Kolumbien

Tanja kämpft im Dschungel bis zum Tod

Die Sozialromantik der Guerilla-Organisation Farc verfängt besonders bei jungen Europäerinnen. Die prominenteste Vertreterin ist eine niederländische Studentin.

Sandra Weiss, Puebla
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Ihre Stimme klingt mädchenhaft unschuldig. Sie vermisse den holländischen Käse, und anfangs sei es ihr schwergefallen, dass sie sich mit niemand auf Niederländisch unterhalten konnte, erzählt sie dem kolumbianischen Journalisten Jorge Enrique Botero in einem Interview. Dann lacht sie und singt mit sonorer Stimme «Don’t cry for me, Argentina» ins Mikrofon – für ihre Eltern zu Hause.

Seit 2002 lebt Tanja Nijmeijer im kolumbianischen Dschungel und kämpft in den Reihen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc). Zweimal ist die 32-Jährige nur knapp dem Tod entkommen. In ihren spanisch, englisch und niederländisch geschriebenen Tagebüchern beklagt sie sich über den Machismo und die intellektuelle Beschränktheit ihrer Vorgesetzten.

Doch Nijmeijer hat zwei Gesichter. Ob sie nicht manchmal ihren Entschluss bereue, will der Journalist wissen. Da verwandelt sich die dunkelblonde junge Frau plötzlich in «Ellen», wie ihr Alias lautet: «Wenn jemand meint, mich hier rausholen zu müssen, wird er mit Gewehrsalven und Minen empfangen», schmettert sie mit kolumbianischem Akzent.

Kampf für eine gute Sache

Tanja ist eine von schätzungsweise zwei Dutzend Ausländern, die freiwillig zu den Farc gegangen sind – in der Überzeugung, im kolumbianischen Dschungel für eine gute Sache zu kämpfen. Die meisten kontaktierten die Farc zwischen 2000 und 2002, als die Rebellen in San Vicente de Caguan über ein Gebiet von der Grösse der Schweiz herrschten, ein so genanntes Friedenslabor.

Präsident Andrés Pastrana hatte es ihnen zur Verfügung gestellt, um dort Friedensgespräche mit der Guerilla zu führen. Doch als klar wurde, dass die Rebellen einen schwunghaften Drogenhandel aufzogen und das Gebiet als Rückzugs- und Trainingslager nutzten, liess Pastrana kurzerhand das Militär einmarschieren.

Tanja, die an der Universität von Groningen Romanistik studierte und in linken Studentengruppen aktiv war, ging erstmals im Jahr 2000 nach Kolumbien, um dort an einer Dorfschule ein Praktikum zu absolvieren. Sie sei damals naiv gewesen und habe nichts gewusst von der sozialen Realität, erinnert sie sich. Die Armut schockierte sie ebenso wie die Passivität des Staates und die Brutalität der rechten Paramilitärs. Der Dorflehrer in Pereira überzeugte sie vom Kampf der Guerilla.

2001, zurück in den Niederlanden, sei ihr klar geworden, dass die Revolution in Kolumbien stattfinde, nicht in Europa, so Nijmeijer im Interview. Ein Jahr später packte sie ihre Sachen und siedelte nach Kolumbien über. Zunächst arbeitete sie sechs Monate als Milizionärin der Farc in Bogotá. Dann verlor sich ihre Spur im Dschungel. Zu ihren Eltern, die wussten, aber nicht billigten, was ihre Tochter trieb, hielt sie losen Kontakt.

2007 flog «Ellen» auf. Der Armee fiel beim Angriff auf ein Rebellenlager der Farc ihr Tagebuch in die Hände. «Ich habe es satt, habe die Farc satt, die Leute, das Gemeinschaftsleben», stand darin. «Ich habe gekämpft, aber das war nicht das Schlimmste. Ich renne herum mit schweren Rucksäcken, durchnässter Kleidung.» Sie verlor ihre Brille bei einer Flussdurchquerung, sah kaum noch etwas und starb fast an Heimweh.

Die kolumbianische Regierung veröffentlichte die Aufzeichnungen – um abzuschrecken. Sie hat der Holländerin ausserdem eine Amnestie versprochen, wenn sie desertiert. Die Veröffentlichungen brachten ihr fast ein Todesurteil der Guerilla ein. Ihre Sprachkenntnisse retteten sie, so ihr Biograf Leon Valencia. In dem Moment sei die Guerilla schon stark unter Druck gewesen und habe Tanja als Propagandistin und Übersetzerin benötigt.

Prominente Vorläuferinnen

Fotos zeigen ein hübsches dunkelblondes Mädchen im Kampfdress. Einmal schmiegt sie sich zärtlich an die Schulter eines schmalen schnauzbärtigen Rebellen, auf einem anderen posiert sie mit einem Maschinengewehr in der Hand. Es ist just dieses sozialromantisch-verklärte Bild, das besonders bei jungen, sozial sensiblen Frauen aus der intellektuellen Mittelschicht so verfänglich wirkt. Nijmeijer ist nicht die erste. Sie hat so prominente Vorläuferinnen wie Tania la Guerillera alias Tamara Bunke, die aus der DDR stammende Gefährtin des argentinisch-kubanischen Revolutionärs Che Guevara. Oder Lori Berenson, die US-Studentin, die sich der peruanischen Guerilla MRTA anschloss, 1995 festgenommen wurde und bis 2010 wegen Terrorismus in einem Hochsicherheitsgefängnis sass.

Wieder um Haaresbreite überlebt

Die ausländischen Sympathisanten – so das Kalkül von Rebellenchef Raul Reyes, dem Mentor Nijmeijers und internationalen Strategen der Farc, der 2008 ums Leben kam – sollten virtuelle und persönliche Unterstützernetzwerke weltweit aufbauen. Ein Vorhaben, das sein Tod durchkreuzte. In mehreren Ländern wurden inzwischen Sympathisanten von der kolumbianischen Regierung geortet. Ein Verbindungsbüro der Organisation in Mexiko wurde geschlossen, in Chile wurde ein kommunistischer Aktivist aufgrund eines kolumbianischen Auslieferungsantrags festgenommen. Die Guerilla ist in der Defensive, Tanja in Gefahr. Im August wurde Militärchef Jorge Briceño alias «Mono Jojoy» bei einem Angriff getötet.

Der Geheimdienst glaubte zunächst, auch Tanja sei unter den Toten, doch die Staatsanwaltschaft dementierte später. Sie scheint wieder um Haarebreite mit dem Leben davongekommen zu sein. Getreu ihrem Motto: «Es gibt kein Zurück mehr. Ich bleibe Guerillera, bis zum Sieg oder bis zum Tod.»