TERROR: Emanzipation mit der Bombe

Islamistisch motivierte Terrorakte sind längst nicht mehr nur das Privileg von Männern. In Indonesien sind Frauen mit Bomben eine gefährliche Neuerscheinung.

Urs Wälterlin, Jakarta
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Die indonesische Islamistin Ismah Cholil fordert Peitschenhiebe für vorehelichen Sex. (Bild: Screenshot Youtube)

Die indonesische Islamistin Ismah Cholil fordert Peitschenhiebe für vorehelichen Sex. (Bild: Screenshot Youtube)

Urs Wälterlin, Jakarta

Der Personalausweis in den Polizeiakten zeigt ein Gesicht, das einem Kind gehören könnte. Doch Dian Yulia Novis unschuldiger Blick täuscht. Die 27-jährige Indonesierin war kurz davor, blutige Geschichte zu schreiben – als erste weibliche Selbstmordattentäterin Indonesiens. Im Dezember war sie in Jakarta im Besitz einer Dampfkochtopf-Bombe verhaftet worden. Ein Mitglied der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) habe sie beauftragt, sich während der zeremoniellen Wachablösung am Präsidentenpalast in der Hauptstadt in die Luft zu sprengen. Nicht nur das Blut der jungen Frau wäre vergossen worden, sondern das von Dutzenden Offiziellen und Zuschauern: Seit letztem Jahr ist die Parade der Leibwächter von Präsident Joko Widodo auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

Novi ist kein Einzelfall. Ebenfalls im Dezember wurde auf der Ferieninsel Bali eine Frau festgenommen, die ähnliche Absichten gehabt haben soll. Bei beiden mutmasslichen Terroristinnen handelte es sich um Reinigungsarbeiterinnen. Sie seien über eine IS-freundliche Frauenhilfsorganisation in Kontakt mit der Terrorgruppe gebracht worden.

Frauen wollen eine aktivere Rolle

«Ich glaube, das ist der Beginn einer neuen Entwicklung, nicht nur in Indonesien, sondern der Region», meint Sidney Jones, Direktorin des Instituts für Konfliktanalyse (Ipac) in Jakarta. Das Institut hat die Bedeutung von Frauen im islamistisch motivierten Kampf in Südostasien analysiert. Frauen, die bisher den IS aus dem Hintergrund unterstützt hätten, als Mütter oder Gattinnen von Dschihadisten, wollten eine aktivere Rolle. «Und sie drängen die Männer dazu, ihnen eine zu geben.» Emanzipation mit der Selbstmord-Bombe.

Während in Ländern des Nahen Ostens Frauen schon länger im bewaffneten terroristischen Kampf aktiv sind und auch in Europa zunehmend Terroristinnen in Erscheinung treten, sei die Entwicklung in Indonesien neu. Fast 90 Prozent der 250 Millionen Bewohner des Inselstaates sind Muslime, der weitaus grösste Teil der Bevölkerung folgt zwar einer moderaten Auslegung des Glaubens. Die wachsende Rolle von Frauen im islamistisch motivierten terroristischen Kampf würde von einer stärker werdenden Präsenz hart konservativer Gruppen in der indonesischen Politik begleitet, so Jones.

Auch in der seit Monaten schwelenden Opposition muslimischer Kräfte gegen die Wiederwahl des christlichen Gouverneurs von Jakarta, Basuki «Ahok» Tjahaja Purnama, nehmen Frauen eine immer prominentere Rolle ein. Bei Protesten gegen den Politiker, dem radikale Muslime «Gotteslästerung» vorwerfen, vertreten häufig Gruppen von Frauen fundamentalistische Interpretationen des Korans und setzen sich lautstark für die Schaffung eines «Gottesstaates» ein. Bei einer Protestversammlung der konservativen islamischen Organisation Hizb ut-Tahrir in Jakarta machte die Aktivistin Ismah Cholil vor 3000 Zuschauern klar, wie das Leben in einem «Kalifat» aussehen würde. «Männer und Frauen, die vorehelichen Sex haben, müssen mit 100 Peitschenhieben bestraft werden», habe Cholil ins Mikrofon gebrüllt, berichtete ein australischer Reporter. Homosexuelle beider Geschlechter sollten wie Vergewaltiger und andere Kriminelle behandelt werden. «Tötet sie! Damit wird ihre üble Tat im Boden vergraben, vermischt mit den Bakterien und Würmern, und sie werden keine Zeit haben, die Lebenden anzustecken.»

Attraktives Ziel für die Anwerbung

Von politischem und religiösem Engagement bis zur Ausführung eines terroristischen Aktes sei es zwar ein langer Weg, sagen Experten. Dabei spiele aber der Kontakt mit Gruppen, die eine fundamentalistische Auslegung der Religion verfolgen, eine wichtige Rolle. Soziale Medien seien für Frauen heute das Instrument der Wahl, kommt Ipac in ihrer Studie zum Schluss. «Frauen können an radikalen Chaträumen teilnehmen, Männer treffen, IS-Propaganda lesen, ihre Hoffnungen und Wünsche ausdrücken und gleichgesinnte Freunde finden – alles in der relativen Sicherheit verschlüsselter Nachrichten.» Die Beinahe-Attentäterin Dian Novi hatte den Auftrag zum Mord von ihrem IS-Agenten über den Sofortnachrichtendienst Messenger erhalten.

Indoktrinierte Begleiterinnen von gefallenen indonesischen IS-Dschihadisten, die aus Syrien und dem Irak zurückkehren, stehen zuoberst auf der Liste jener Frauen, die sich dem Terrorismus zuwenden könnten. Laut Sidney ­Jones sind aber auch Frauen gefährdet, die als Gastmigrantinnen im Ausland arbeiteten. «Sie haben ein grösseres Selbstbewusstsein, eine bessere internationale Perspektive, sprechen besser Englisch oder Arabisch und haben mehr Erfahrung mit Computern als daheim gebliebene Frauen.» Auch hätten diese potenziellen Terroristinnen im Ausland ein starkes Bedürfnis gehabt, zu einer «Gemeinschaft» zu gehören. Das mache sie zu einem «attraktiven Ziel für die Anwerbung» durch männliche IS-Kämpfer.

Laut Jones sind die indonesischen Sicherheitskräfte schlecht auf die Gefahr weiblicher Terroristinnen vorbereitet. Ein Hindernis ist die kulturell und religiös motivierte Zurückhaltung von Sicherheitskräften, Frauen auf versteckte Waffen, Sprengstoff oder andere verbotene Gegenstände und Nachrichten hin zu kontrollieren. «Sie durchsuchen Frauen viel weniger genau als Männer, wenn sie durch Metalldetektoren gehen», so die Analystin. «In Gefängnissen schenken sie ihnen weniger Beachtung, obwohl schon lange klar ist, dass Frauen als Kuriere eine Schlüsselrolle spielen.»