Terror in Europa
Terrorismus-Experte Peter Neumann: «Es ist ein Teufelskreis im Gange»

Cherif Chekatt, der mutmassliche Attentäter von Strassburg, war der Polizei bekannt. Terrorismus-Experte Peter Neumann erklärt im Interview mit CH Media, woran es harzt.

Gregory Remez
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Autos werden kontrolliert, Strassen abgesperrt: Immer noch suchen die Sicherheitskräfte in Strassburg nach dem flüchtigen Attentäter.

Autos werden kontrolliert, Strassen abgesperrt: Immer noch suchen die Sicherheitskräfte in Strassburg nach dem flüchtigen Attentäter.

Christophe Ena/AP/Keystone

Peter Neumann, Sie beschäftigen sich mit Radikalisierung und politischer Gewalt. Hat Sie der Anschlag in Strassburg überrascht?

Peter Neumann: Nein, die Terrorbedrohung in Europa ist nach wie vor ernst und wird es bis auf Weiteres bleiben. Das hat damit zu tun, dass sich in den letzten Jahren viele Leute radikalisiert haben. Die gute Nachricht aber ist: In den letzten 18 Monaten sind kaum neue radikale Gruppierungen dazugekommen.

Der Fall Strassburg erinnert stark an das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin 2016. Bilden solche Angriffe die neue Terror-Realität?

Momentan scheint dies der Fall, vor allem aus zwei Gründen: Erstens hat der IS nicht mehr die Kapazitäten, grössere Operationen in Europa durchzuführen. Deshalb ruft er bereits seit Längerem zu derartigen Attacken auf – nach der Direktive: Wenn ihr schon nicht zu uns in die Ausbildung kommen könnt, dann macht, was möglich ist. Zweitens lässt man sich in der Terroristenszene gerne inspirieren. Das haben wir etwa nach Nizza gesehen, als sich gleich mehrere Anschläge mit Fahrzeugen hintereinander ereigneten.

Bilder des Attentats auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016:

Terroranschlag an Berliner Weihnachtsmarkt Ein Lastwagen raste am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche.
29 Bilder
Der Lastwagen krachte durch die Gasse zwischen den Buden und überfährt Menschen. Nach 60 bis 80 Metern durchbrach er die linke Reihe der Buden und kam halb auf der Budapester Strasse zum Stehen.
Der Fahrer kletterte aus dem LKW und flüchtete.
Mindestens 12 Menschen sterben, etwa 50 werden verletzt.
Ein Grossaufgebot von Rettungskräften kümmerte sich um die Verletzten nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt.
Die Polizei sperrte den Breitscheidplatz weiträumig ab. Die Kriminalpolizei begann mit ersten Untersuchungen des Tatorts.
Notärzte und Sanitäter versorgten verletzte Menschen. Die Feuerwehrleute deckten Leichen ab.
20:56 Uhr: Eine Polizeistreife aus einem Funkwagen nimmt einen Verdächtigen nahe der Siegessäule fest. Der Mann war nach einem Medienbericht von einem Zeugen durch den Tiergarten verfolgt worden, der gleichzeitig über sein Telefon die Polizei verständigte. Der Verdächtige wird in den folgenden Stunden befragt.
Medien berichten vom Ort des Geschehens. Im Hintergrund die Berliner Gedächtniskirche.
Der Morgen danach: Der Lkw-Anhänger neben zerstörten Weihnachtsstände und -hütten.
Der polnische Lastwagen war von Turin nach Berlin gefahren.
Route des Lastwagens von Turin nach Berlin – und dort zum Breitscheidplatz
Die Zugmaschine des Lastwagens, deren Windschutzscheibe zersplittert ist, wird am Morgen nach der Tat abgeschleppt und soll weiter untersucht werden.
18.54 Uhr am 20.12.: Der festgenommene Verdächtige kommt wieder frei. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.
Augenzeugen hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten ausserdem bislang keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei.
20.13 Uhr: Fast genau 24 Stunden nach dem Anschlag nimmt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Angriff für sich in Anspruch. Der Täter sei ein "Soldat des Islamischen Staates" gewesen, meldete das IS-Sprachrohr Amak.
Die Menschen trauern in Berlin um die Opfer des Terroranschlags.
Die Bundeskanzlerin schreibt in der Gedächtniskirche ins Kondolenzbuch.
Bundeskanzlerin Angela Merkel legt am Berliner Weihnachtsmarkt Blumen nieder, neben ihr Innenminister Thomas de Maiziere (CDU), Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Berlins Bürgermeister Michael Müller.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere legen Blumen nieder.
Nach dem Anschlag werden an den Weihnachtsmärkten die Sicherheitsmassnahmen verschärft.
Der Spediteur und Besitzer des Todes-Lastwagens erteilt den Medien Auskunft. Er ist auch der Cousin des LKW-Chauffeurs. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter bei einem Kampf im Fahrerhaus des Camions mit dem polnischen Chauffeur verletzt worden ist und den Polen tötete.
Das Brandenburger Tor leuchtet am Abend nach dem Anschlag in den Berliner Farben.
21.12.2016: Zwei Tage nach dem Terroranschlag von Berlin wird ein tunesischer Tatverdächtiger öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben: Es handelt sich um den 24-jährigen Anis Amri. Für Hinweise wurden bis zu 100'000 Euro Belohnung ausgeschrieben.
Der Name Anis Amri war auf einem Ausweisdokument im Fahrerhaus des Lastwagens gefunden worden, mit dem am Montag der Anschlag verübt wurde. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen hatte der Tatverdächtige mehrere Identitäten genutzt.
MIt Kerzen und Blumen trauert Berlin um die Opfer.
Berlin trauert - hier mit Kerzen auf dem Breitscheidplatz im alten Westberliner Zentrum.
Am 23. Dezember wird Anis Amri bei einer Polizeikontrolle in Mailand getötet. Um 3 Uhr wollen ihn Polizisten kontrollieren, da zieht er eine Waffe, schiesst und verletzt einen Polizisten. Der andere Polizist verfolgt den Terroristen und erschiesst ihn.

