Ägypten
Tariq Ramadan: «Die Militärs lassen die Macht nicht entgleiten»

Der renomierte Islamwissenschaftler Tariq Ramadan über den Arabischen Frühling, die Rolle der Muslimbrüder und deren Wahlsieg. «Ich glaube nicht daran, dass wir Zeuge eines Demokratisierungsprozess werden», befürchtet der Experte.

Daniel Fuchs
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Tariq Ramadan ist der Enkel des Gründers der Muslim-Brüderschaft Hassan al-Banna.

Tariq Ramadan ist der Enkel des Gründers der Muslim-Brüderschaft Hassan al-Banna.

Martial Trezzini/key

Herr Ramadan, die Muslimbrüder scheinen in Ägypten an ihrem Ziel angekommen zu sein: Nach den ersten demokratischen Wahlen sind sie Sieger und stellen den ersten zivilen Staatschef. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht?

Tariq Ramadan: Ägypten befindet sich in einer überaus schwierigen Situation. Es bleibt unklar, wie es weitergeht. Immerhin: Der ägyptischen Bevölkerung haben die Wahlen gezeigt, dass die Aufstände gegen das alte Regime tatsächlich etwas bewirkt haben.

Dennoch befindet sich der neu gewählte Präsident gegenüber dem Militärrat in einer schwierigen Situation und konnte sich bezüglich seiner Vereidigung nicht durchsetzen. Ist wirklich etwas passiert?

Das alte Regime ist weg. Die Wahlen zeigten den Ägyptern, dass die Diktatur nicht für ewig hält. Das hat aber weder mit einer sozialen noch mit einer politischen Revolution etwas zu tun.

Dennoch spricht man von der arabischen Revolution.

Ich glaube nicht, dass wir bereits Zeugen eines revolutionären Prozesses wurden. Gewiss: Wir sahen Aufstände, die aber nicht in einer Revolution mündeten. Noch immer ist es die Armee, welche die Entscheidungen fällt. Wir sind weit von dem entfernt, was man als politische Revolution bezeichnen kann.

Islamwissenschaftler in Oxford

Tariq Ramadan ist Islamwissenschaftler an der Universität Oxford und hält Vorlesungen in Doha (Katar). Ramadan hat lange in Genf gelebt und den Schweizer Pass. Sein Vater, Said Ramadan, war der Gründer der Muslimbrüder in Europa. Hassan al-Banna, der Urvater der Muslimbrüder in Ägypten, war Ramadans Grossvater mütterlicherseits. Sein neuestes Buch: «The Arab Awakening - Islam and the New Middle East». Penguin Books London 2012.

Die Muslimbrüder – immerhin waren Ihr Vater und dessen Schwiegervater die Urväter der Bruderschaft – spielten während der Proteste nicht die geringste Rolle. Trotzdem wurden sie – und nicht die liberalen Kräfte – mit dem Wahlsieg belohnt. Weshalb?

Ich nenne das historische Glaubwürdigkeit. Die Muslimbrüder sind in den Augen vieler Ägypter glaubwürdig, weil sie während all der Jahre der Diktatur in Opposition waren. Ihre Mitglieder mussten ins Exil, viele wurden gefoltert. Während mehr als 80 Jahren operierten die Muslimbrüder im Untergrund. Sie sind deshalb sehr gut organisiert. Die Muslimbrüder waren zwar nie an vorderster Front auf dem Tahrir-Platz. Doch während des folgenden «Demokratisierungsprozesses» waren sie präsent.

Viele sehen im nun gewählten Präsidenten Mohammed Mursi bloss eine Marionette der Muslimbrüder. Obwohl Mursi sich für den Schutz der Minderheiten aussprach, fürchten sich diese vor der neuen Situation. Auf der anderen Seite der Militärrat, der sich an die Macht klammert. Was soll Mursi tun?

Diese Frage kann ich heute nicht beantworten, weil niemand weiss, wie sich der Militärrat verhalten wird. Trotz weitverbreitetem Optimismus sollten wir uns bewusst sein, dass immer noch die Armee die Hauptrolle in den politischen und wirtschaftlichen Belangen Ägyptens spielt.

Demokratisierungsprozesse brauchen viel Zeit. Optimisten glauben an eine Momentaufnahme und sehen ein türkisches Modell als erfolgsversprechend für Ägypten.

Man kann Ägypten und die Türkei nicht miteinander vergleichen. Zu stark unterscheiden sich die beiden Länder in ihrer wirtschaftlichen und geopolitischen Situation. Um noch einmal auf die Armee zurückzukommen: In Ägypten spielt sie eine viel grössere Rolle als jene in der heutigen Türkei. Die ägyptischen Militärs lassen die Macht nicht einfach so entgleiten.

Sie sprechen damit die Auflösung des von den Muslimbrüdern dominierten Parlaments und die Beschneidung des Präsidentenamts an.

Das ist es ja gerade. Das Präsidentenamt ist nur noch eine symbolische Autorität ohne Macht. Ich glaube nicht daran, dass wir Zeuge eines Demokratisierungsprozess werden.

Was ist es dann?

Es ist zwar eine Verbesserung zur Diktatur. Das politische System Ägypten könnte zu einer Demokratie unter militärischer und wirtschaftlicher Kontrolle werden.

Man spricht nun viel über Religion, Minderheitenschutz und Politik in Ägypten. Sie aber sprechen immer wieder eine wirtschaftliche Komponente an.

Die wirtschaftliche Komponente ist auch die grösste Herausforderung für Ägypten. Und dabei geht es nicht nur um Tourismus, sondern wiederum um die Armee und deren Beziehung zu Weltbank und Währungsfonds.