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Indonesien: Wenn Eltern ihre Kinder zu Attentätern machen

Die Anschläge zweier Elternpaare, die sich mit ihren Kindern in die Luft sprengten, werfen ein Schlaglicht auf den radikalen Untergrund in Indonesien. Der moderate Islam, der im grössten muslimischen Land traditionell gelebt wird, gerät unter Druck.
Ulrike Putz, Singapur
Kinder gedenken der Opfer mehrerer Anschläge in Surabaya. (Bild: Mast Irham/EPA (Jakarta, 14. Mai 2018))

Kinder gedenken der Opfer mehrerer Anschläge in Surabaya. (Bild: Mast Irham/EPA (Jakarta, 14. Mai 2018))

Die 8-jährige Famela war gut in Mathe und schaukelte für ihr Leben gern. Ihre Schwester Fadhila, 12, kurvte oft mit ihrem Fahrrad durch die Nachbarschaft. Firman, der 15-Jährige, engagierte sich im Schülerkomitee der liberalen Privatschule, die er und seine Geschwister besuchten. Und der mit 17 Jahren Älteste, Yusuf, drehte mit seinem Handy kleine Filme, in denen seine Schwestern die Hauptrollen spielten.

Wenn die Geschwister in ihrem Mittelklasse-Viertel in der indonesischen Metropole Surabaya auffielen, dann deshalb, weil die vier so überaus wohlerzogen waren. Auch ihre Eltern, der Gewürzhändler Dita Oepriarto und die Krankenschwester Puji Kuswati, galten als besonders freundlich und aufgeschlossen. Ihren muslimischen Glauben lebten sie nach aussen hin ganz moderat aus, zählten Christen und Buddhisten zu ihrem Freundeskreis.

Doch am Sonntag vor zwei Wochen zeigte sich, dass das so modern anmutende Leben der Familie eine einzige grosse Lüge war. Eltern und Kinder unternahmen gemeinsam drei koordinierte Selbstmordanschläge auf katholische Kirchen in ihrer Heimatstadt. Dabei wurde die Familie ausgelöscht und 12 Kirchgänger getötet, 40 Menschen wurden verletzt. Die Kinder waren bis zum Schluss folgsam: Die beiden Buben fuhren mit einem Moped zur Kirche Santa Maria und zündeten dort ihren Sprengsatz. Zeitgleich zündete der Vater die in seinem alten Toyota versteckte Bombe vor der Pfingst-Gemeinde im Stadtzentrum. Famela, Fadhila und ihre Mutter jagten sich vor einer weiteren Kirche mit Sprengstoffgürteln in die Luft.

Präsident Widodo droht mit Notstand

Indonesien stand noch ganz unter dem Schock dieser Bluttaten, als sich zwei weitere Familien als Schläfer-Zellen des Terrors entpuppten. Nur wenige Stunden nach dem Angriff auf die Kirchen starben in Surabaya drei Angehörige einer Familie, als ein für einen Anschlag gebauter Sprengsatz in ihrer Wohnung explodierte. Am folgenden Morgen setzte sich ein Elternpaar mit seinen drei Kindern auf Mopeds und fuhr zum Polizeihauptquartier von Surabaya. Die Eltern und ihre zwei 14 und 16 Jahre alten Söhne starben bei der Zündung zweier Sprengsätze, die 8-jährige Tochter überlebte schwer verletzt.

Terror im Familienverband: So etwas hatte es in Indonesien bislang nicht gegeben. Ein sichtlich aufgewühlter Präsident Joko Widodo nannte die Anschläge «barbarisch» und drohte, er werde den Notstand ausrufen, sollte das Parlament nicht endlich eine oft verschobene Verschärfung der Anti-Terror-Gesetze verabschieden. Tatsächlich kamen die Abgeordneten unter dem Eindruck der Schreckenstaten zu einem Konsens: Seit gestern können Sicherheitskräfte in Indonesien Terrorverdächtige bis zu 200 Tage ohne Gerichtsverfahren festsetzen und härter gegen Anwerber von gewaltbereiten Extremisten vorgehen. Auch darf künftig die Armee gegen Terroristen eingesetzt werden. Gut möglich, dass die neuen Gesetze schon bald Anwendung finden: Die Behörden rechnen mit weiteren Anschlägen durch Eltern-Kind-Zellen.

