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TERROR: El Kaida ist heute stärker als je zuvor

Zum 15. Mal jährt sich heute der Anschlag auf die Twin Towers in New York. Heute müssen sich die USA eingestehen, dass ihr Kampf gegen el Kaida gescheitert ist.
Martin Gehlen
New York, 11. September 2001: der Anschlag auf die Twin Towers. Zeitgleich wurde auch das Pentagon in Washington angegriffen. (Bild: Screenshot Getty)

New York, 11. September 2001: der Anschlag auf die Twin Towers. Zeitgleich wurde auch das Pentagon in Washington angegriffen. (Bild: Screenshot Getty)

Noch 2011, zehn Jahre nach dem 11. September, bebte die US-Regierung vor Optimismus. «Wir sind nahe dran, el Kaida strategisch zu besiegen», brüstete sich der damalige Pentagon-Chef Leon Panetta. Im Nahen Osten blühte der Arabische Frühling. Die Uhr der Bin-Laden-Terroristen schien endgültig abgelaufen, ihre hasserfüllte islamistische Ideologie angesichts der keimenden Demokratiehoffnungen ein Auslaufmodell.

Doch die Prognosen vom absehbaren Ende der Terrorgruppe erwiesen sich als falsch. Heute, 15 Jahre nach den simultanen Flugzeugattentaten auf die Twin Towers in New York und das Pentagon in Washington, versinkt die gesamte arabische Region in Chaos, Krieg, Diktatur – und el Kaida ist stärker als je zuvor. Selbst die neue Terrorkonkurrenz vom Islamischen Staat (IS), der mit seiner schieren Brutalität und seinen blitzartigen Offensiven in Syrien und Irak seit Mitte 2014 die Aufmerksamkeit des ganzen Erdballs auf sich zog, hat den Gotteskriegern und ihrer afghanischen Zentrale nicht geschadet.

Im Windschatten des IS

Unbeirrt befestigten sie im Windschatten des IS-Medienhypes vor allem in Syrien und im Jemen ihre Macht, umwarben Verbündete in der lokalen Bevölkerung und brachten zahlreiche Enklaven und Gebietsstreifen unter ihre Kontrolle. Im Umgang mit den Leuten vor Ort erliess die El-Kaida-Führung unter Bin-Laden-Nachfolger Aiman el Sawahiri «neue Richtlinien für den Dschihad». Diese wiesen die Kämpfer an, Gewalt gegen Minderheiten und nicht sunnitische Muslime zu meiden, weil dies eine «Revolte der Massen» auslösen könne. Weiter hiess es in dem Text, die eigenen Leute sollten keine Frauen und Kinder töten, Attentate auf Märkte und Moscheen stoppen sowie stärker mit anderen islamistischen Gruppen kooperieren, «selbst solche, mit denen el Kaida tiefe ideologische Differenzen hat». Lokale Gründungen in Tunesien, Libyen und Syrien gaben sich mit Ansar el Scharia oder Dschabhat el Nusra sogar neue Namen, um ihre Bindung zu el Kaida zu verschleiern.

Vor allem im Jemen, aber auch in Pakistan sind die Vereinigten Staaten den Terrordrahtziehern mit ihren Drohnen nach wie vor hart auf den Fersen. Im Juni 2015 wurde der langjährige jemenitische El-Kaida-Chef Nasser el Wuhayshi von einer Rakete getötet, der grösste Verlust für das Terrornetzwerk seit dem Tod Osama Bin Ladens 2011. Nach Statistiken des «Long War Journal» blieb die Zahl der unbemannten Luftschläge im Süden der Arabischen Halbinsel in den vergangenen vier Jahren trotz des Bürgerkrieges mit 22 bis 24 konstant hoch. In Pakistan lag sie noch 2013 und 2014 etwa gleichauf, in den letzten beiden Jahren sank die Zahl der Angriffe auf 11 beziehungsweise 3.

«Direkte Bedrohung»

Und so gibt es für Washington keinen Grund zur Entwarnung. El Kaida sei stärker dezentralisiert als zu Zeiten des 11. September 2001, aber nicht minder virulent, heisst es im Weissen Haus. Die Gefahr gehe nicht mehr primär von der Führungsspitze aus, sondern von lokalen Filialen, Verbündeten und ideologisch Gleichgesinnten, erklärte Barack Obama. In seiner Rede zur Lage der Nation Anfang des Jahres bezeichnete der US-Präsident el Kaida ausdrücklich als «eine direkte Bedrohung für das amerikanische Volk». Denn die Instabilität im Mittleren Osten und in Nordafrika hält an. «Sie wird noch Jahrzehnte dauern, wahrscheinlich die nächsten ein bis zwei Generationen», bilanzierte dieser Tage der Extremismusexperte am Middle East Institute in Washington, Charles Lister. El Kaida sei das langlebigste Dschihadistenprojekt, das derzeit existiere. Die El-Kaida-Idee werde daher «noch über viele Jahre eine enorme Bedrohung bleiben für die lokale, die regionale und auch die internationale Sicherheit».

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