNO-Flüchtlingswerk UNHCR bräuchte in diesem Jahr 4,5 Milliarden Dollar für die Opfer des Kriegs in Syrien. Von der internationalen Staatengemeinschaft erhielt es bisher gerade einmal 1,7 Milliarden Dollar, davon 17 Millionen aus der Schweiz. Das ist viel zu wenig. Kein Wunder, kommen die Leute nach Europa.

Wird die Migration nach Europa weiter zunehmen?

Pelda: Ja. Zurzeit ist von einer «Völkerwanderung» die Rede – doch das, was wir jetzt sehen, ist keine Völkerwanderung. In diesem Jahr sind bislang 381 000 Menschen übers Mittelmeer nach Europa gelangt, davon etwa 158 000 Syrer. Wir sind mit diesen 158 000 schon völlig überfordert – während in der Türkei nach offiziellen Angaben 2 Millionen syrische Flüchtlinge leben, tatsächlich dürften es 2,5 Millionen sein. Laut einer Umfrage will jeder zweite Syrer nach Europa. Wenn wir ihnen die Illusion geben, wir könnten alle aufnehmen, machen wir uns mitschuldig, wenn im Mittelmeer noch mehr Menschen sterben. Es kann nicht sein, dass wir so hohe Anreize bieten, derartige Gefahren auf sich zu nehmen.

Sollen wir denn einfach unsere Grenzen abriegeln?

Pelda: Letztlich müssen wir die Migrationsströme kanalisieren und kontrollieren. Selbstverständlich müssen wir Flüchtlinge retten, die im Mittelmeer in Seenot geraten. Aber wenn wir alle bei uns aufnehmen, spielen wir bloss den Schleppern in die Hände, die ihr Geld damit verdienen, dass sie Flüchtlinge nach Europa bringen. Gegen Schlepper zu wettern und gleichzeitig ihr Geschäft zu unterstützen, ist pervers.

Zurückschicken kann man die Leute wohl kaum.

Pelda: Wieso nicht? Wieso schaffen wir nicht Lager, beispielsweise in Tunesien, wo die Flüchtlinge sicher sind und von wo sie ein Asylgesuch stellen können?

Etwas Ähnliches wie das Botschaftsasyl, das die Schweiz früher kannte?

Pelda: Ja, letztlich muss es wieder so etwas geben. Das Entscheidende ist aber, dass wir die Anstrengungen vor Ort verstärken. Und dass wir etwas tun, um den Krieg in Syrien zu beenden. Der Westen hat diesem Krieg jahrelang zugeschaut und so getan, als gehe uns das nichts an. Dabei hat dieser Konflikt eine ungeheure Sprengkraft – nicht nur für die Region, auch für Europa.

Wie kann der Krieg beendet werden?

Pelda: Die Kriegsparteien in Syrien, von Präsident Assad bis zu den Kurden, sind alle abhängig vom Ausland. Anfangen muss man deshalb bei den Supermächten: Die USA und Russland müssen sich zusammentun. Als zweiter Schritt müssen Regionalmächte wie der Iran und die Türkei einbezogen werden. Sie können die Gruppen, die in Syrien kämpfen, zu einer friedlichen Lösung zwingen. Damit es Frieden gibt, müssen aber alle Akteure das Gefühl haben, durch Gespräche mehr gewinnen zu können als durch Krieg. Davon ausgenommen sind der IS und el Kaida: Diese muss man militärisch bekämpfen. Aber zuerst müssen sich die anderen Gruppen einig werden.

Interview Lukas Leuzinger

Hinweis

* Kurt Pelda (50) ist Kriegsreporter und berichtet für verschiedene Medien regelmässig aus Syrien und anderen Konfliktgebieten. 2014 wurde er als Schweizer Journalist des Jahres ausgezeichnet.

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