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TERRORANSCHLAG: Grossbritannien bemüht sich um Normalität

Politiker und Öffentlichkeit in Grossbritannien gedenken der Opfer des Anschlags von Westminster. Premierministerin Theresa May warnt vor übertriebenen Reaktionen.
Sebastian Borger, London
Auf dem Trafalgar Square in London gedenken Menschen mit Kerzen der Opfer des Anschlags von Westminster. (Bild: Carl Court/Getty (London, 23. März 2017))

Auf dem Trafalgar Square in London gedenken Menschen mit Kerzen der Opfer des Anschlags von Westminster. (Bild: Carl Court/Getty (London, 23. März 2017))

Sebastian Borger, London

24 Stunden lang, bis in den gestrigen Nachmittag hinein, machten Politik und Medien in London den Eindruck, als folgten sie der Maxime eines prominenten Witwers. Man solle doch, hat Brendan Cox noch kurz nach dem blutigen Terroranschlag von Westminster am Mittwoch gesagt, über «die Liebe und Tapferkeit der Opfer» reden, nicht nur über den Hass des Täters. Der Mann weiss mehr darüber, als ihm lieb ist: Vor neun Monaten, auf dem Höhepunkt des Brexit-Abstimmungskampfes, wurde seine Frau Joanne, eine 41-jährige Labour-Abgeordnete, von einem Rechts­extremen ermordet.

Als gelte es, die Cox-Maxime zu beherzigen, wetteiferten Behördensprecher und Politiker stundenlang um die beste Würdigung der Opfer, vom Täter ist indessen kaum die Rede. Erst als Scotland Yard dessen Umfeld ausgeleuchtet hat, wird der Name freigegeben: Khalid Masood, 52, ein wegen Gewaltdelikten, aber nicht als Terrorist vorbestrafter Brite aus Birmingham, hat bei dem Angriff von Westminster drei Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt. Die Nachrichtenagentur von Daesh/IS bezeichnet ihn als einen «Soldaten des Islamischen Staates».

Vom internationalen Terrorismus inspirierter Einzeltäter

Premierministerin Theresa May fügt in ihrer Regierungserklärung im Unterhaus Erhellendes hinzu: Bei dem Mörder von Westminster handle es sich um einen Einzeltäter, der vom internationalen Terrorismus beeinflusst worden sei. Vor Jahren sei er einmal ins Visier des Inlandsgeheimdienstes MI5 geraten. «Aber er tauchte nicht in aktuellen Sicherheitsanalysen auf.»

Keiner der Redner im Parlament, auch Premierministerin May nicht, verweilt länger bei diesem für die Geheimdienste unerfreulichen Faktum. Der Rädelsführer der Selbstmordattentäter vom Juli 2005, Mohammed Siddique Khan; einer der Mörder des Füsiliers Lee Rigby im Mai 2013; nun der Mehrfachmörder von Westminster – allesamt waren sie britische Muslime, die in den Verdacht der islamistischen Gewaltbereitschaft geraten waren, aber keinen Anlass für dauerhafte Observation gegeben hatten. Auf gut 3000 Gefährder schätzen die Experten die Dschihadistenszene auf der Insel. Wieder ist ihnen, so scheint es, einer durch die Maschen des Fahndungsnetzes gerutscht.

Die Tatwaffe des Westminster-Attentäters weckt Erinnerungen an die Terroranschläge von Nizza und Berlin. Mit einem in Birmingham gemieteten Hyundai-Geländewagen raste Masood am Mittwochnachmittag über die Westminster Bridge auf das Parlament in London zu und lenkte am Südende der Brücke das Fahrzeug auf den Gehsteig. Dort hinterliess er eine Spur der Zerstörung. Von 40 Verletzten berichten die Krankenhäuser am Folgetag. Schulkinder aus der Bretagne sind darunter, Männer und Frauen aus elf Nationen. Zu ihnen zählt Melissa Cochran aus dem US-Bundesstaat Utah. Nicht nur liegt sie mit schweren Verletzungen im Krankenhaus; die Touristin muss auch mit dem Tod ihres Mannes Kurt fertig werden, eines von zwei Todesopfern auf der Brücke. Tödlich verletzt wird auch die aus Spanien stammende Britin Aysha Frade. Die Sprachlehrerin hinterlässt einen Mann und zwei Töchter, acht und elf Jahre. Der Attentäter beendete seine Amokfahrt schliesslich am Parlamentszaun und drang in den Hof des Parlaments ein. Dort stach er den 48-jährigen Polizeibeamten Keith Palmer nieder, ehe ihn drei Schüsse aus einer Polizeipistole selbst tödlich verletzten.