Terroranschlag an Berliner Weihnachtsmarkt Ein Lastwagen raste am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche.

Keystone

Wie schon der Attentäter von Berlin ist auch derjenige von Strassburg ein polizeibekannter Krimineller. Inwiefern hängen Radikalisierung und Kriminalität zusammen?

Dass sich Kriminelle radikalisieren, ist etwas, was wir in letzter Zeit immer häufiger beobachten. In Frankreich hat inzwischen ungefähr die Hälfte der Leute, die sich in dschihadistischen Kreisen bewegen, einen kriminellen Hintergrund. In Deutschland und den Niederlanden sind es sogar über 60 Prozent.

Haben wir es hier mit einem neuen Prototyp eines Terroristen zu tun?

Es ist in der Tat so, dass sich die Terroristen von heute stark von jenen um die Jahrtausendwende unterscheiden. Die Hamburger Zelle etwa, die 9/11 plante und durchführte, bestand aus Studenten, von denen einige sogar richtig gute Perspektiven hatten. Sie trafen sich zum Tee und diskutierten theologische Fragen. Ihnen wäre es nie in den Sinn gekommen, Geschäfte auszurauben oder mit Drogen zu handeln. Die Attentäter von heute kommen dagegen immer öfter aus der kriminellen Szene. Sie haben sich zwar radikalisiert, sind an religiösen Fragen aber nicht besonders interessiert. Man könnte auch sagen: Sie konvertieren nicht zum Islam, sondern direkt zum Dschihad.

CH Media

Welche Folgen hat das für die Sicherheitslage in Europa?

Diese Verflechtung zwischen der kriminellen und der islamistischen Szene ist ein bedenklicher Trend. Für die Sicherheitsbehörden wird es so immer schwieriger, sogenannte Gefährder im Blick zu behalten, weil sie ständig zwischen den Milieus hin- und herdriften. Auch ist es für die Attentäter aufgrund ihrer Kontakte in die kriminelle Szene einfacher, an Waffen zu kommen.

In Europa war es zuletzt vergleichsweise ruhig. Zeigt der Anti-Terror-Kampf seine Wirkung?

Da gibt es wohl keine eindeutige Antwort. Auf der einen Seite ist es sicher so, dass es dem IS momentan kaum möglich ist, Anschläge aus Syrien oder Irak zu organisieren. Auf der anderen Seite haben sich all jene Dschihadisten, die sich in Europa aufhalten, ja nicht in Luft aufgelöst. Hier sind die Behörden nach wie vor gefordert. Und hier zeigt sich auch, dass sie bei der Jagd auf Attentäter in den vergangenen Jahren einiges dazugelernt haben. Sie kennen die verschiedenen terroristischen Gruppierungen inzwischen ziemlich gut und verstehen immer besser, wie diese funktionieren. Allerdings lässt sich von der Tatsache, dass aktuell relativ wenig passiert, nicht darauf schliessen, dass dies auch so bleiben wird.

«Die Attentäter von heute konvertierten direkt zum Dschihad.» Peter Neumann forscht am King’s College in London zu Radikalisierung und politischer Gewalt.

«Die Attentäter von heute konvertierten direkt zum Dschihad.» Peter Neumann forscht am King’s College in London zu Radikalisierung und politischer Gewalt.

ZVG

Wie begründen Sie das?

Mit der zunehmenden Polarisierung in den europäischen Gesellschaften steigt auch das Rekrutierungspotenzial für Dschihadisten. Das setzt einen Teufelskreis in Gang, wie er in Frankreich besonders deutlich in Erscheinung tritt: Die zunehmenden Ressentiments gegenüber Muslimen nach Terroranschlägen führen zu einer Stärkung der politischen Rechten; dies führt zu einer weiteren Isolation der bereits ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe, was es wiederum einfacher macht, dort Dschihadisten zu rekrutieren. Hinzu kommt, dass
es mit der Rückkehr der Kalifatskämpfer schon bald wieder zu einer Professionalisierung des Terrors kommen könnte.

In letzter Zeit ist vermehrt von einer Renaissance des IS zu hören.

Es wird spekuliert, dass es noch 2000 bis 3000 Kämpfer gibt, die sich an der Grenze zwischen Syrien und Irak verschanzt haben. 98 Prozent seines Territoriums hat der IS zwar verloren, an vielen Orten, etwa Rakka oder Mossul, existieren jedoch nach wie vor unsichtbare Strukturen. Wenn man also keine Rückkehr der Terrormiliz will, braucht es dort entsprechendes Engagement.

Die Zusammenarbeit der Behörden in Europa funktioniert nach wie vor schlecht. Liesse sich das Problem lösen?

Es ist absurd, wenn Länder wie Deutschland und Frankreich beim Anti-Terror-Kampf nicht kooperieren. Zwar stellt Europol eine zentrale Datenbank zur Verfügung, doch ist deren Nutzung freiwillig. Hier sollte die Politik endlich reagieren und den Austausch von Daten über islamistische Gefährder zur Pflicht erklären. Ansonsten bleibt die Jagd auf Terroristen weiterhin von Glückstreffern abhängig.