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SYRIEN/IRAK: Mit abrasierten Bärten auf bessere Zeiten warten

Rakka ist umzingelt, der Fall der Millionenmetropole Mossul steht kurz bevor: Der IS steht mit dem Rücken zur Wand. Eine Wiederauferstehung scheint aber bloss ein Frage der Zeit. Neun Fragen und Antworten zur Terrormiliz.

Vor drei Jahren hat der IS die zweitgrösste irakische Stadt Mossul überrannt und ein Kalifat ausgerufen. Im letzten Oktober begannen irakische Truppen mit der Rückeroberung der IS-Bastion – und haben die Dschihadisten seither weitgehend vertrieben. Sie halten nur noch in wenigen Quartieren ihre Stellungen. Der irakische Ministerpräsident Haidar al Abadi verkündete bereits letzte Woche das Ende des IS-­Kalifats. Auch in Rakka, der syrischen Hochburg des IS, steht dieser vor einer Niederlage. Die Stadt, in der sich laut Schätzungen 50 000 bis 100 000 Zivilisten sowie 4000 IS-Kämpfer aufhalten, ist von kurdischen Truppen umzingelt.

Irakische Kommentatoren haben dieser Tage den Kampf um Mossul mit der Schlacht um Stalingrad verglichen. Ein zutreffender Vergleich?

Nein. Der Kampf um Mossul dauert bereits drei Monate länger als die Schlacht, die das Ende der Hitler-Diktatur einleitete. Prognosen über die Zukunft des IS sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwierig. Sicher ist lediglich, dass das in Mossul proklamierte «Kalifat» am Ende ist. Die aufgebauten halbstaatlichen Strukturen sind weitgehend zerschlagen worden. Ein zusammenhängendes Territorium besteht nicht mehr.

Der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi soll umgekommen sein. Zerfällt der IS ohne seinen Führer endgültig?

Das ist eines von vielen Szenarien. Sogenannte Enthauptungsschläge, befürchtet die ameri­kanische Terrorismusexpertin Jenna Jordan, könnten aber auch zusammenschweissen, ein neuer Führer noch brutaler und entschlossener auftreten als al-­Bagh­­dadi. Sollte der Kalif tatsächlich tot sein, werde der IS versuchen, dessen Märtyrertod propagandistisch auszuschlachten.

Verliert der IS entscheidend an Attraktivität?

Auch wenn die Hochburgen des IS gefallen sind, wird dessen Ideologie für viele Muslime attraktiv bleiben, im Mittleren Osten und in Europa. Schon jetzt werden die zahlreichen Niederlagen als unvermeidliche Rückschläge auf dem langen Weg zum unvermeidlichen Gottesstaat interpretiert. IS-Aktivisten wurden aufgefordert, ihre Bärte abzurasieren und in der Anonymität grosser Städte abzuwarten, bis sich die Lage für sie wieder verbessert habe.

Ist eine Wiederauferstehung des IS möglich?

Durchaus. Die meisten Experten halten die Entstehung eines zweiten IS sogar für wahrscheinlich, weil die vermeintlichen Sieger von heute keine tragfähigen Konzepte für die Zukunft entwickelt haben. Mit ihrer schlecht vorbereiteten Invasion im Irak im Jahr 2003 verhalfen die USA Al-Kaida zur Wiederauferstehung, später folgte der Aufstieg des IS.

Müssen der IS und andere ex­tremistische Organisationen nur abwarten, bis ihre Feinde neue Fehler machen?

Schon jetzt besteht die von den USA gebildete Internationale Allianz gegen den IS nur noch auf dem Papier. Für die wichtigsten islamischen Partner des Westens, die Türkei und Saudi-Arabien, hatte die Zerschlagung des IS niemals die gleiche Bedeutung wie für den Westen. Für Riad steht die Schwächung des Iran und der Sturz des Assad-Regimes im Vordergrund, für Ankara die Verhinderung eines Kurdenstaates im eigenen Land und in Syrien. Um diese Ziele zu erreichen, wurde sogar mit dem IS oder Al-Kaida paktiert, lange toleriert von den westlichen Geheimdiensten.

Werden die USA und ihre Verbündeten die Geister, die sie riefen, nicht mehr los?

Obwohl der IS weder in Syrien noch im Irak endgültig geschlagen ist, hat der Kampf um seine territorialen Hinterlassenschaften längst begonnen. Im fruchtbaren, rohstoffreichen Ostsyrien kämpft die von Russland, dem Iran und diversen Schiitenmilizen unterstützte Assad-Armee gegen proamerikanische Milizen, die inzwischen sogar direkte Unterstützung der US-Armee erhalten.

Wächst damit die Gefahr einer direkten amerikanisch-russischen oder amerikanisch-iranischen Konfrontation?

In Syrien und dem Irak haben die Russen und die Iraner ihre Ziele klar definiert. Der Iran arbeitet an einer stabilen Landbrücke von Teheran über Badgad, Ost-Syrien und Damaskus bis zum Libanon. Russland stützt das Assad-Regime, das zum wirtschaftlichen Überleben auch das ölreiche Ost-Syrien braucht.

Welche Ziele verfolgen die USA?

Sie müssen sich entscheiden, was sie in Syrien wirklich wollen: Nur den IS schlagen oder auch den syrischen Diktator Baschar al-Assad stürzen und den Iran in die Schranken weisen, was mit der vorhandenen Militärpräsenz freilich unmöglich ist.

Spielt das sich abzeichnende Chaos den islamischen Extremisten in die Hände?

Sie werden im Untergrund abwarten, bis der richtige Zeitpunkt zur Wiederauferstehung unter einem neuen Namen gekommen ist. Islamische Extremisten haben einen langen Atem. Sie sind fest davon überzeugt, dass Allah sie eines Tages zum Sieg führt. In Afghanistan hat der IS gerade die bombensicheren Höhlen von To­ra Bora, in denen sich vor 14 Jahren Osama Bin Laden versteckt hielt, erobert.

Michael Wrase, Limassol

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