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SYRIEN-KONFLIKT: «Alle haben ihre Hände im Spiel»

IKRK-Präsident Peter Maurer fordert, dass Hilfsgelder vermehrt ohne Bedingungen gesprochen werden, sonst verpuffe die Wirkung humanitärer Hilfe.
Roman Schenkel
Zwei Syrer fahren mit dem Motorrad durch die zerstörte Stadt Duma. (Bild: Louai Beshara/AFP (16. April 2018))

Zwei Syrer fahren mit dem Motorrad durch die zerstörte Stadt Duma. (Bild: Louai Beshara/AFP (16. April 2018))

Interview: Roman Schenkel

Peter Maurer, als Diplomat sagten Sie, Probleme löse man am besten, wenn man auf sie zugehe. Gilt dies auch für kriegerische Konflikte?

Beim IKRK wähle ich diese Strategie sogar noch intensiver. Wenn man nicht dort ist, wo die Organisation den Arbeitsmittelpunkt hat, und das ist beim IKRK nun einmal an den Frontlinien, wo gekämpft wird, wird man nicht vorwärtskommen. Es gibt heute die Tendenz, dass Staaten oder Organisationen gezielt Probleme zu den Lösungen suchen, die sie auch anbieten. Statt Lösungen zu den Problemen zu suchen, die im Zentrum stehen. Das IKRK setzt hier einen Kontrapunkt und geht auf die Probleme zu. Nähe ist eine von unseren Losungen. Nähe zu den Opfern, aber auch zu den Problemverursachern.

Im März waren Sie in Syrien, dem Konflikt Nummer eins.

Syrien ist ohne Zweifel der Konflikt mit den grössten Auswirkungen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist vertrieben entweder innerhalb des Landes oder im Ausland. Die Infrastruktur ist massiv zerstört. Sozialsystem, Gesundheitssystem, Erziehungssystem sind fast nicht mehr funktionsfähig. Zudem ist der Konflikt wie kein anderer internationalisiert. Lokale, nationale, regionale, globale Akteure – alle haben ihre Hände im Spiel. Es gibt regelmässig Verletzungen von Basis­normen des humanitären Völkerrechts, auf die Zivilbevölkerung wird keine Rücksicht genommen. All das sind Faktoren, die dem Konflikt eine spezielle Dynamik geben. Deshalb fragen Sie auch zuerst nach dem Syrien-Konflikt und nicht nach einem anderen Konflikt.

An welche Konflikte denken Sie?

Wenn ich schaue, wie viele Leute durch einen Konflikt betroffen sind, dann mache ich mir mindestens so viele Sorgen, wenn nicht grössere, um Jemen. In Jemen leben 27 Millionen Menschen, über 22 Millionen davon sind abhängig von humanitärer Hilfe. Prozentual ist die Bedürftigkeit also höher als in Syrien. Oder der Kongo: Das ist quasi ein vergessener Konflikt. Er dauert seit praktisch 40 Jahren. Es gibt keine Ruhe, kein halbwegs normales Umfeld. Der Konflikt hat aber praktisch nur regionale Auswirkungen, deshalb halten sich die Grossmächte dort zurück. Der Syrien-Konflikt hat die Prominenz erhalten, weil das Land dort liegt, wo es liegt, und weil zu einem bestimmten Zeitpunkt Flüchtlinge übers Meer kamen. Das hat Europa die Bedeutung des Konflikts vor Augen geführt.

Ist das problematisch, wenn das Scheinwerferlicht so stark auf einem Konflikt ist?

Es ist schon so, dass sich Konflikte «konkurrenzieren». Das IKRK hilft in erster Line nach der Dringlichkeit. Das Spannungsfeld zwischen Bedürfnis, Sichtbarkeit und Finanzen ist grösser geworden. Oft haben wir Sichtbarkeit und Finanzen bei Konflikten, wo die Bedürfnisse nicht am grössten sind. Oder man hat dort riesige Bedürfnisse, wo keine Visibilität und schon gar kein Geld vorhanden sind. Als IKRK versuchen wir permanent diese Gleichung zwischen Sichtbarkeit, Geld und Not besser abzustimmen. Ganz lösbar ist die Gleichung nie. Meine Reisen als Präsident plane ich oft vor diesem Hintergrund. Nächste Woche reise ich beispielsweise in den Kongo, um durch meine Präsenz auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Wie schätzen Sie die Lage aktuell in Syrien ein?

