SYRIEN: Rivalität zwischen den Terrorgruppen

Der Konkurrenzkampf zwischen el Kaida und IS nimmt neue Ausmasse an. Das erhöht die Gefahr neuer Terror­attacken in Europa.

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IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi (links) und El-Kaida-Führer Ayman al-Zawahiri führen neben dem Kampf gegen «Ungläubige» auch einen Kampf gegeneinander. (Bild: AP)

IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi (links) und El-Kaida-Führer Ayman al-Zawahiri führen neben dem Kampf gegen «Ungläubige» auch einen Kampf gegeneinander. (Bild: AP)

Martin Gehlen, Kairo

Er nennt sich Abu Mujahid und trägt eine schwarze Häkelkappe. Das Sturmgewehr hält er locker in beiden Händen, während er in die Videokamera redet. «Ich habe in Deutschland gelebt und bin in Deutschland geboren», deklamiert der junge Mann mit dunklem Bart. «Eines Tages hat mich der Wind der Rechtleitung getroffen. Dann bin ich wie jeder andere auch – zu dem Entschluss gekommen, dass man in Deutschland definitiv nicht leben kann und dass Allah von einem verlangt, den Boden der Ungläubigen zu verlassen.»

El Kaida nicht terroristisch genug

Abu Mujahid ging nach Syrien und schloss sich zunächst der Al-Nusra-Front an. «Ich habe mir gedacht, okay, el Kaida das ist schon der richtige Weg, da werde ich schon nicht falsch sein», bekennt er leutselig in seinem Youtube-Auftritt. Doch bereits nach einigen Monaten war er enttäuscht über die neuen Mitkämpfer, weil sie den Dschihad seiner Meinung nach nicht so richtig praktizieren, wie es der deutsche Auswanderer «aus den Büchern» gelernt hat. Doch zum Glück «hat Allah mir Türen aufgemacht». So sei er am Ende zum Islamischen Staat (IS) gekommen. «Jetzt bin ich froh, ich habe den Treueeid auf den Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi abgelegt», frohlockt er. «Jetzt bin ich ein stolzes Mitglied des Islamischen Staates.»

Wie Abu Mujahid haben seit Mitte letzten Jahres Tausende Kämpfer in Syrien und im Irak die Seiten gewechselt, el Kaida den Rücken gekehrt und dem IS Gefolgschaft geschworen genauso wie Terrorbrigaden in Ägypten, Libyen und Algerien. Rund 50 000 Dschihadisten kämpfen in ihren Reihen, darunter etwa 15 000 Ausländer, von denen rund ein Viertel aus Europa kommt.

Territorium versus Terrorattacken

Während der neue, selbst ernannte Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr al-Bagh­dadi, weltweit als der gefürchtetste Organisator des Islam-Terrors gilt, war es eine Weile lang stiller geworden um die El-Kaida-Führung von Ayman al-Zawahiri in Afghanistan. Zudem hatten die IS-Extremisten dem 63-jährigen Bin-Laden-Nachfolger vor einem Jahr öffentlich den Gehorsam aufgekündigt. Anders als el Kaida verfolgen sie ein dschihadistisches Staatsprojekt und streben die Herrschaft über ein konkretes Territorium an. Acht Millionen Menschen leben inzwischen im Nahen Osten unter ihrem Scharia-Regime auf einer Fläche so gross wie England. Dies, auch wenn ihre zunächst atemberaubende Expansion dank der internationalen Luftschläge und der Kampfkraft der kurdischen Peschmerga vorerst gestoppt scheint.

Der globale Terrorrivale el Kaida ist inzwischen aber weltweit wieder zurück in den Schlagzeilen vor allem seine gefährlichste Filiale im Jemen. Die beiden von der Polizei erschossenen Pariser Attentäter von «Charlie Hebdo» wurden hier in Terrorcamps ausgebildet. Am Mittwoch hiess es in einem von «el Kaida auf der arabischen Halbinsel» veröffentlichten Bekennervideo, der Angriff sei von El-Kaida-Chef al-Zawahiri angeordnet worden. Die Kämpfer im Jemen hätten das Ziel festgelegt, den Operationsplan entworfen und finanziert sowie «die Helden rekrutiert». Dagegen deklamierte der dritte Attentäter vom jüdischen Supermarkt in einem Video, er handle im Auftrag des IS. Gegenüber der «New York Times» jedoch bestritt ein Vertreter von el Kaida im Jemen, die Bluttaten seien gemeinsam geplant worden. Das Doppelattentat sei einzig Ergebnis der persönlichen Bekanntschaft der drei Attentäter.

Gegenseitiges Übertrumpfen

Dennoch könnte die blutige Rivalität der beiden extremistischen Erzfeinde ihre Gewaltstrategien mit der Zeit verändern und die Terrorgefahr in Europa und den Vereinigten Staaten zusätzlich erhöhen. So könnte der IS in Zukunft stärker darauf setzen, el Kaida mit spektakulären Attentaten in westlichen Ländern zu übertrumpfen, ausgeführt durch ihre nicht-arabischen Dschihadisten. El Kaida dagegen könnte versuchen, in Syrien ebenfalls eine grössere Region unter ihre Kontrolle zu bringen und sich damit am südlichen Rand des Mittelmeeres fest zu etablieren. So gelang Kämpfern der Al-Nusra-Front vor drei Wochen ein spektakulärer Coup gegen die Assad-Armee, der den Erfolgen des IS in nichts nachsteht. In einer 24-stündigen Schlacht, die mehr als 200 Tote forderte, eroberten 3000 Kämpfer zwei wichtige nordsyrische Militärbasen, gegen die die gemässigten Rebellen zwei Jahre lang vergeblich angerannt waren. Dieser Erfolg dürfte die territoriale Kontrolle der Al-Nusra-Front in der Provinz Idlib im Norden Syriens weiter festigen, wo sie im November ein eigenes «Islamisches Emirat» ausrief. Auch auf den Golanhöhen kontrolliert el Kaida inzwischen strategische Stellungen, vor allem Quneitra nahe der Waffenstillstandslinie zwischen Syrien und Israel. Damit aber steht der von Osama Bin Laden vor gut zwanzig Jahren gegründete Terrorbund erstmals wenige hundert Meter vor den Toren Israels.