SYRIEN: Im Stellvertreterkrieg naht die Eskalation

Die syrische Armee stösst an der irakischen Grenze auf von den USA unterstützte Rebellen. Offiziell sollen diese den IS bekämpfen – tatsächlich soll aber eine Verbindung zwischen Syrien und dem Irak verhindert werden.

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Ein Panzer in einer zerstörten Strasse in der syrischen Stadt Aleppo. Gespräche zum Syrienkrieg sollen am 23. Januar in Astana stattfinden. (Archiv) (Bild: KEYSTONE/AP RUSSIAN DEFENSE MINISTRY PRESS SERVICE)

Ein Panzer in einer zerstörten Strasse in der syrischen Stadt Aleppo. Gespräche zum Syrienkrieg sollen am 23. Januar in Astana stattfinden. (Archiv) (Bild: KEYSTONE/AP RUSSIAN DEFENSE MINISTRY PRESS SERVICE)

Die schiitischen Milizen waren auf dem Weg zur syrischen Grenzstadt Al Tanf, als sie am Donnerstag vorletzter Woche nach «mehrfachen Warnschüssen» von der US-Luftwaffe bombardiert wurden. Man habe – auf syrischem Territorium – eingreifen müssen, um die von der CIA geschaffene und von amerikanischen, britischen und norwegischen Spezialtruppen unterstützte «neue syrische Armee» zu beschützen, lautete die Begründung.

Die nur 3000 Mann starke Miliz, so der von Washington publizierte Plan, soll vom irakisch-jordanischen Grenzgebiet aus in die syrische Provinz Deir ez-Zor vorrücken, wenn sich die Terrorbanden des sogenannten Islamischen Staats (IS) nach dem Fall von Rakka dorthin zurückziehen. Was die Amerikaner nicht sagten: Die «neue syrische Armee» hat ein weiteres Ziel. Sie soll verhindern, dass Assads Truppen mit ihren schiitischen Verbündeten den Osten des Landes zurückerobern und es so dem Iran ermöglichen, über den Irak und Syrien einen Landkorridor zur libanesischen Mittelmeerküste zu schaffen.

Angriffe zeigen wenig Wirkung

Eine solche Option wäre auch für die Israelis ein Horrorszenario. Deren Aktionsradius ist durch die massive russische Militärpräsenz in Syrien allerdings begrenzt. Auch die Amerikaner hatten zunächst Moskau informiert, bevor sie in der vorletzten Woche die schiitischen Milizen in der syrischen Wüste bombardierten.

Bewirkt haben die Angriffe bislang wenig. Beflügelt durch die relative Waffenruhe in Syrien nach der Schaffung von «Deeskalationszonen» konnten von der Hisbollah und iranischen Revolutionsgardisten unterstützte syrische Regierungstruppen riesige Gebiete im Osten Syriens zurückerobern. Mit ihrem Vorstoss südwestlich und östlich von Palmyra hätte die Assad-Armee die Absicht der von den USA ausgerüsteten «neuen syrischen Armee», in die Provinz Deir ez-Zor vorzustossen, vorerst durchkreuzt, klagten Sprecher der Miliz. Die von Moskau und Teheran im kasachischen Astana vereinbarten Deeskalationszonen seien in Wirklichkeit nichts anderes als eine «russische Falle», welche es den Regimetruppen ermögliche, auf breiter Front in die Offensive zu gehen, echauffierte sich auch das amerikanische Institute for the Studies of War in einer Analyse. Russland und der Iran hätten sich in Syrien selbstständig als «Garanten für den Frieden» ausgerufen, erklärte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, Ed Royce.

Mit russischer Militärpolizei und iranischen Revolutionskommandanten als «Kontrolleure der Zonen» habe der Frieden in ­Syrien jedoch keine Chance. Die «Schaffung von Frieden» ist für die in Syrien aktiven Super- und Regionalmächte freilich nur der Vorwand, um ihre geostrategischen Interessen zu sichern.

Im Osten von Syrien befinden sich wichtige Öl- und Gasfelder sowie riesige Phosphatminen, deren Ausbeutung sich bereits der Iran gesichert hat. Auch für die Landwirtschaft ist das Gebiet wichtig.

Angesichts der bevorstehenden Zerschlagung der islamistischen Terrormilizen ist es daher kein Wunder, dass sich die an dem Stellvertreterkrieg beteiligten Parteien schon jetzt für die Zeit nach dem IS in Position bringen. Der Krieg in Syrien – und auch der im benachbarten Irak – dürfte dann noch längst nicht zu Ende sein. Während für die USA ein von der Pentagon-nahen Rand Corporation favorisiertes «bosnisches Modell» für Syrien, also die Zerstücklung des Landes, offenbar eine Option ist, setzten Russland und der Iran auf «die Befreiung von ganz Syrien» durch die Assad-Armee.

Als diese gestern in der Region von Al Tanf ihren Vormarsch fortsetzte, warfen US-Kampfflugzeuge erneut Flugblätter ab, auf denen «vor den Konsequenzen» eines weiteren Vorrückens in Ostsyrien gewarnt wurde.

 

Michael Wrase, Limassol