Mali
Terror um jeden Preis: Islamisten wollen den Sahel destabilisieren

Das Attentat, bei dem zwei Schweizer verletzt wurden, sendet Schockwellen durch Afrika. Das Ziel der Terroristengruppe al-Mourabitoune: Das Land destablisieren. Die in Mali engagierten Franzosen können alleine nicht Herr der Lage werden.

Stefan Brändle, Paris
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Abgesperrt und bewacht: Die Bar La Terrasse in der malischen Hauptstadt Bamako.

Abgesperrt und bewacht: Die Bar La Terrasse in der malischen Hauptstadt Bamako.

Keystone

Im Nachtklub La Terrasse mitten in der malischen Hauptstadt Bamako war die Stimmung am frühen Samstagmorgen auf dem Höhepunkt, als ein vermummter Mann mit Sturmgewehr und Handgranaten hereinstürmte. Er tötete fünf Gäste – drei Malier, einen Belgier und einen Franzosen – und verletzte ein weiteres Dutzend, darunter zwei Schweizer Soldaten. Dann entkam der Täter mit einem Komplizen im Auto.

Die Bar war nicht zufällig Ziel des Anschlags. Sie war ein Treffpunkt von Expats, vorwiegend frankophonen Ausländern. In einem Bekennerschreiben erklärte die Terrorgruppe al-Mourabitoune, sie wolle sich «am ungläubigen Westen rächen», der sie «beleidigt» und ihren Bruder Ahmed Tilemsi umgebracht habe.

Tilemsi war im Dezember im Kampf gegen französische Militäreinheiten gefallen. Die Gruppe al-Mourabitoune wird vom berüchtigten Al-Kaida-Kämpfer Mokhtar Belmokhtar angeführt, der 2013 das algerische Erdgasfeld Inamenas angegriffen hatte.

Der Algerier mit dem Übernamen «le borgne» (der Einäugige) hat mit den Franzosen einige Rechnungen offen. Vor zwei Jahren wurden er und seine Spiessgesellen aus Nordmali in die algerische und libysche Sahara zurückgeschlagen. Da sie das Gebiet des ehemaligen Gottesstaates um Timbuktu nicht zurückerobern können, verlegen sie sich nun auf Terroranschläge. Damit wollen sie die Region destabilisieren und ihren Einfluss nicht zuletzt gegenüber internen Rivalen ausweiten: Bamako war noch nie Ziel eines solchen Attentats gewesen.

Belmokhtar versucht zweifellos auch, einen Keil zwischen die gemässigt muslimischen Malier und die fremden Truppen im Land zu treiben. Nach dem Ende der französischen Truppenoperation Serval im Herbst 2014 sichern noch 3000 Soldaten und Fremdenlegionäre insgesamt fünf Länder der Sahelzone. Neben Mali auch Niger und Tschad, in minderem Masse Mauretanien und Burkina Faso. Zudem sind die Franzosen nach einem religiösen Bürgerkrieg auch in der Zentralafrikanischen Republik engagiert.

UNO-Truppe erneut beschossen

Selbst die afrikaerprobten Franzosen können aber ein Gebiet von der Grösse Europas mit 3000 Mann nicht sichern. Die in Mali stationierte UNO-Truppe Minusma ist keine Hilfe. Im Gegenteil: Sie geriet gestern Sonntag in der nordmalischen Stadt Kidal erneut unter Artilleriebeschuss, wobei drei Menschen ums Leben kamen. Im Pulverfass Kidal gibt nicht die weitgehend untätige malische Armee den Ton an, sondern die Tuareg-Truppe MNLA.

In Paris ersucht Präsident François Hollande seine europäischen Partner seit langem um Mithilfe im ehemals französischen Kolonialgebiet. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini erklärte nach dem Anschlag in Bamako, nötig sei die Konzentration auf den politischen Prozess in Mali und den Kampf gegen den Terrorismus. «Wir sind bereit, mehr zu tun», erklärte sie – ohne präziser zu werden.

Boko Haram unterwirft sich IS

Französische Afrikaexperten wie Antoine Glaser sehen derweil bereits eine neue Gefahr aufziehen: Den Schulterschluss der Sahara-Dschihadisten und der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram, die seit neustem auch in Niger und Tschad aktiv wird. In einer neuen Videobotschaft unterwarf sie sich nun der IS-Miliz in Irak und Syrien. Zuvor hatte sie 100 Dorfbewohner abgeschlachtet, weil sie ihr den Treueeid verweigerten. Unter den Opfern waren 20 Kinder. Wenn sich Boko Haram so frei gebärden kann, dann auch deshalb, weil ihr keine intakte Armee Paroli bietet. Frankreich hat in seinem eigenen Einflussgebiet mehr als genug zu tun; und die Briten und Amerikaner denken nicht an einen Einsatz in Nigeria.