Die Kriegsparteien schenken sich, der Bevölkerung und den Hilfsorganisationen nichts. Der Sicherheitszugang und Schutz ist sehr viel komplizierter als in anderen Konflikten. Es gibt keinen einfachen Konflikt, aber dennoch findet man in der Regel eine Lösung. In Syrien ist nichts selbstverständlich. Jeder noch so kleine Schritt, jeder Raum, jede Aktivität muss mit allen Seiten immer wieder und bis ins Detail abgesprochen werden. Ich habe das selber erlebt. Der Aufwand, bis ich nach Duma fahren konnte, war enorm. Unglaublich viel Papierkram, Erklärungen und Zeit waren nötig.

Wie ist die Situation für Ihre Leute?

Punkto Sicherheit ist Syrien gefährlich, aber nicht aussergewöhnlich. Alles in allem hat man doch relativ strukturierte bewaffnete Verbände. In anderen Konflikten haben wir ein Durcheinander von Gruppierungen mit gewissen Motiven – etwas kriminell, etwas politisch, etwas ethnisch. Das sind viel unsicherere Situa­tionen. Wir müssen Acht geben, dass wir unseren Leuten im Feld genügend Ruhephasen gönnen. Man kann nicht ständig auf Hochtouren laufen.

Wie verarbeiten Sie persönlich diese Eindrücke?

Nicht anders als andere auch. Im Gegensatz zu den Mitarbeitenden vor Ort kann ich ja raus, auch wenn ich oft gleich in den nächsten Konflikt reise. Aber im Prinzip hat jeder seine Art, wie er solche Aktivitäten verkraftet. Wir versuchen die Leute zu unterstützen, so gut es geht. Oft holen wir die Leute nach einem dreiwöchigen Einsatz für ein Wochenende raus. Mir hilft Sport. Ich jogge, zudem lese ich viel.

Stumpft man nicht ab?

Ich habe kein Gefühl von Abstumpfung. Je näher ich am Konflikt ich bin, desto leichter ist die Verarbeitung. Wer konkret sieht, was passiert, kann das besser verarbeiten. Wer die Realität nur über Bilder wahrnimmt, dem spielt oft die Fantasie einen Streich. Bilder sind schwieriger zu verarbeiten als die Realität. Das hat aber nichts mit Abstumpfung zu tun. Unsere Leute gehen oft für weitere Einsätze zurück in die Krisengebiete. Menschen sind enorm widerstandsfähig, und zwar nicht nur die Helfer.

Erklären Sie.

Ich bin immer wieder erstaunt, warum die Leute so lange in so schwierigen Situatio­nen bleiben. Wir Europäer fragen uns: Wie­so kommen so viele Syrer nach Europa? Aber eigentlich müsste die Frage anders lauten. Nämlich: Wieso sind so viele Millionen Syrer im Land geblieben? Wieso um Himmels willen fliehen sie nicht?

Wieso tun sie es nicht?

Niemand geht freiwillig an einen fremden Ort weit weg von zu Hause. Hier liegt die Chance von humanitärer Hilfe. Wenn man den Leuten hilft, über die gröbsten Schwie­rigkeiten hinwegzukommen, und ihnen eine kleine Perspektive bietet, dann bleiben sie in der Regel dort, wo sie zu Hause sind. Sie probieren, etwas aus ihrem ­Leben zu machen, neu anzufangen. Das ist heute unser Hauptziel: Wie kann man den Leuten möglichst nahe von zu Hause Hoffnung geben? Doch das kostet Geld. Heute lässt sich angesichts der Vielzahl und der Tiefe von Konflikten die humanitäre Hilfe nicht mehr mit dem traditionellen Modell finanzieren. Die Bedürfnisse sind so riesig, dass man nicht genug Geld zusammenbringt.

Das hat sich vergangene Woche an der Syrien-Konferenz in Brüssel gezeigt: Mit 4,4 Milliarden Euro kam weniger Geld zusammen als erhofft.

Das ist Ausdruck der doppelten Spaltung der internationalen Gemeinschaft. Die Staaten sind sich nicht einig über die Zukunft von Syrien, aber auch nicht darüber, wie man dem Land helfen soll. Die einen sind der Ansicht, dass der Frieden dadurch erreicht wird, wenn man das Land wieder aufbaut. Die anderen wollen kein Geld in ein Land pumpen, das von einer Regierung geführt wird, die auf eine so grausame Art Krieg geführt hat.

Wie kann man den Konflikt mit weniger Geld lösen?

Entscheidend ist nicht die Höhe des Betrags. Blinde Expansion von Ressourcen bringt nichts, entscheidend ist die Wirkung. In der Öffentlichkeit haben symbo­lische Zahlen eine überproportionale Be­deutung gegenüber der Sorge um die Wirkung. Ich denke, es braucht mehr und wirkungsvoller eingesetztes Geld. Dafür brauchen wir aber mehr Freiheiten. Wenn das IKRK in einem Dorf, in das die Bevöl­kerung nach dem Krieg wieder zurückkehrt, ein mobiles Spital einrichtet, die Wasserversorgung flickt, die Schule instand stellt, dann darf diese Hilfe nicht an politische Bedingungen geknüpft sein.

