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TERROR: «Neue Kategorie der Feigheit»

Fassungslos stehen die Briten vor einem Selbstmordanschlag, der besonders Kinder und Jugendlichen galt. Zwei Verdächtige wurden gestern bereits festgenommen.
Sebastian Borger
Forensiker untersuchen den Tatort vor der Manchester Arena. (Bild: Kirsty Wigglesworth/AP (Manchester, 23. Mai 2017))

Forensiker untersuchen den Tatort vor der Manchester Arena. (Bild: Kirsty Wigglesworth/AP (Manchester, 23. Mai 2017))

Sebastian Borger, Manchester

Es sind die herzzerreissenden Suchappelle verzweifelter Eltern, die gestern das ganze Ausmass des Schreckens verdeutlichen. Tränenüberströmt hält Charlotte Campbell, 36, ein Foto ihrer Tochter Olivia in die Fernsehkameras. Zu sehen ist wenig – ein hübscher Teenager, wie sie zu Tausenden am Montag in die Arena von Manchester fuhren, um ihrem Idol Ariana Grande zuzujubeln. Seit 17 Uhr an jenem Abend hat Charlotte nichts mehr gehört von ihrer Tochter. «Bitte sagen Sie der Polizei Bescheid. Irgendjemand muss sie doch gesehen haben», schluchzt die Mutter.

Dutzende ähnlicher Bitten finden sich auf den sozialen Medien – sie klingen umso verzweifelter, je länger der Tag andauert und die Ahnung wächst, dass die Gesuchten zu den Opfern der Terrorattacke von Manchester gehören. Das Konzert der 23-jährigen US- Popsängerin vor ausverkauftem Haus (21 000 Plätze) war gegen 22.30 Uhr gerade zu Ende, als ein gewaltiger Knall die fröhliche Atmosphäre zerreisst. «Das ganze Gebäude erzitterte», berichtet später Joanne Johnson der BBC. «Irgendwie wusste man gleich: Das war kein Lautsprecher-Kurzschluss.»

Verdächtige Substanz gesprengt

Der Eindruck bestätigt sich auf schreckliche Weise. Offenbar, so legen es die ersten Ermittlungen nahe, war es einem einzelnen Attentäter gelungen, unbehindert in die öffentliche Zone zwischen der Halle selbst und dem angrenzenden Bahnhof Manchester Victoria zu gelangen. Genau zu dem Zeitpunkt, als ihm Hunderte Konzertbesucher entgegenströmen, zündete der Täter seine selbst gebaute Bombe und riss in seiner Umgebung viele mit in den Tod.

Gestern Vormittag bestätigte in London Premierministerin Theresa May die vorläufige Bilanz des Schreckens: Ausser dem Täter, dessen Identität die Polizei vorerst noch verschweigt, sind 22 Menschen tot, 59 teils lebensgefährlich Verletzte liegen in acht Krankenhäusern des Grossraumes Manchester. Später informiert sich die Regierungschefin vor Ort über die Arbeit von Polizei und Ärzten. Dass viele der Opfer Kinder und Jugendliche sind, verdeutlichen schon die ersten Namen der Toten. Georgina, 18, stand kurz vor den Abschlussprüfungen in der College-Stufe. Das Foto, das die Familie an die Medien gibt, zeigt das vergnügte Mädchen bei einem früheren Treffen im Arm ihres Idols Grande. Ihren Verletzungen erlegen sind auch ein achtjähriges Mädchen und ein junger Mann, 26.

Wie sehr die Attacke auf die Jugend des Landes die Briten aufwühlt, lassen die Reaktionen aus Politik und Sicherheitsbehörden ahnen. Die Regierungschefin spricht von einer «neuen Kategorie der Feigheit» und «kaltem Kalkül», mit dem es der Täter auf besonders Verletzliche abgesehen hatte. Auch die sonst eher kühlen Ermittler des Inlandsgeheimdienstes MI5 verwenden emotionale Sprache: Man sei «empört und angewidert» über den Bombenangriff, gibt MI5-Boss Andrew Parker zu Protokoll.

Die Fahndung nach den Hinterleuten des Selbstmordtäters von Manchester führte gestern zu zwei Festnahmen. An einer Adresse im Grossraum der nordenglischen Metropole sprengen Experten zudem eine offenbar verdächtige Substanz in die Luft. Die Bombe des Attentäters muss, den schrecklichen Verletzungen der Opfer nach zu schliessen, aus Nägeln und anderen Metallteilen bestanden haben. Welche Konsequenzen muss Grossbritannien aus den Ereignissen von Manchester ziehen? Der Massenmord kam zwei Monate nach der Terrorattacke von Westminster (fünf Tote), auf den Tag genau vier Jahre nach dem Terrormord an dem unbewaffneten Soldaten Lee Rigby. Die letzte Bomben­attacke mit vielen Toten liegt länger zurück: Im Juli 2005 ermordeten vier Selbstmordattentäter in der Londoner U-Bahn und einem Doppeldecker-Bus 52 Menschen, verstümmelten und verletzten weitere Hunderte. Stets waren islamistische Extremisten für die Taten verantwortlich.

Am Abend versammelt Manchesters neuer Bürgermeister Andrew Burnham auf dem Albert Square vor dem Rathaus die Menschen zu einer Mahnwache. Es gehe jetzt darum, sagt der anglikanische Bischof David Walker, «dass wir uns nicht von Terroristen das Leben bestimmen lassen». Für den britischen Muslimenrat spricht Harun Khan die Hoffnung aus, die Täter möge «in diesem und im nächsten Leben die volle Härte des Gerichts treffen».

Die Gedanken der früheren Kulturministerin Tessa Jowell sind hingegen bei den Opfern. Ihnen müsse die Gesellschaft auf zehn Jahre hinaus und länger beistehen, sagt die frühere Abgeordnete eines Londoner Wahlkreises, die die Folgen des Londoner Bombenangriffs aus nächster Nähe erlebt hat. «Heute müssen wir uns vorstellen, Charlotte Campbell oder eine der anderen betroffenen Mütter oder Väter zu sein. Und dann sollten wir uns vornehmen, ihnen zu helfen.»

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