Weiterer Terroranschlag «höchst wahrscheinlich»

«Die Stimme des Bösen und des Hasses vermag uns nicht zu trennen», sagte Premierministerin May. Sie sprach von dem unbewaffneten Polizisten als «Zoll für Zoll ein Held». 15 Jahre lang hat der einstige Berufssoldat im Artillerieregiment für Sicherheit im Parlament gesorgt. Am Mittwochnachmittag wurde er zum dritten und letzten Opfer des Birminghamer Gewalttäters.

Der Öffentlichkeit empfiehlt die Regierungschefin erhöhte Aufmerksamkeit, warnt aber vor allzu übertriebenen Reaktionen. Offizieller Regierungseinschätzung zufolge müsse ein Terroranschlag in Grossbritannien weiterhin als «höchst wahrscheinlich» gelten. Das ist die zweithöchste Gefährdungsstufe. Daran solle sich zum jetzigen Zeitpunkt auch nichts ändern, wie May erklärte: «Wir haben keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden weiteren Anschlag.»

Acht Festnahmen in London und Birmingham

Den Ermittlungen von Scotland Yard zufolge hat der Angreifer seinen Anschlag allein begangen. Auf der Suche nach Kontaktpersonen und Komplizen wurden bis gestern Nachmittag sechs Wohnungen in und um London sowie in Birmingham durchsucht. Acht Männer wurden bei diesen Razzien vorläufig festgenommen.

Tausende Londoner versammelten sich gestern Abend auf dem zentralen Trafalgar Square. Bei Kerzenlicht gedachten sie der Opfer. Brendan Cox führte gestern seine Ein-Mann-Kampagne fort. Der Name des Täters sei ihm herzlich egal, teilte er auf Twitter mit. «Ich werde mich an diesen Namen erinnern: Keith Palmer.» Polizisten riskierten täglich ihr Leben. Cox: «Sie verdienen unsere Unterstützung.»

Birmingham: Ein Abbild der englischen Gesellschaft

Verhaftungen Die Hagley Road im Birminghamer Stadtteil Edgbaston ist ein Abbild der Gesellschaft in Englands zweitgrösster Stadt: bunt, multikulturell und ein wenig schäbig.

In der Nacht auf gestern drangen hier bewaffnete Spezialkommandos in zwei Wohnungen über einem persischen Restaurant ein, offenbar auf der Suche nach Komplizen und Unterlagen des Terroristen von Westminster. Auch im nahen Stadtteil Winson Green wurden Wohnungen durchsucht und mehrere Männer vorübergehend festgenommen. Es habe acht Festnahmen gegeben.

Anschlagsfahrzeug wurde in der Stadt angemietet

Laut dem Terrorabwehr-Chef von Scotland Yard, Mark Rowley,sei der Angreifer wohl «vom internationalen Terrorismus» angestiftet worden. Nach der Bekennung des IS zum Anschlag wurde der Verdacht bestätigt. Auch das bei dem Anschlag verwendete Fahrzeug, ein grauer SUV, wurde nach Informationen der BBC in der Stadt angemietet. Wie in vielen anderen britischen Grossstädten gehören auch in Birmingham mittlerweile bis zur Hälfte der Bevölkerung ethnischen Minderheiten an.