Die Ermittlungen haben inzwischen ergeben, dass alle drei in die Anschlagsserie verwickelten Familien einander kannten und insgeheim der Jemaah Ansharut Daulah (JAD) angehörten. JAD ist die derzeit wichtigste Terrorgruppe in Indonesien, sie hat dem Islamischen Staat (IS) Gefolgschaft geschworen. Familienvater Dita, der die Angriffe auf die Kirchen anführte, soll der JAD-Chef in Ostjava gewesen sein. Er soll die anderen Erwachsenen und seine eigenen Kinder indoktriniert haben, bis sie alle gemeinsam als «Märtyrer» ins Paradies eingehen wollten.

Anschläge tragen die Handschrift des IS

Zuerst hatte es geheissen, die männlichen Attentäter hätten zuvor in Syrien für den IS gekämpft. Das hat sich inzwischen als falsch herausgestellt. Klar ist jedoch, dass die Anschläge die Handschrift des IS tragen. Die gezündeten Bomben waren baugleich zu den Sprengsätzen, die der IS im Irak und in Syrien einsetzt. Auch die Taktik, Frauen und Kinder als Attentäter einzusetzen und zum Auftakt des Fastenmonats Ramadan zuzuschlagen, ist typisch für die seit 2003 aktive Terrormiliz. Seit der IS in Syrien und Irak stetig an Boden verliert, versucht er, seine Saat des Hasses weltweit auszubringen. Dabei ist er in Asien vor allem auf den Philippinen und in Indonesien erfolgreich. Eine 2015 erstellte Studie des Washingtoner Pew Research Centers ermittelte, dass etwa 4 Prozent der indonesischen Bevölkerung die radikale Ideologie des IS unterstützen. Bei der Masse der Bevölkerung sind das 9 Millionen Menschen.

Etwa 1100 Indonesier sollen in den letzten fünf Jahren im Nahen Osten für den IS gekämpft haben. Wie viele von ihnen lebend zurückgekehrt sind und das im Krieg erworbene Know-How an einheimische Terrorzellen weitergeben, ist unklar. Schwierig ist die Heimkehr nicht: Das indonesische Archipel umfasst mehr als 17000 Inseln, die Küsten des Landes sind de facto nicht kontrollierbar. Das australische Institut für Strategie und Politik warnte denn auch kürzlich, dass Indonesien für den IS – trotz hochkompetenter Sicherheitskräfte – «zum Brückenkopf nach Asien» zu werden drohe.

Saudi-Arabien übt immer grösseren Einfluss aus

Eigentlich wird in Indonesien von jeher eine moderate, tolerante Form des Islam gelebt. Das Land ist Heimat vieler Volksgruppen und Religionen, in den meisten Moscheen werden liberale Werte, Mitgefühl und Religionsfreiheit gepredigt. Islamische Verbände wie Nahdlatul Ulama (NU), der 50 Millionen Mitglieder hat, dienen als Bollwerk gegen Extremismus. Der NU hat Hardlinern und im Namen des Islam mordenden Terrorgruppen den Kampf angesagt und betreibt landesweit Aufklärungsunterricht gegen Hassideologien.

Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Saudi-Arabiens Einfluss das Wesen des indonesischen Islam verändert. Die Saudis sponsern mit Milliarden Franken den Bau von Schulen und erziehen die Jugend im Geiste des Fundamentalismus. Extremistisches Gedankengut ist inzwischen salonfähig geworden. Islamistische Parteien haben in der Politik immer grösseren Einfluss.

Wandte sich islamistischer Terror in Indonesien lange Zeit gegen Ausländer – bei den Anschlägen auf von Touristen frequentierte Discos auf Bali kamen 2002 über 200 Menschen um –, kam es in den vergangenen Monaten vermehrt zu Gewalttaten gegen Einheimische. Anfang Mai schnitten beispielsweise Anhänger von JAD während eines Gefängnisaufstands in der Stadt Depok fünf Polizisten einer Anti-Terror-Einheit die Kehle durch.

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