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SYRIEN: Türkei rückt weiter vor

Der vom UN-Sicherheitsrat beschlossene 30-tägige Waffenstillstand für Syrien wird von der Türkei weiter ignoriert. Die Zahl der getöteten Zivilisten steigt – Präsident Erdogan will davon aber nichts wissen.
Wolf Wittenfeld, Athen
Ein Kämpfer der «Freien Syrischen Armee», welche von der Türkei unterstützt wird. (Bild: Emrah Gurel/AP (Azaz, 3. März 2018))

Ein Kämpfer der «Freien Syrischen Armee», welche von der Türkei unterstützt wird. (Bild: Emrah Gurel/AP (Azaz, 3. März 2018))

Wolf Wittenfeld, Athen

Der türkische Einmarsch in Afrin erreicht nach offiziellen Angaben eine neue Phase. Nachdem die Kämpfe sich bislang in nur dünn besiedeltem Gebiet abgespielt haben, geht es nun um die Stadt Afrin und eine weitere etwas kleinere Stadt, Cinderes. «Wir haben Afrin eingekreist» behauptete am Wochenende Ministerpräsident Binali Yildirim, um die türkische Bevölkerung auf den bevorstehenden Städtekampf einzustimmen. Zu diesem Zweck hat die türkische Armee bereits Spezialeinheiten der Gendarmerie und der Polizei herangeschafft, die Erfahrung im Städtekampf haben. Es sind Soldaten und Polizisten, die im Winter 2015/16 die Innenstadt von Diyarbakir, die Städte Nusaybin und Cizre im Kampf gegen PKK-nahe kurdische Milizen in Schutt und Asche legten, nachdem diese sich dort verbarrikadiert und anschliessend die Orte zu autonomen Zonen erklärt hatten.

Nimmt man diesen brutalen Häuserkampf zum Vorbild, kann man sich vorstellen, welches Unheil auf die Menschen in Afrin Stadt zukommen wird, wo sich nach kurdischen Angaben bis zu einer halben Million Leute aufhalten sollen. Viele von ihnen sind Flüchtlinge, die sich in den zuvor vom Krieg kaum berührten kurdischen Kanton vermeintlich in Sicherheit gebracht hatten.

Erdogan lehnt Waffenruhe ab

Während in der Türkei einige wenige Kolumnisten davor warnen, dass ein Städtekampf wahrscheinlich auch viele zivile Opfer fordern wird, behauptet die türkische Regierung bis jetzt kategorisch, es hätte überhaupt noch keine zivilen Opfer gegeben. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zählte dagegen schon Anfang letzter Woche 112 getötete Zivilisten, darunter 23 Kinder.

Als in der letzten Woche ein Sprecher der US-Regierung deshalb zivile Opfer in Afrin beklagte, reagierte Präsident Recep Tayyip Erdogan darauf sehr verärgert und warf den USA vor, selbst für Tausende Tote in Syrien verantwortlich zu sein. Wie sehr das Thema möglicher toter Zivilisten die Türkei umtreibt, zeigt ein Vorfall aus der letzten Woche. Ein Moderator des islamistischen TV-Kanals Yeni-Akit, Ahmet Keser, redete sich dabei so in Rage, dass er sagte, wenn «unsere Armee Zivilisten töten würde, dann nicht in Afrin, sondern in Cihangir, Nisantase und Etiler», Bezirken in Istanbul, die dafür bekannt sind, dass dort überwiegend säkulare Leute leben. Dort wären die wahren Verräter. Der Wutausbruch kostete Keser seinen Job, vermutlich aber nur, weil er offen aussprach, was viele Erdogan-Anhänger insgeheim denken.

Die Nerven der Regierung sind auch deshalb angespannt, weil insbesondere immer mehr westliche Staaten fordern, die Türkei solle sich gefälligst an den vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen 30-tägigen Waffenstillstand für Syrien halten. Präsident Erdogan lehnt das vehement ab, da die Türkei in Syrien lediglich «Terroristen» angreifen würde. Allerdings taucht die kurdische YPG, welche gegen die türkische Armee in Afrin vorgeht, in der UNO-Liste von «Terrororganisationen», gegen die weiterhin gekämpft werden darf, nicht auf. Das wäre auch verwunderlich, da die YPG in Syrien mit den USA verbündet ist und auch Russland die kurdische Miliz keineswegs als Terrororganisation ansieht.

Trotzdem lässt der russische Präsident Wladimir Putin seinen «Partner» Erdogan weiterhin in Afrin Krieg führen. Als Erdogan von einem Journalisten gefragt wurde, ob Russland den Einsatz der türkischen Luftwaffe über Afrin einschränken würde, sagte dieser: «Nein, überhaupt nicht. Wir haben kein Problem mit Russland.» Das gilt offenbar trotz des Eingreifens von Milizen, die dem syrischen Präsidenten Assad nahestehen. Erst vor wenigen Tagen sollen 35 dieser Assad-Unterstützer auf dem Weg nach Afrin von der türkischen Luftwaffe getötet worden sein.

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