Syrien
Syrische Rebellen erobern frühere Atomanlage

Bei der Eroberung der 2007 berühmt gewordenen Militäranlage al-Kibar im Nordosten Syriens fanden die Aufständischen einen Hangar mit einer Scud-Rakete.

Christian Nünlist
Drucken
Teilen
Diese Rakete ist von sowjetischen Scud-B-Raketen adaptiert worden. Ihre Reichweite beträgt zirka 700 Kilometer.

Diese Rakete ist von sowjetischen Scud-B-Raketen adaptiert worden. Ihre Reichweite beträgt zirka 700 Kilometer.

youtube.com

Die syrischen Rebellen haben offenbar die geheimnisumwitterte, mysteriöse Militäranlage al-Kibar im Euphrat-Tal im Nordosten Syriens unter Kontrolle gebracht. Die rund 60 Kilometer westliche der Stadt Dair az-Zur gelegene geheime Militäranlage hat im September 2007 internationale Berühmtheit erlangt, als israelische Kampfjets den vermuteten Atomreaktor in Schutt und Asche bombten.

Die US-Regierung von George W. Bush gelangte in der Folge zum Schluss, dass die am 6. September 2007 kurz nach Mitternacht von Israel in der „Operation Obstgarten" zerstörte Militäranlage in Tat und Wahrheit ein im Bau befindlicher Nuklearreaktor gewesen sei. War das Assad-Regime gar auf dem Weg, eine Atombombe herzustellen? Im April 2008 informierte der US-Auslandgeheimdienst CIA den amerikanischen Kongress hinter verschlossenen Türen darüber, dass die Installation in al-Kibar verblüffend ähnlich sei mit dem Reaktor Yongbyon in Nordkorea. Diese Ähnlichkeit dürfte in Israel die Alarmglocken bereits 2007 zum Schrillen gebracht haben - und den Luftschlag in Syrien provoziert haben.

Diese geheime syrische Militäranlage, die rund sechs Autostunden von Damaskus und drei Stunden von Palmyra entfernt ist, wurde nun von den syrischen Rebellen eingenommen. Laut Medienberichten hätten die letzten loyalen Streitkräfte der Assad-Armee die tief in einem Canyon versteckte Basis in der Nähe der römisch-byzantinischen Festung Zalabiya mit Helikoptern verlassen, bevor al-Kibar von den Oppositionellen am letzten Freitag überrannt wurde.

Inzwischen sind auf Youtube mehrere Videos aufgetaucht, welche die mysteriöse Anlage zeigen. Innenaufnahmen aus einem blauen Hangar zeigen eine Scud-Rakete sowie Löcher im Dach, durch welche die Raketen im Ernstfall hätten abgefeuert werden können. Eigentlich hätten die Assad-Loyalisten die Scud-D-Rakete (Reichweite: rund 700 Kilometer) noch sprengen wollen, doch offenbar mussten sie den Hangar vor den anrückenden aufständischen Kämpfern fluchtartig verlassen. Auf den Videos, die angeblich am 23. Februar 2013 aufgenommen wurden, ist zu sehen, dass bereits alles zur Sprengung vorbereitet war.

An der militärischen Einnahme der Anlage al-Kibar waren auch Kaida-nahe Kämpfer von der Al-Nusra-Front beteiligt. Die Dschihadisten luden UNO-Inspektoren dazu ein, die syrische Anlage zu besuchen. Nach dem israelischen Militärschlag hatte die Assad-Regierung allerdings die geheime Militäranlage abreissen und offenbar in eine Raketenabschuss-Basis umgewandelt. UNO-Inspektoren haben die vermeintliche Atomanlage erst einmal im Juni 2008 besucht, erhielten aber nur beschränkten Zugang. Danach liess die syrische Regierung keine UNO-Inspektionen mehr zu. In Überresten der Anlage fand die Internationale Atombehörde IAEA Spuren von Uran. Die Behörde erklärte im Mai 2011, bei der zerstörten Anlage habe es sich „sehr wahrscheinlich" um einen Atomreaktor gehandelt.