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SYRIEN-KRIEG: «Ich bin mit Millionen Syrern dazu verurteilt, zu hoffen»

Wenn der Westen wollte, könnte er innerhalb von 24 Stunden den Dschihadisten den Geldhahn zudrehen, sagt der syrische Autor Rafik Schami.
Michael Wrase
Syrische Truppen patrouil­lieren in der Region Aleppo. (Bild: AFP)

Syrische Truppen patrouil­lieren in der Region Aleppo. (Bild: AFP)

Herr Schami, ich hörte einmal, dass Sie täglich mit Syrien telefonieren. Darf ich Sie fragen, ob Sie nach diesen Gesprächen – oder wenn Sie die entsetzlichen Bilder aus Aleppo sehen – manchmal weinen?

Es ist merkwürdig. Ich telefoniere in der Tat fast täglich und will meine Geschwister trösten und staune über ihren Mut, ihren Humor und ihre Gelassenheit. Sie wollen die Stadt nicht verlassen. Ich habe niemals erwartet, dass Menschen im Krieg solch zähen Lebenswillen beibehalten, und doch liegt es auf der Hand. Sie können nur so überleben. Ich weine nur, wenn ich Kinder mitten in den Trümmern sehe und wie sie voller Angst weinen. Es gibt zwei Aufnahmen, einmal von einem Jungen und einmal von einem Mädchen, und beide richten ihre Sprache weinend gegen Assad. Was haben wir dir getan? Wir sind so schwach, und du greifst uns an! Ich kann diese Szene jetzt beim Beschreiben kaum aushalten. Die Kinder sind die wahren Verlierer eines jeden Krieges.

Wie schaffen Sie es, trotz der so entsetzlichen Entwicklung in Syrien so wunderbare und vor allem positive Bücher zu schreiben, dass Sie nie den Mut, die Zuversicht verlieren, nie verzweifeln?

Wer erzählt, hofft. Ich bin mit Millionen Syrern dazu verurteilt, zu hoffen. Verzweiflung ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann. Das Kommende macht mir mehr Angst und Sorge als das bisherige Geschehene, dennoch hoffe ich, dass der Westen irgendwann aufwacht und begreift, dass seine Sicherheit viel, viel teurer und wichtiger ist als das Geschäft mit dem billigen Erdöl und teuren Waffen. Seine Sicherheit hat auch primär mit der Sicherheit der Nachbarn im Mittelmeerraum zu tun. Ohne die helfende Hand können die Syrer nicht mehr aus der Spirale der Gewalt herauskommen.

Was erwarten Sie konkret vom Westen?

Der Westen muss zur Kenntnis nehmen, dass es keine Insel für ihn gibt, in welche die Vorteile hineinfliessen, aber keine Verpflichtung ihn belästigt. Eine Abschottung ist auf unserer Welt unmöglich. Der Schwachsinn der Populisten, die gegen Flüchtlinge hetzen, weil sie angeblich die Sicherheit gefährden, lullt die Bevölkerung ein. Ein Terrorist könnte auch sehr bequem als Tourist herkommen. Verbieten wir deshalb den Tourismus? Er könnte auch als Firmenvertreter oder Botschaftsangehöriger getarnt kommen. Stoppen wir dann den Handel und schliessen die Botschaften? Er könnte sogar aus dem deutschen, schweizerischen, französischen, britischen oder amerikanischen Volk selbst stammen und eine ideologische Gehirnwäsche bekommen haben. Verhaften wir oder weisen wir das Volk aus?

Das klingt jetzt ziemlich zynisch.

Das ist keine Satire, das ist die Wirklichkeit, und das Absurde daran sind die Vorschläge der Populisten. Der Westen ist seinen Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Würde den Völkern verpflichtet und nicht deren despotischen Herrschern. Der Westen kann helfen, wenn er humane Politik betreibt, und dabei muss er sich nicht vor wirtschaftlichen Nachteilen fürchten. Das Erdöl muss verkauft werden, und technische Produkte müssen gekauft werden, also wird auch ein demokratisches Syrien mit dem Westen handeln, nur vielleicht etwas selbstbewusster. Also muss der Westen geschlossen handeln und sich nicht nur mit verbalen Kraftakten begnügen.

