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TEHERAN: Irans Bangen vor der Zukunft

Die iranische Regierung gibt sich nach aussen hin gelassen. Doch in der Bevölkerung machen sich Angst und Nervosität breit.
Martin Gehlen, Tunis
Die Euphorie von 2015 ist verflogen, doch bei vielen Iranerinnen und Iranern bleibt die Hoffnung auf ein Ende der Bevormundung durch die Klerikerkaste. (Bild: Vahid Salemi/AP (Teheran, 7. Mai 2018))

Die Euphorie von 2015 ist verflogen, doch bei vielen Iranerinnen und Iranern bleibt die Hoffnung auf ein Ende der Bevormundung durch die Klerikerkaste. (Bild: Vahid Salemi/AP (Teheran, 7. Mai 2018))

Martin Gehlen, Tunis

Hassan Rohani hat bekanntlich gute Nerven. Minuten später bereits ging er im heimischen Staatsfernsehen auf Sendung, um US-Präsident Donald Trump auf dessen Ausstieg aus dem Atomabkommen direkt zu antworten. «Die USA waren der nahöstlichen Region immer feindlich gesonnen», erklärte er, umrahmt von vier iranischen Fahnen und unter den Augen seines Kabinetts. «Dies ist die Erfahrung unseres Volkes in den letzten vierzig Jahren.»

Der iranische Präsident kündigte an, in den nächsten Wochen mit Europa, China und Russland auszuloten, ob das Abkommen weitergeführt werden könne. «Anderenfalls werden wir die industrielle Anreicherung von Uran wieder ohne jede Einschränkung aufnehmen.» Gleichzeitig versuchte er, seine Landsleute zu beruhigen. Sie sollten sich keine Sorgen machen um ihre Versorgung mit Lebensmitteln und Devisen. Das Ganze sei eine «psychologische Kriegführung», aus der der Iran als Sieger hervorgehen werde.

Dennoch wachsen Angst und Nervosität in der Bevölkerung. Reiche Familien verlassen das sinkende Schiff. Teheraner Regierungskreise schätzen, dass allein in den letzten Wochen vor der Trump-Entscheidung Vermögen im Wert von 10 bis 30 Milliarden Dollar ausser Landes geschafft wurde. Ein Drittel aller jungen Leute unter 30 Jahren ist arbeitslos, auf dem Land sind es teil­weise bis zu 60 Prozent. Vor einem Jahr noch hatte die persische Bevölkerung Rohani mit überwältigender Mehrheit in seine zweite Amtszeit getragen, in der Hoffnung, der 69-jährige Politkleriker werde die wirtschaftliche Dividende des Atomabkommens einfahren, die Bevormundungen durch die ultraorthodoxe Klerikerkaste beenden und das gesellschaftliche Leben liberalisieren.

«Das Volk lebt wie Bettler, seine Führer leben wie Gott»

Anfang des Jahres dann kochte die Frustration zum ersten Mal hoch. Zehntausende junger Leute gingen auf die Strassen, nicht nur in Teheran und anderen grossen Städten, vor allem auch in der Provinz und auf den Dörfern. Was als Proteste gegen Arbeitslosigkeit und soziale Misere begann, wandelte sich rasch zu einer prinzipiellen Kritik an der Islamischen Republik und ihrer geistlichen Führung. «Tod dem Diktator!», skandierten die Menschen an die Adresse des obersten Revolutionsführer Ali Chamenei. «Das Volk lebt wie Bettler, seine Führer leben wie Gott.» Mindestens 25 Demonstranten kamen ums Leben, über 5000 wurden verhaftet.

Seitdem ist an der Oberfläche wieder Ruhe eingekehrt, obwohl jede Woche weitere Videos auftauchen von neuen, kleineren Tumulten. Andere schreiben ihre regimekritischen Slogans nun auf Banknoten, die sie per Twitter in Umlauf bringen. «Die Geldscheine sprechen», nennen sie ihre Aktion.

Als Reaktion will die konservative Justiz nun mit aller Macht den Messenger-Dienst Telegram verbieten, den 40 Millionen Iraner nutzen, damit sich diese subversiven Bilder nicht permanent im Land verbreiten. Ungeachtet der Misere daheim agiert der Iran draussen in der nahöstlichen ­Region weiterhin mit enormem Aufwand an Personal, Waffen und Geld. Mit seinen Revolutionären Garden bewahrte Teheran das Regime von Baschar al-Assad vor dem Kollaps. Zusätzlich wurden Abertausende schiitische Kämpfer aus Irak und Afghanistan für Syrien angeworben und besoldet. Die libanesische Hisbollah ­bekommt seit Jahrzehnten Waffen und Dollars aus Teheran, eine kostspielige Hegemonialpolitik, die auch in der ­Islamischen Republik inzwischen auf ­offene Kritik stösst. «Überlasst Syrien sich selbst, denkt auch mal an uns!», ­riefen die Demonstranten bei ihren Kundgebungen.

Iranische Währung im freien Fall

Denn das heimische wirtschaftliche Debakel geht ungebremst weiter. Der ira­nische Rial befindet sich im freien Fall. 70 000 Rial kostet der Dollar inzwischen auf dem Schwarzmarkt, kurz vor dem Atomabkommen vor drei Jahren waren es noch 35 000. Selbst dem Land wohlgesinnte europäische Firmen zögern, weil mit Irans bizarrer Bürokratie, der allgegenwärtigen Korruption und dem verrotteten Bankensystem nur schwer erfolgreiche Geschäfte zu machen sind. Zudem sind es die hauseigenen Kon­zerne der Revolutionären Garden gewohnt, alle milliardenschweren Staatsaufträge ohne Ausschreibung und ohne Konkurrenz zugeschustert zu bekommen. Dieses Monopol verteidigen sie mit ­Zähnen und Klauen gegen die neue internationale Konkurrenz.

«Als der Vertrag vor ein paar Jahren geschlossen wurde, dachte ich, die Situa­tion wird jetzt besser», vertraute dieser Tage ein 42-jähriger Taxifahrer in Teheran einem ausländischen Reporter an. «Nach einem Ende des Abkommens aber weiss ich nicht, wie Rohani alle diese ständig wachsenden Probleme noch in den Griff bekommen kann.»

Donald Trump verkündet bei einer Ansprache im Weissen Haus den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit Iran. (Bild: Evan Vucci/AP (Washington, 8. Mai 2018))

Donald Trump verkündet bei einer Ansprache im Weissen Haus den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit Iran. (Bild: Evan Vucci/AP (Washington, 8. Mai 2018))

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