SYRIEN-KRIEG: Flucht ins «Mutterland» Armenien

Dem Völkermord während des Ersten Weltkriegs entkommen, lebten Armenier in Syrien fast 100 Jahre lang in Sicherheit. Doch der dortige Bürgerkrieg trieb Zehntausende in die Flucht. Aufnahme finden sie in in der Heimat ihrer Vorfahren.

Michael Wrase, Jerewan
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Eine armenischstämmige Syrerin weint bei der Ankunft am Flughafen von Jerewan. Rund 20000 Armenier sind vor dem Krieg in Syrien bereits ins «Mutterland» geflohen. (Bild: Karen Minasyan/AFP (13. August 2012))

Eine armenischstämmige Syrerin weint bei der Ankunft am Flughafen von Jerewan. Rund 20000 Armenier sind vor dem Krieg in Syrien bereits ins «Mutterland» geflohen. (Bild: Karen Minasyan/AFP (13. August 2012))

Michael Wrase, Jerewan

Vahe Khakigian ist verbittert. «400 000 syrische Lira» – das sind knapp 900 Dollar – «drückten sie uns nach dem Tod unseres Sohnes Andranik in die Hand», erzählt der armenischstämmige Familienvater. Mit zittrigen Händen hält der korpulente Mann das Bild seines gefallenen Sohnes, dreht es kurz um und flüstert mit seiner vom vielen Rauchen heiseren Stimme: «Mehr ist das Leben eines Soldaten in Syrien nicht wert.»

Andranik wurde im Mai 2014 bei Deir ez-Zor von einer Granate der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zerfetzt. Er starb mit nur 23 Jahren. In der Steinwüste von Deir ez-Zor endeten auch die vor 100 Jahren von den Osmanen organisierten Todesmärsche der Armenier. Unter den unzähligen Armeniern, die damals qualvoll zu Grunde gingen, war auch Vahes Grossvater. Die Grossmutter überlebte die brutalen Deportationen. Christliche Missionare brachten sie nach Aleppo, wo Anfang der 30er-Jahre jeder fünfte Einwohner ein Armenier war.

Im Gegensatz zu den Türken seien die Araber immer grosszügig und tolerant gewesen. «Wir konnten unsere Kultur pflegen und in Aleppo Kirchen bauen», erinnert sich Vahe und lächelt für einen kurzen Moment. Erst mit dem Beginn des Bürgerkrieges sei «der Hass zurückgekommen», welcher sich erneut gegen die Minderheiten gerichtet habe: «Unsere traurige Geschichte begann sich zu wiederholen.»

Im Oktober letzten Jahres wurde das Haus der Familie Khakigian in Midan, dem Armenierviertel von Aleppo, von einer El-Kaida-Granate zerstört. Drei Wochen später sei der Einberufungs­befehl für Gework, den Zwillingsbruder des gefallenen Andranik, gekommen. «Wir hatten daraufhin keine andere Wahl, als Syrien endgültig zu verlassen», betont Vahe und reckt sein Kinn entschlossen nach vorne: «Schliesslich mussten wir Gework vor dem fast sicheren Tod auf dem Schlachtfeld retten.»

Mehr als 20 000 Armenier aus Syrien flohen ins «Mutterland»

Über Beirut floh die Familie nach Armenien. Das «Mutterland» aller Armenier gewährt den Bürgerkriegsflüchtlingen nicht nur Asyl, sie bekommen auch armenische Pässe. Mehr als 20 000 armenischstämmige Syrer kamen seit 2012 in die Südkaukasus-Republik, fast alle aus Aleppo.

Gut 16 000 sind geblieben. Den meisten von ihnen geht es schlechter als im Vorkriegssyrien. «In Aleppo hatte ich eine gut laufende Autoreparaturwerkstatt», berichtet Hovannes Degirmengian, der nun in einer stickigen Fussgängerunterführung im Zentrum von Jerewan Baklava und andere Süssigkeiten verkauft. Der Verdienst sei gering. Um mit seiner fünfköpfigen Familie über­leben zu können, ist der stämmige Endfünfziger auf die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NGO) angewiesen.