Ihr Roman «Sophia oder der Anfang der Geschichten» handelt von einem Mann, der nach 40 Jahren im Exil in seine Heimatstadt Damaskus zurückkehrt. Kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, nachdem Sie zwei Jahre vor Beginn des Volksaufstandes ein Angebot des Assad-Regimes zur Rückkehr nach Damaskus abgelehnt hatten?

Ja, genau. Ich hatte diese Situation nur bewältigen können, weil ich parallel zur Verhandlung mit der syrischen Botschaft eine Art Tagebuch geführt habe. All das, was mein Held in seiner Exilstadt Rom gedacht und gefühlt hat, stammt fast eins zu eins aus diesem dicken Heft meiner Notizen: die Hoffnung, die Angst, die Sehnsucht und die Eitelkeit, die damit befriedigt wird, dass ich mich als Autor gegen die Diktatur durchgesetzt hatte ... Auch das Bedenken, dass man bei der Rückkehr das Regime akzeptiert hat.

In dem Roman kritisieren Sie die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Syrien mit der Beschreibung eines Dichterkongresses, auf dem bezahlte Poeten die Assad-Diktatur lobpreisen. Werden Sie sich zukünftig vielleicht noch intensiver in literarischer Form mit dem Bürgerkrieg in Ihrer Heimat befassen, als Sie es bereits getan haben?

Diese Poeten und Schriftsteller, die von Land zu Land reisen und Gäste in Fünfsternehotels bei den Diktatoren sind, sind leider keine Satire, sondern bittere Realität. Und die Lobeshymnen auf Hussein, Assad, Ghadhafi und die Golfscheichs sind in der Realität viel schlimmer und charakterloser, als ich sie beschrieb. Kann man sich vorstellen, dass ein Dichter den primitiven, paranoiden Killer Saddam Hussein als das Gesicht Gottes auf Erden beschreibt? Hier musste ich als Romancier reduzieren, da ich keine Reportage schreibe und meine Leser nicht übermässig ekeln wollte. Über Revolutionen und Bürgerkriege schreibe ich nicht, deshalb endet der «Sophia»-Roman kurz vor dem Aufstand.

Also kein «Revolutionsroman» von Rafik Schami?

Über fünf Aufforderungen von arabischen Kollegen und Verlegern habe ich abgelehnt, den «Revolutionsroman» zu schreiben. Revolutionsromane sind unreife, schnell produzierte schwarz-weisse Langweile. Der Romancier braucht in jeder Hinsicht Abstand vom Gegenstand seines Romans. Mich hat immer die Zeit kurz vor dem Aufstand interessiert, in der die Herrschaft zwar noch besteht, aber die ersten Risse bekommt. Hier in «Sophia» ist das gegen Ende des Romans, wo sich die Nachbarschaft zum Beispiel mit den Eltern des verhafteten Kindes solidarisiert. Wo ein Wirt schon vom kommenden Erdbeben erzählt.

Kann ein Schriftsteller nicht politisch sein?

Schriftsteller sind politisch, auch wenn sie das nicht bewusst sind oder meinen. Nicht nur sexistische, kolonialistische und rassistische eindeutige Aussagen eines Romans machen ihn politisch, sondern auch der oberflächlichste schlecht geschriebene Roman ist politisch, weil er die Leser verachtet, und damit ist sein Autor reaktionär und verachtenswert, egal welcher Partei er angehört. So ist das Heer sowjetischer Autoren, die all die Morde von Stalin erlebt haben und trotzdem seinen Sozialismus besangen, erzreaktionär und quasi ein Zwillingsbruder der Autoren und Filmemacher, die unter den Nazis kitschige Liebesgeschichten gedreht und geschrieben haben.

Als der bekannteste syrische Schriftsteller fordern Sie den Sturz der Assad-Diktatur. Sie beziehungsweise die Tante Amalia in Ihrem Roman «Sophia oder der Anfang der Geschichten» vertreten zudem die These, dass in der arabischen Welt erst dann eine Wende zum Besseren eintritt, wenn die Macht der Sippe, des Klans, gebrochen wird, der Sippe, «die auf Demokratie, Freiheit und die Würde des Menschen pfeift».

