Naher Osten
Teheran schwört Rache: Kriegspoker zwischen USA und Iran

Hardliner in Teheran fordern Vergeltung für den getöteten «Vater des Atomprogramms». Präsident Rohani indes hofft auf Joe Biden.

Martin Gehlen aus Tunis
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Letzte Ehre für den getöteten Atomwissenschafter Mohsen Fakhrizade - Teheran droht mit «Rache an den Zionisten».

Letzte Ehre für den getöteten Atomwissenschafter Mohsen Fakhrizade - Teheran droht mit «Rache an den Zionisten».

AP

Die auf dem blauen Nissan-Pickup versteckte Bombe war so gewaltig, dass sie sogar die örtliche Stromversorgung ausknockte. Mohsen Fakhrizade war auf dem Weg nach Hause in den Bergort Absard östlich von Teheran, als die Wucht der Explosion seinen Wagen zum Stehen brachte. Die Attentäter rasten in einem SUV heran und eröffneten das Feuer auf den «Vater des iranischen Atomprogramms», wie Israels Premier Benjamin Netanjahu den Getöteten nannte. Auf dem Asphalt zurück liessen sie den schwer verletzten Atomphysiker, der wenig später im Krankenhaus starb.

Die Bluttat trägt die Handschrift des israelischen Geheimdienstes Mossad und könnte kurz vor Ende der Amtszeit von Donald Trump in einen militärischen Schlagabtausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Islamischen Republik münden. Erst vorletzte Woche diskutierte der scheidende US-Präsident mit engsten Vertrauten Möglichkeiten, Irans Atomanlagen zu bombardieren.

Israels Armee soll sich für Vergeltungsschläge rüsten

Vizepräsident Mike Pence, Aussenminister Mike Pompeo und Generalstabschef Mark Milley rieten ab. Trotzdem liess das Pentagon demonstrativ zwei B-52-Bomber, die Atombomben abwerfen können, von ihrer Luftwaffenbasis in Nord Dakota aus zu einem Non-Stop-Flug an den Golf starten, «um Aggressionen zu vereiteln und die US-Partner zu beruhigen», wie das Oberkommando mitteilte. Die israelische Armee erhielt nach lokalen Medienberichten die Anweisung, sich für mögliche Vergeltungsschläge Teherans zu rüsten.

Denn die iranische Führung schwört Rache. Für sie und ihren Sicherheitsapparat war 2020 ein Jahr spektakulärer Blamagen. Am 3. Januar ermordete eine US-Drohne nahe dem Internationalen Flughafen von Bagdad den populären General der Al-Quds-Auslandsbrigade, Qassim Soleimani. Im Juli zerstörte mitten in der schwer bewachten Atomanlage Natanz eine gewaltige Explosion das technische Herzstück des Nuklearprogramms, eine Halle wertvoller Maschinen, mit denen Iran seine neuesten Uran-Hochleistungszentrifugen montiert und testet. Mit dem 62-jährigen Mohsen Fakhrizade traf es jetzt einen Mann, der seine Arbeitskraft in die Entwicklung von Raketenköpfen für Atombomben gesteckt haben soll.

Diese Häufung von Angriffen stellt die zerstrittene Machtelite der Islamischen Republik vor ein politisches Dilemma. Die Hardliner drängen auf eine rasche und harte Antwort. Wenn der Iran nichts tue, würden Israel und die USA nur zu weiteren Terroraktionen ermutigt, argumentierten ihre Vertreter. «Auge um Auge – bereitet euch vor, Zionisten», titelte die konservative Zeitung Kayhan. Revolutionsführer Ali Khamenei erklärte zur obersten Priorität, «das Verbrechen aufzuklären und die Täter definitiv zu bestrafen». Mit einer iranischen Kommandoaktion oder gar einen offenen Waffengang jedoch riskieren die Hardliner daheim den weiteren wirtschaftlichen Niedergang und neue innere Unruhen, wie zuletzt im November 2019. Damals gingen Hunderttausende auf die Strassen, die schwerste Erschütterung des Regimes seit Gründung der Islamischen Republik 1979.

Rohani will Rückkehr zum Atomvertrag

Joe Biden.

Joe Biden.

Key

Die Moderaten um Präsident Hassan Rohani dagegen wissen, nur wenn Iran diese Demütigung wegsteckt, gibt es nach der Amtseinführung von Joe Biden eine Chance für die Rückkehr zum Atomvertrag und für die dringend nötigen Erleichterungen bei den Sanktionen. «Wir werden zu gegebener Zeit antworten», versuchte Rohani die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen und warb für «strategische Geduld» – will heissen, warten auf den Machtwechsel in Washington am 20. Januar.

Für Rohani war der Atomvertrag 2015 der grösste diplomatische Erfolg seiner Präsidentschaft, bis Trump im Mai 2018 aus dem Abkommen ausstieg und die Sanktionen reaktivierte. Rohanis Amtszeit endet im kommenden Jahr.