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TERRORISMUS: Für Russland gabs in Berlin keine Solidaritätsbeleuchtung

Das Brandenburger Tor in Berlin erstrahlte nach den Terroranschlägen von London oder Paris jeweils in den Landesfarben der betroffenen Nationen. Nicht so nach den Ereignissen von St. Petersburg. Weshalb eigentlich?
Christoph Reichmuth, Berlin
Beleuchtung beim Brandenburger Tor als Zeichen der Solidarität für Terroropfer: Die russische Flagge fehlt. (Bilder: Keystone)

Beleuchtung beim Brandenburger Tor als Zeichen der Solidarität für Terroropfer: Die russische Flagge fehlt. (Bilder: Keystone)

Christoph Reichmuth, Berlin

Das Berliner Wahrzeichen beim Pariser Platz sah am Montagabend aus wie immer in der Dunkelheit. Anders als nach den Terroranschlägen von Paris, Brüssel, London oder Istanbul wurde das Brandenburger Tor nicht in den Landesfarben der betroffenen Nation angeleuchtet. Die fehlende Illuminierung mit den für die russische Flagge stehenden Farben Weiss, Blau und Rot nach dem Anschlag von St. Petersburg sorgt nun in Berlin für hitzige Debatten: Ist die fehlende Solidaritätsbekundung Ausdruck eines neuen kalten Krieges zwischen dem Westen und Russland?

In sozialen Netzwerken kocht die Debatte hoch. «Dieses Messen mit zweierlei Mass ist eine Einteilung in verschiedene Wertigkeiten von Menschen, Völkern oder Ethnien. Es ist auch eine Art von Rassismus», schreibt ein Berliner auf Facebook. Ein junger Mann hat gar eine Petition via Facebook lanciert, damit das Brandenburger Tor in den russischen Landesfarben angestrahlt wird. «Eine Doppelmoral bei der Auswahl darf es bei so etwas nicht geben – wenn, dann muss man um alle Länder trauern und nicht selektieren.»

Geste nur für Partnerstädte

Wann wird das Berliner Wahrzeichen als Ausdruck der Solidarität beleuchtet und wann nicht? Steht das Ausbleiben der besonderen Geste tatsächlich im Zusammenhang mit den belasteten Beziehungen zwischen Russland und Deutschland?

Diese Interpretation führt zu weit. Erst vor zwei Wochen hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), Leitlinien festgelegt, wann das Brandenburger Tor beleuchtet wird und wann nicht. Grundsätzlich drückt die deutsche Hauptstadt ihre besondere, durch das beleuchtete Brandenburger Tor symbolisierte Solidarität nach verheerenden Anschlägen lediglich zu Partnerstädten aus. St. Petersburg ist keine Partnerstadt von Berlin, London, Brüssel, Istanbul und Paris indes schon.

In der jüngeren Vergangenheit entschied sich Berlin siebenmal für das Bestrahlen des Wahrzeichens nach Anschlägen in Paris, Brüssel, Orlando, Istanbul, London und Jerusalem. Allerdings: Weder Orlando, eine Stadt im US-Bundesstaat Florida, noch Jerusalem sind Partnerstädte von Berlin. Das Wahrzeichen erstrahlte aber dennoch in den israelischen Landesfarben, nachdem Anfang Januar in Jerusalem ein Islamist mit einem Lastwagen in eine Gruppe israelischer Soldaten gerast war und vier von ihnen getötet hatte. In den Regenbogenfarben erschien das Brandenburger Tor nach dem Amoklauf mit 49 Toten in einem bei Homosexuellen beliebten Nachtclub in Orlando. Der Berliner Senat betont nun: Zu beiden Städten habe Berlin eine besondere Beziehung – zu Jerusalem historisch bedingt, und zu «Orlando als Regenbogenstadt».

Vorwurf der Willkür

Dass der Senat erst kürzlich Leitlinien für die besondere Geste festgelegt hat, hat seine Gründe. Erst kürzlich wurden ihm nämlich Willkür und Doppelmoral unterstellt. Die Stadt verzichtete auf die besondere Geste beim Brandenburger Tor, nachdem ein Neonazi Ende Januar im kanadischen Quebec sechs Menschen in einer Moschee erschossen hatte. Anders verhielt sich die Stadt nach dem islamistisch motivierten Anschlag gegen den Schwulenclub in Orlando (USA). Berlins Regierender Bürgermeister sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, seine Stadt solidarisiere sich mit den Opfern erst dann, wenn die Täter Islamisten seien – nicht aber, wenn es sich bei den Opfern selbst um Muslime handle.

Mit der Ende März verabschiedeten Leitlinie will der Berliner Senat solche Debatten beruhigen. Denn der Vorwurf der Willkür drohe nach jedem tragischen Ereignis neu aufzukommen. In Pakistan, Afghanistan, in asiatischen und afrikanischen Staaten kommt es wöchentlich zu tragischen Anschlägen mit Dutzenden von Toten, doch das Brandenburger Tor erstrahlt nicht in den jeweiligen Landesfarben. Im letzten Jahr kam es weltweit zu mehr als 100 Terroranschlägen, in diesem Jahr wurden bereits 32 gezählt.

Im Gegensatz zu Berlin verzichten andere Städte wie Paris heute darauf, ihre Wahrzeichen nach Anschlägen mit den Landesfarben betroffener Nationen anzustrahlen. Ginge es nach der Berliner Zeitung «Tagesspiegel», würde die Hauptstadt künftig gänzlich auf Illuminierungen verzichten. «Jedem Einzelnen bleibt es unbenommen, an öffentlichen Orten Kerzen zu entzünden oder Blumen abzulegen», schreibt die Zeitung. Aber behördlich verordnen müsse man die Trauer nicht: «Schluss damit.»

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