Ich bin grob gesagt in drei Bereichen tätig: als Essayist, als Romancier und als Kinderbuchautor.

Das heisst?

Sie müssen unterscheiden zwischen meinen Essays auf der einen und meinen Romanen und Kinderbüchern auf der anderen Seite. In meinen Romanen geht es nicht um den Sturz dieses oder jenes Diktators, sondern um die Wurzel unserer Probleme. Als ich den Einfluss der Sippe sehr früh am eigenen Leib erfahren habe, machte ich das zum Thema in vielen meiner Romane und Erzählungen (zum Beispiel in «Die dunkle Seite der Liebe» oder im Roman «Das Geheimnis des Kalligraphen»). Hier fand ich einen Bereich, den es sich lohnt literarisch minutiös zu beackern. Tante Amalia ist mein Liebling in diesem Roman. In ihr stecken viele Puzzleteile von mir. Ich vertrete die Meinung, dass sich ein Schriftsteller, sobald er mit dem Roman anfängt, in ein Puzzlebild verwandelt, sich in den Himmel erhebt und dann in 1001 Teile zerfällt, und diese gehen in die Figuren seines Romans hinein, mal mehr, mal weniger. Bei Amalia und Karim sind eine Menge Puzzleteile von mir aufgegangen.

Ist meine Beobachtung richtig, dass der Krieg in Syrien das Klanwesen, die Sippen noch gestärkt hat – auch durch die massive Einflussnahme der arabischen Regionalstaaten, der Türkei und des Irans?

Weil Krieg viele Sicherheiten zerstört, weil der Staat als solcher verschwindet, bleibt die archaische, seit Jahrtausenden bestehende und zuverlässige Verbindung zur Sippe, zum Clan oder zur Religionsgemeinschaft als Rettungsring im mörderischen Wirrwarr. In den arabischen Ländern umso mehr, weil diese Bindung zur Sippe, diese Struktur der Abhängigkeit, nie gebrochen wurde. Wir haben keine bürgerliche Revolution gehabt, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt. Diese Achtung des Individuums, seiner Würde und seiner Freiheit ist der Motor der europäischen Zivilisation.

Eine Lösung des Konfliktes in Syrien wird täglich komplizierter. Im Blog eines syrischen Aktivisten las ich neulich, dass der Opposition eine Lichtgestalt wie Nelson Mandela fehlt. Wer könnte – von innen heraus – den entgleisten Zug des Volksaufstandes wieder in die Spur bringen?

Leider hat sich in den Oppositionsreihen kein syrischer Nelson Mandela herausentwickelt. Viele der führenden Persönlichkeiten der Opposition sind inzwischen korrupt, unglaubwürdig, nicht selten sippenhaft und unfrei.

Welche Lösung sehen Sie?

Die Lösung des syrischen gordischen Knotens ist viel zu kompliziert, um durch das Schwert einer charismatischen Person erreicht werden zu können. Ich glaube eher, dass wir mit Geduld und über ein Jahrzehnt (optimistisch berechnet) mit einer Übergangsregierung und mit Hilfe aller Gross- und Lokalmächte den Knoten vorsichtig und vor allem, bei Rückschlägen, geduldig entwirren müssen.

Die dominierende militärische Kraft im bewaffneten Widerstand sind Dschihadisten, die kulturelle Vielfalt als Bedrohung für ihre Herrschaft betrachten. Als die Nusra-Front die mittelsyrische Stadt Maarat Numan besetzte, zerstörte sie dort als Erstes das Denkmal des grossen syrischen Dichters und Philosophen Abu Ala al-Maari. Können oder wollen Sie es sich vorstellen, dass diese Leute einmal die Macht in Ihrer Heimatstadt Damaskus übernehmen?

Diese Nusra- oder IS-Dschihadisten sind primitive Verbrecher, die aber mit der Technik und den Waffen des 21. Jahrhunderts bewaffnet wurden. Sie werden kein einziges Problem der Region lösen, weil sie selbst das grösste Problem sind. Nicht nur kulturell (im Sinne von Literatur und Kunst), sondern ökonomisch, wissenschaftlich und sozial haben sie nichts ausser Phrasen von sich zu geben.