Sie haben die Aufgaben der bei der Integration der Flüchtlinge versagenden armenischen Regierung übernommen. NGOs wie Aleppo-ngo.org organisieren die Flugtickets der Flüchtlinge von Beirut nach Jerewan, bezahlen die Wohnungsmieten in der armenischen Hauptstadt und helfen auch bei der Jobsuche. «Fast alle Neuankömmlinge gingen davon aus, dass sie nur vorübergehend in Armenien bleiben und nach ein paar Monaten nach Syrien zurückgehen würden», erklärt Sarkis Balkhian, der Pressesprecher der Hilfsorganisation.

In Armenien ist jeder Dritte arbeitslos

Dass sich die syrischstämmigen Armenier nun in einem Land, in dem jeder Dritte ohne Arbeit ist, eine neue Existenz aufbauen müssten, sei «für die Vertriebenen ein richtiger Schock». Nicht wenige verfallen in Lethargie, beginnen, wie die aus einem Vorort von Damaskus geflohene Familie Sarkis, zu resignieren.

«Die Armenier hier geben uns nicht das Gefühl, zu Hause zu sein», klagt Sevak, der jüngste von drei Söhnen. «Sie glauben, dass wir ihnen etwas wegnehmen wollen.» Auch das in der Republik am Ararat gesprochene Armenisch sei sehr viel härter als die eher melodische westarmenische Sprache. Der arbeits­lose Friseur besucht seit kurzem einen Sprachkurs, um seine neuen Nachbarn besser verstehen zu können. Vater Aaram bleibt dagegen zu Hause und träumt von der Rückkehr nach Damaskus.

«Falls morgen der Krieg aufhören sollte, bin ich der Erste, der heimfliegt», sagt er bestimmt. Das armenische Mutterland hat sich Aaram «ganz anders vorgestellt». An dauerhaften Frieden in Syrien glauben indes nur wenige. In dem Bürgerkriegsland hätten islamistische Geistliche die Jugend manipuliert, einer gründlichen Gehirnwäsche unterzogen, behauptet Hovsip Balmanoukian. Der 26 Jahre alte Student wurde vor vier Jahren auf dem Weg von Aleppo in den Libanon von «einer kriminellen Bande» entführt.

«Sie wollten Lösegeld, zunächst 100 000 Dollar. Nach siebentägigen Verhandlungen akzeptierten sie auch 25 000 Dollar für meine Freilassung», berichtet der junge Mann mit ernster Miene. Nach diesem Horrortrip sei für ihn klar gewesen, dass er Syrien für immer verlassen werde.

«Wir Armenier wurden in dem Glauben erzogen, eines Tages in unser Heimatland zurückzukehren. Und das ist nun mal Armenien», erzählt Hovsip in seinem kleinen Restaurant, das er gemeinsam mit seinem Bruder betreibt. Die abwechslungsreiche syrisch-arabische Küche sei in Jerewan sehr populär geworden. Das Geschäft laufe gut, freut sich der Student, der an diesem Abend auch Anna Istanian bewirtet.

Für viele ist Armenien nur eine Zwischenstation

Die junge Frau kommt ebenfalls aus Aleppo, wo sie in einer inzwischen geschlossenen Schule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche arbeitete. Mit Spenden aus der armenischen Diaspora konnte die Sonderschule vor einem Jahr in Jerewan wieder eröffnet werden mit dem gleichen Personal. Ihre Zukunft sieht Anna freilich nicht in Armenien. «Sowohl im Beruf als auch im Leben ist es hier einfach zu eng. Es fehlen die Perspektiven, die Aufstiegschancen, die in Europa und den USA so reichlich vorhanden sind», gibt Anna zu erkennen, dass das «Mutterland» Armenien für sie nur eine Zwischenstation auf dem Weg von Syrien in den – aus Sicht der meisten Armenier – noch immer Goldenen Westen ist.

Armenien im Überblick. (Bild: Quelle: Angaben 2016 (geschätzt), World Factbook)

Armenien im Überblick. (Bild: Quelle: Angaben 2016 (geschätzt), World Factbook)