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TERRORISMUS: Das Seilziehen um einen Rotbrigadisten

Italien erinnert sich an den Spitzenpolitiker Aldo Moro, der vor 40 Jahren von einem Terrorkommando der Roten Brigaden entführt und ermordet wurde. Der Fall beschäftigte bis vor wenigen Jahren auch die hiesige Justiz.
Balz Bruppacher
Im März 1978 wurde mitten in Rom der Wagen mit Aldo Moro gestoppt und der italienische Spitzenpolitiker entführt. Nach 55 Tagen fand die Polizei seine Leiche. (Bild: Keystone)

Im März 1978 wurde mitten in Rom der Wagen mit Aldo Moro gestoppt und der italienische Spitzenpolitiker entführt. Nach 55 Tagen fand die Polizei seine Leiche. (Bild: Keystone)

Balz Bruppacher

«Es war der schwerste Angriff auf die Republik», twitterte der ­italienische Ministerpräsident Paolo Gentiloni am vergangenen 16. März, dem 40. Jahrestag der Entführung von Aldo Moro. Nach 55 Tagen wurde die Leiche des christlichdemokratischen Spitzenpolitikers im Kofferraum eines Autos aufgefunden. Die linksextreme Terrororganisation Rote Brigaden bekannte sich zur Hinrichtung des «Feindes des Volkes», wie sie sich ausdrückte.

Mitglied des Terrorkommandos, das bei der Entführung die vier Leibwächter und den Chauffeur Moros erschoss, war nach den Erkenntnissen der italienischen Justiz auch der damals 23-jährige Alvaro Lojacono, Sohn eines Italieners und einer Tessinerin. In den italienischen Medienberichten zum Gedenken an die «bleiernen Jahre» wird Lojacono als einer jener beiden Rotbrigadisten – der andere lebt in Nicaragua – bezeichnet, die sich erfolgreich dem Zugriff der italienischen Justiz entzogen hätten. Denn dank seiner Schweizer Staatsbürgerschaft liefere die Schweiz Lojacono nicht an Italien aus.

Im Tessin unter dem Namen der Mutter untergetaucht

Das ist allerdings eine stark verkürzte Version der komplizierten Geschichte. In der Schweiz sorgte der Fall vor 30 Jahren erstmals für grosses Aufsehen. Lojacono, der unter dem ledigen Namen seiner Mutter als Alvaro Bara­giola im Tessin lebte und unter anderem eine beliebte Quizsendung am Tessiner Radio moderierte, wurde am 8. Juni 1988 in Lugano verhaftet. Vorangegangen war die Anzeige einer Person, die anonym bleiben wollte.

Nie restlos geklärt wurde die Frage, warum Lojacono beim Erwerb des Schweizer Bürgerrechts nicht aufgeflogen war. Er gehörte zu den meistgesuchten Ter­roristen Italiens und war seit 1982 international zur Fahndung ausgeschrieben. Spekulationen, ­wonach Lojacono im Tessin von einer Protektion auf politischer Ebene profitiert haben soll, liessen sich nie erhärten.

17 Jahre Zuchthaus für Richtermord

Aus Italien hatte sich Lojacono zunächst nach Algerien abgesetzt, wobei er Unterstützung der Kommunistischen Partei genoss. So zumindest seine eigene Darstellung in einem Zeitungsinterview. Im Tessin wurde Lojacono, gestützt auf ein italienisches Gesuch um stellvertretende Strafverfolgung, 1989 der Prozess gemacht. Das Geschworenengericht Lugano verurteilte den Angeklagten wegen Mordes und mehrfachen Raubversuchs zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe, die in zweiter Instanz auf 17 Jahre reduziert wurde. Im Zentrum der den ­Roten Brigaden zugerechneten Delikte stand die Ermordung des Römer Richters Girolamo Tarta­glione im Jahre 1978.

Das Verfahren wegen der Ermordung Moros stellte die Tessiner Staatsanwaltschaft mangels Beweisen ein. Die in Italien verurteilten Brigadisten waren nicht bereit, vor der Schweizer Justiz auszusagen.

Fall beschäftigte auch Justizminister Blocher

Im Oktober 1999 wurde Loja­cono nach Verbüssung von zwei Dritteln seiner Strafe aus der Haft entlassen. Acht Monate später, im Juni 2000, sass Lojacono erneut vorübergehend hinter Gittern. Die französische Justiz verhaftete ihn aufgrund eines italienischen Haftbefehls auf Korsika, wo Lojacono Badeferien machte. Frankreich lehnte das Auslieferungsgesuch Italiens aber ab und bewilligte die Rückreise in die Schweiz. Der Fall war damit aber noch nicht erledigt. Denn Italien setzte sich weiterhin dafür ein, dass Lojacono auch für die Entführung und Ermordung von Aldo Moro zur Verantwortung gezogen wird. Und zwar gestützt auf ein neues, rechtskräftiges Urteil, mit dem das Römer Appellationsgericht Lojacono im Juni 1996 in Abwesenheit wegen der Ermordung Moros zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt hatte.

Die Schweiz machte Italien auf die Möglichkeit eines Gesuchs um stellvertretende Strafvollstreckung aufmerksam. Die Regierung in Rom reichte ein solches Gesuch aber erst im Februar 2006 ein. Zuvor war der Fall auch Thema eines Treffens des damaligen Justizministers Christoph Blocher mit seinem italienischen Kollegen Roberto Castelli gewesen. Die Tessiner Justiz versuchte die Angelegenheit vergeblich an die Bundesanwaltschaft abzutreten. Weil Lojacono seinen Wohnsitz verlegt hatte, landete das Gesuch schliesslich im Kanton Bern.

2011 wurde ein Schlussstrich gezogen

Für das Kreisgericht Bern-Laupen, das von der Anklagekammer des Obergerichts mit der Festlegung eines Gerichtstermins beauftragt wurde, war das juristisches Neuland. Verbunden mit dem Risiko, ein drei Jahrzehnte zurückliegendes Verbrechen in Italien neu aufrollen zu müssen. Weil Anfang 2011 die neue gesamtschweizerische Strafprozessordnung in Kraft trat, blieb der Fall aber nicht beim Kreisgericht hängen.

Aufgrund der Übergangsbestimmungen ging die Zuständigkeit vielmehr an die Beschwerdekammer des Berner Obergerichts über. Sie zog am 30. September 2011 einen Schlussstrich und lehnte das italienische Gesuch ab. Mit der Begründung, dass die einschlägigen Bestimmungen im Rechtshilfegesetz zum Tatzeitpunkt noch nicht in Kraft gewesen seien.

Lojacono selber bezeichnete sich Ende 2015 in einem Schreiben an eine parlamentarische Untersuchungskommission in Italien als «ehemaligen militanten Kommunisten, der für ausschliesslich politische Taten, Motive und Zielsetzungen verurteilt wurde». Eine Zusammenarbeit mit der Kommission lehnte er aber ab.

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