Syrienkonflikt erreicht Ferieninsel

Über Nord-Zypern ist nach offiziellen Angaben eine fehlgeleitete Rakete abgestürzt. Der Flugkörper habe die dicht besiedelte Hauptstadt Nikosia überflogen und sei in 20 Kilometern Entfernung aufgeschlagen.

Michael Wrase, Nikosia
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Türkische und zyprische Soldaten untersuchen die Trümmerteile der Rakete.Bild: EPA (Vouno, 1. Juli 2019)

Türkische und zyprische Soldaten untersuchen die Trümmerteile der Rakete.
Bild: EPA (Vouno, 1. Juli 2019)

«Es war kurz vor eins in der Nacht, ich telefonierte gerade mit meinem Bruder in Neuseeland, als eine gewaltige Explosion unser Haus erschütterte», beschrieb Rachael Gillett den «Big Bang», der Zehntausende von griechischen und türkischen Zyprern aus dem Schlaf riss. «Mein erster Gedanke war ein Erdbeben. Doch nach der ersten kurzen Schockwelle blieb alles ruhig», erzählt sie weiter.

Die britisch-zyprische Lehrerin lebt im Osten von Nikosia, knapp 20 Kilometer von Vouno entfernt. In der von türkischen Soldaten kontrollierten Ortschaft war in der Nacht zum Montag «die Hölle ausgebrochen». «Wie in einem schlechten Kriegsfilm loderten orangefarbene Flammen in den Himmel», beschrieb der Tankstellenbesitzer Achmed Gürsel «die Weltuntergangsstimmung», für die zunächst niemand eine Erklärung hatte.

Ursache noch unklar

Erst am nächsten Morgen, die türkische Besatzungsarmee hatte die Brandherde inzwischen weiträumig abgesperrt und am Boden liegende Trümmerteile untersucht, wurde klar, was geschehen war: Da sich in der Region von Vouno keine Munitionsdepots befinden und zum Zeitpunkt der Explosionen keine Manöver stattfanden, kam nur Fremdeinwirkung als Unglücksursache in Frage.

Rasch richteten sich die Blicke auf das nur 120 Kilometer Luftlinie entfernte Syrien. Die israelische Luftwaffe hatte in dem Bürgerkriegsland zum fraglichen Zeitpunkt syrische Militäreinrichtungen bei Damaskus und Homs bombardiert. Die Flugabwehr der Assad-Armee reagierte auf die Attacken mit dem Abschuss von russischen Boden-Luft-Raketen, die durch die hoch entwickelte israelische Jamming-Technologie offenbar in die falsche Richtung gelenkt worden seien, versuchte der pensionierte griechische Armeegeneral Andreas Pentaras im Privatsender «Sigma TV» den Zwischenfall zu erklären.

Für eine endgültige Bewertung sei es noch zu früh. Nach der Untersuchung der Trümmerteile in Vouno stehe jedoch fest, dass es sich um eine russische Luftabwehrrakete vom Typ SS-200 handle. Diese habe eine Reichweite von 400 Kilometern, könnte also durchaus bis nach Zypern geflogen sein.

Niemand verletzt

Sollten sich die vorliegenden Hypothesen bestätigen, wäre es das erste Mal gewesen, dass Zypern auch militärisch von dem achtjährigen Bürgerkrieg in Syrien betroffen wäre. «Ganz nüchtern betrachtet hatten wir in der Nacht zum Montag wahrscheinlich Glück im Unglück», reagierte Evangelos Solomou, ein Barbetreiber im Badeort Ayia Napa, auf das Inferno von Vouno. Niemand sei verletzt oder gar getötet worden.

Wären die brennenden Raketenteile auf die Touristenhochburg gefallen, «hätte die Saison jetzt für beendet erklärt werden müssen».