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TERRORANSCHLAG: Nach Terror: London hält zusammen

Das Vorleben des Attentäters von Westminster ist weitgehend bekannt. Was ihn zur Bluttat bewog, bleibt unklar. Während die Ermittlungen laufen, rücken die Briten näher zusammen und zeigen grosse Hilfsbereitschaft.
Sebastian Borger, London
Prinz Charles besuchte gestern die Verletzten und das Personal im St.-Thomas-Krankenhaus.Bild: Yui Mok/AP (London, 24. März 2017)

Prinz Charles besuchte gestern die Verletzten und das Personal im St.-Thomas-Krankenhaus.Bild: Yui Mok/AP (London, 24. März 2017)

Der Osten von London, die Industriestädte Luton im Norden der Hauptstadt und Crawley in deren Süden. Schliesslich Birmingham – die Liste der Wohnorte von Khalid Masood, allesamt Treffpunkte islamistischer Fanatiker, liest sich wie eine Landkarte des Terrors. Fieberhaft waren Hunderte von Ermittlern auch gestern damit beschäftigt, das Leben des Terrormörders von Westminster zu rekonstruieren, Hinweise auf extremistische Einflüsse und mögliche Mittäter zu finden. «Dafür bitten wir auch die Öffentlichkeit um Unterstützung», sagte der zuständige Abteilungsleiter von Scotland Yard, Mark Rowley.

In London trafen sich an der Westminster Abbey, wenige hundert Meter von den Tatorten entfernt, die Leiter der wichtigsten Religionsgemeinschaften auf der Insel zum gemeinsamen Gedenken. Mit muslimischen Imamen, dem Chefrabbiner Grossbritanniens und dem katholischen Erzbischof wolle er vor allem für die vier Mordopfer und die rund 40 teils lebensgefährlich Verletzten beten, teilte der Erzbischof der anglikanischen Staatskirche, Justin Welby, mit. Unterdessen zeigen die Briten grosse materielle Hilfsbereitschaft: Ein Spendenaufruf der Polizeigewerkschaft für die Familie des am Parlament getöteten Beamten Keith Palmer, 48, hatte bis gestern Mittag insgesamt weit über eine halbe Million Pfund erbracht.

Einige Verletzte schweben noch in Lebensgefahr

Ausser Palmer kamen drei Passanten auf der Westminster Bridge ums Leben. Am späten Donnerstagabend meldete das nahe gelegene Krankenhaus den Tod von Leslie Rhodes, einem pensionierten Fensterputzer aus Süd-London. Zu den Opfern zählen auch die britische Spanischlehrerin Aysha Frad (43) und der Musiker Kurt Cochran (54).

Der Tourist aus dem US-Bundesstaat Utah war mit seiner Frau anlässlich ihrer Silberhochzeit auf einer Europareise, die am Donnerstag mit dem Heimflug zu Ende gehen sollte. Melissa Cochran gehört zu mehreren Dutzend Verletzten, die weiterhin in Kliniken der Hauptstadt behandelt werden; sechs von ihnen rangen gestern noch mit dem Tod. Die weniger drastisch Verletzten erhielten mittlerweile Besuche von Premierministerin Theresa May und Thronfolger Prinz Charles. Beide lobten das rasche und beherzte Eingreifen des Klinikpersonals vom St.-Thomas-Krankenhaus, das direkt gegenüber vom Parlament an der Themse liegt.

Im Hof des Palastes von Westminster warteten am Mittwochnachmittag zwei bewaffnete Beamte des Personenschutzes auf Verteidigungsminister Michael Fallon, als Masood aufs Gelände stürzte und den unbewaffneten Palmer niederstach. Drei Schüsse aus den Pistolen der Personenschützer beendeten das Leben des Einzeltäters Masood, den die Terrorgruppe IS als einen ihrer «Soldaten» reklamierte. Experten für islamistischen Ter­rorismus äusserten allerdings Zweifel an der Zuordnung zu IS/Daesh. In Birminghan, wo Masood zuletzt gelebt hatte, sei dieser in den einschlägigen Kreisen unbekannt, beteuerte auf der BBC ein Sozialarbeiter namens Jaham Mahmood, der seit Jahren Extremismus-gefährdete Jugendliche betreut. «Wenn ich herumfrage, finde ich normalerweise immer jemanden, der diese Leute kennt. Bei diesem Kerl gar nichts – er ist wie ein Gespenst.»

Zeitpunkt der Radikalisierung unklar

Über das Vorleben des vierfachen Mörders weiss die Kripo mittlerweile schon recht viel. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1964 als Sohn einer 17-Jährigen zur Welt gekommen, wuchs Adrian Elms, später Adrian Russell Ajao, bei seiner Mutter Janet und seinem Stiefvater Phillip Ajao südlich von London auf. Das Paar lebt heute in Wales, offenbar war der Kontakt weitgehend abgebrochen.

Ajao absolvierte ein Wirtschaftsstudium, arbeitete für eine Chemiefirma, kam allerdings auch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, unter anderem zweimal wegen einer Messerstecherei. Unklar war der Sonderkommission bis gestern Nachmittag, wann Ajao zum Islam übertrat und ob damit auch gleichzeitig eine Radikalisierung einherging. Jedenfalls benutzte er seither den Namen Khalid Masood, arbeitete als Englischlehrer, offenbar auch mehrere Jahre in Saudi-Arabien, und zog mehrfach um, zuletzt nach Birmingham. Die Millionenstadt geniesst auf der Insel den zweifelhaften Ruf als «Dschihadisten-Hauptstadt», wie das Boulevardblatt «Daily Mail» gestern schrieb: Aus einem nur wenige Quadratkilometer grossen Stadtviertel in Innenstadtnähe stammen mehrere Dutzend der als islamistische Terroristen verurteilten Straftäter.

Was Masood schliesslich zu seinem Terrorakt bewog? Vielleicht geben darüber jene acht Männer Auskunft, die seit Donnerstag früh vorläufig festgenommen wurden. Jedenfalls fuhr der 52-Jährige den angemieteten Hyundai-Geländewagen am Dienstag nach Brighton an die englische Südküste, übernachtete dort in einem Billighotel und verabschiedete sich vom Rezeptionisten mit den Worten: «Heute fahre ich nach London, die Stadt ist nicht mehr wie früher.»

Sebastian Borger, London

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