Die grössten Gruppen stammen aus den früheren Kolonien Pakistan und Bangladesch. Nicht umsonst hat die öffentlich-rechtliche BBC ihre Komödie «Citizen Khan» in der Metropole Mittelenglands angesiedelt. Der fiktive «Bürger Khan» ist ein grossherziger, grossmäuliger Einwanderer aus Pakistan, der sich im (echten) Stadtteil Sparkhill als «Anführer der Gemeinschaft» aufspielt und damit seine fromme Frau ebenso zur Verzweiflung treibt wie seine säkularen Töchter.

Potenziell fruchtbarer Boden für Hasspredigten

Neben Hunderttausenden bestens integrierten Muslime gibt es in Birmingham auch tiefverwurzelte islamistische Gruppierungen bis hin zu gewaltbereiten Dschihadisten. Erst kürzlich zeigte eine eindrucksvolle Statistik: Neben der Hauptstadt London ist Birmingham Schauplatz der meisten Strafverfahren gegen islamistische Extremisten. Dass hier die Hasspredigten von Dschihadisten auf fruchtbaren Boden fielen, wissen die Briten spätestens seit dem Fall ­Moazzam Begg.

Über hundert Dschihad-Reisende stammen aus Birmingham

Der junge Brite geriet als Betreiber einer islamischen Buchhandlung in Birmingham erstmals 2000 ins Visier des Staatsschutzes. Kurz darauf übersiedelte er mit seiner jungen Familie nach Afghanistan, wurde 2002 in Pakistan festgenommen und als Terrorverdächtiger nach Guantánamo Bay überstellt. Seit seiner Freilassung ohne Anklage im Jahr 2005 engagiert sich Begg, 48, mit der Organisation Cage («Käfig») für islamistische Terrorhäftlinge.

Dazu zählen unter anderen auch zwei junge Männer aus Birmingham, die Ende 2014 wegen ihres Engagements im syrischen Bürgerkrieg zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Nach Geheimdienstschätzungen sind rund 850 junge Briten muslimischen Glaubens über die Türkei nach Syrien und in den Irak gereist. Weit mehr als 100 waren in Birmingham aufgewachsen.

Anführer der Paris-Anschläge hielt sich ebenfalls vor Ort auf

Immer wieder gingen von der Millionenstadt auch Planungen für Terroranschläge auf der Insel aus; eine Gruppe lokaler Extremisten sitzt seit 2007 in Haft, weil sie einen Soldaten entführen und ermorden wollten. Lokale Gruppen haben mittlerweile Kontakte zur Terrormiliz IS geknüpft. Vom Anführer der Pariser Anschläge, dem Belgier Abdelhamid Abaaoud, weiss man, dass er wenige Monate zuvor Glaubensbrüder in Birmingham und London besuchte. Zwei Beteiligte wurden vergangenen Herbst zu Haftstrafen verurteilt.

Neben dem harten Kern von Gewalttätern beherbergt Birmingham auch eine Reihe islamistischer Überzeugungstäter, die mit friedlichen Mitteln für ihre Sache arbeiten.

Skandal um Unterwanderung des Schulsystems

Im Frühjahr 2014 erschütterte eine Serie von Enthüllungen das Schulsystem der Stadt: Anonymen Beschuldigungen zufolge hatten Fundamentalisten systematisch örtliche Schulen in den ärmsten Vierteln der Stadt mit einem hohen Anteil von Muslimen unterwandert und mehrere Direktoren zum Rücktritt gezwungen, um den Unterricht nach islamistischen Grundsätzen zu gestalten. Am Ende genauer Untersuchungen mussten einige Schlüsselfiguren ihre Posten in der Schulverwaltung räumen.

Die Verschwörung scheiterte aber vor allem daran, dass die meisten Eltern eine säkulare Erziehung ihrer Kinder sicherstellen wollten und sich gegen die Einflussnahme durch Anhänger der orthodoxen salafistischen Glaubensrichtung wehrten. (sbl/red)

Bild: Grafik Janina Noser

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