Mit dem «Humanitarian Impact Bond» haben Sie kürzlich 27 Millionen Franken auf­genommen. Dabei versprechen Sie Investoren eine erfolgsabhängige Rendite. Weshalb dieses neue ­Finanzierungsmodell?

Wir kehren damit die Logik um, die bei einer üblichen bei einer Geldsammlungskonferenz herrscht. Dort stehen Politiker gut da, wenn sie viel Geld ausgeben. Nach der Wirkung fragt niemand. Es braucht aber auch in der Entwicklungs- und der humanitären Hilfe eine neue Art des Verantwortungsbewusstseins. Es handelt sich ja um Steuergeld, das muss sinnvoll eingesetzt werden. Das ist die Idee des «Humanitarian Impact Bonds». Wir nehmen Geld von Privaten in die Hand, um damit Wirkung zu erzielen. Haben wir Erfolg, können wir Kapital zurückbezahlen, gerade auch über humanitäre Agenturen von Staaten.

Woher kommt die Rendite?

Die Rendite kommt letztlich von sogenannten Outcome Funder und von Effi­zienzsteigerungen in der Umsetzung. Beides erlaubt es, nach fünf Jahren bei Er­reichen von gewissen Zielen das eingesetzte Kapital zu verzinsen. Wenn der Investor Geld zurückerhält, kann man berechtigte Hoffnung haben, dass er erneut in ein Projekt investiert. Anstatt das Geld einfach nur auszugeben, wird es in einen Kreislauf investiert.

Das IKRK verwendet das Geld zur Entwicklung von Rehabilitationszentren. Wieso wurde ausgerechnet die Hilfe an Opfer von Landminen für diesen Versuch ausgewählt?

Das IKRK hat auf diesem Gebiet 30 Jahre Erfahrung. Wir haben 10 Millionen Prothesen geliefert, aber der Bedarf liegt bei 100 Millionen Stück.

Ist es richtig, humanitäre Hilfe privatwirtschaftlichen Mechanismen zu unterwerfen?

Mit einer harten Businesslogik lässt sich niemals humanitäre Hilfe finanzieren. Zu hoch kann eine Rendite also nicht sein. Und es ist auch klar, dass es Bereiche gibt, die wir nicht mit einem solchen Modell finanzieren können. Man kann kein Geschäftsmodell aufziehen, wenn 60 000 Leute innerhalb von 48 Stunden aus Duma fliehen. Da braucht es klassische humanitäre Hilfe. Nach einer ersten Stabilisierungsphase kommt aber der Augenblick, wo die Leute etwas machen wollen. Da braucht es Perspektiven und die Gelegenheit, etwas Produktives zu tun.

Mit der neuen Finanzierung senden Sie auch ein Zeichen nach innen.

Die Symbolkraft dieses Schrittes ist mir wichtig. Zu oft dreht es sich darum, mit wie viel Geld wir auf eine Krise reagieren, statt in ein Modell zu investieren, das nachhaltig ist und breiter zur Problemlösung beitragen kann. Humanitäre Arbeit hat sich fundamental verändert. Sogar in Somalia hat das IKRK die Lebensmittelhilfe zurückgefahren und statt­dessen mehr Kleinkredite an Bauern ver­geben. Spenden allein lösen die Probleme nicht. Es gibt Situationen, in denen Essenspakete, Trinkwasser, Wolldecken und Zelte die richtige Antwort sind, da die Be­troffenen für solche Güter nicht bezahlen können. In einer zweiten Phase müssen wir aber versuchen, sukzessive ein ökonomisch nachhaltiges System aufzubauen. Diese Methode zwingt das IKRK, die Wirtschaftlichkeit und die Nachhaltigkeit in der humanitären Arbeit vermehrt zu beachten.

Das IKRK finanziert sein Budget von 2 Milliarden Franken fast ausschliesslich mit staatlichen Beiträgen. Wird das künftig anders sein?

Nein, ich denke nicht. Alternative Finanzierungsmodelle werden ein relativ kleiner Anteil bleiben. Wobei nicht klar ist, ob diese Projekte überhaupt über unsere Bücher laufen müssen. Idealerweise führt das dazu, dass sich Probleme über einen Markt selber lösen und wir uns auf die fachliche Leitung und Beratung konzentrieren können. Unsere heutigen Projekte sind meist noch Versuchsballons. Wir werden Erfahrungen sammeln müssen. Für uns als die älteste humanitäre Organisation ist es aber wichtig, zu zeigen, dass wir eine nächste Generation von Pro­b­lemen mit neuen Ideen angehen.

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