Aber wer hat sie stark gemacht? Wer rüstet sie auf?

Nachweislich ist das von Katar und Saudi-Arabien, zwei West-Verbündeten. Wenn der Westen wollte, hätte er innerhalb von 24 Stunden alle Hilfen für diese Verbrecher unterbinden können. Diese Scheichtümer und Saudi-Arabien können ohne den Westen nicht eine Woche lang funktionieren. Angeblich habe der Westen Angst vor einem Ölembargo. Das ist ein geschmackloser Witz! Was sollen die Ölscheichs mit dem Erdöl machen, es austrinken? Aber ohne Computer und Internet, Maschinen und Elektronik würden diese Dschihadisten-Finanziers wohl nicht lange mehr lachen. Abu Ala al-Maari ist einer meiner Vorbilder. Er war ein kritischer Geist und hat die Reise in den Himmel und in die Hölle als Erster in der arabischen Geschichte gewagt zu beschreiben, fast 250 Jahre vor Dante.

Wo Dschihadisten das Sagen haben, herrschen sie genauso diktatorisch wie das Assad-Regime. Wo sehen Sie Ihre syrische Heimat in zehn Jahren? Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

Ja, ich sehe ein Licht, und das heisst gemeinsam das syrische Volk retten und dafür sorgen, dass die Waffen in diesem Land schweigen. Ich sehe dabei Jugendliche heranwachsen und Aufgaben übernehmen, die wir als Kinder in den Schulen aufgenommen haben, die wir in den Flüchtlingslagern um Syrien herum unterstützen. Dafür halte ich seit Jahren Benefiz-Veranstaltungen ab, und es sind grossartige Menschen, die uns durch ihre Spenden helfen. Wir begannen im Jahre 2012 mit zirka hundert Kindern. Heute betreuen und finanzieren wir Schulen, Psychotherapie, Kindergärten für mehr als 1500 Kinder. Ich werde Ende März Anfang April kommenden Jahres eine Benefiz-Tournee durch die Schweiz machen. Kinder verdienen unsere vollkommene Solidarität, weil Kinder die wahren Verlierer eines jeden Krieges sind. Ihnen gehört meine uneingeschränkte Sympathie.

In Ihrem Roman «Sophia» bezeichnen Sie die Flucht als einen ständigen Begleiter der arabischen Kultur. Flucht, betonen Sie, sei Neubeginn und Hoffnung zugleich. Glauben Sie, dass in dem polarisierten Umfeld von Westeuropa die Flüchtlinge wirklich die Chance auf einen Neubeginn haben?

Meine Betonung der Vorteile von Flucht und meine Sympathie dafür hat sowohl persönliche als auch historische und philosophische Gründe. Es ist auch eine Kritik der negativen Einstellung der arabischen Kultur gegen die Flucht. Dort wird sie oft als Feigheit dargestellt. Das hat schon wieder mit der Sippe und der Wüste zu tun.

Werden die Flüchtlinge wieder zurückkehren?

Die Geflüchteten werden zum grössten Teil zurückkehren wollen, sobald Frieden herrscht. Es ist ein Irrglaube, den die AfD und Pegida in Deutschland verbreiten, um Angst zu schüren, dass ein Mensch freiwillig seine Heimat verlässt. Klar gibt es Ausnahmen von Dichtern und Künstlern oder gar Privatiers, die freiwillig oder durch den Magnet der Liebe von anderen Orten fasziniert werden, aber wir reden über diese armen Massen, die vor dem Bombenhagel und IS-Terroristen geflüchtet sind. Mögen auch 10 bis 20 Prozent hier bleiben wollen, vor allem jüngere Menschen. Das ist normal und muss nicht dramatisiert werden.

Hinweis

Der Verein «Schams» (www.schams.org) unterstützt syrische Kinder. Rafi Schami wird im Frühjahr 2017 in die Schweiz kommen, um Projekte der Hilfsorganisation vorzustellen. Er spricht am 29. 3. in Zürich, am 30. 3. in Basel, 31. 3. in Olten, 1. 4. in Bern und am 2. 4. in Affoltern.

Interview: Michael Wrase

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