Terrornacht in Wien – Augenzeuge berichtet: «Er ist von Bar zu Bar gegangen und hat um sich geschossen»

Ein islamistisch motivierter Anschlag mit fünf Toten erschüttert Österreichs Hauptstadt. Eindrücke aus Wien am Morgen danach.

Stefan Schocher aus Wien
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Polizeibeamte stehen am Dienstagmorgen am Tatort Schwedenplatz in Wien.

Polizeibeamte stehen am Dienstagmorgen am Tatort Schwedenplatz in Wien.

Hans Punz / APA/APA

Schockstarre am Tag danach. An allen Ecken und Enden im Zentrum Wiens schwer bewaffnete Polizei. Vor allem aber: Viele offene Fragen nach dem Anschlag vom Vorabend. Mindestens fünf Menschen sind tot, darunter ein mutmasslicher Attentäter. 17 Menschen wurden mit zum Teil schweren Verletzungen in Spitäler eingeliefert. Die Lage ist auch am Dienstag noch chaotisch.

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«Überblick?», so ein Polizist in einer der vielen engen Gassen in der Innenstadt. Überblick habe er keinen. Er schütze hier nur ein Büro. Und er hoffe auf baldige Ablöse. Die ganze Nacht hatte der Beamte aus dem Umland von Wien hier gestanden.

Bars waren voll, Restaurants belebt

Als am Montag Abend in der Wiener Innenstadt die ersten Schüsse fielen, war es ein wenig wie ein Samstag Abend mit Ablaufdatum. Zu Mitternacht sollten alle Lokale wegen des Lockdowns schliessen. Die Bars waren voll, die Restaurants belebt. «Er ist von Bar zu Bar gegangen und hat um sich geschossen», so ein Augenzeuge, der das Geschehen von seiner Wohnung aus beobachtet hat. Ob das der Mann war, der auf Handyvideos zu sehen war, könne er nicht sagen.

Attentäter möglicherweise auf der Flucht

Das war auch am Dienstag die alles bestimmende Frage: Denn auch das Innenministerium schloss nicht aus, dass ein oder auch mehrere Attentäter nach wie vor auf der Flucht waren. Ungarn hatte die Grenzen gleich wenige Stunden nach Beginn des Angriffs geschlossen. Auch die Grenze zu Deutschland wurde am Dienstag kontrolliert.

Die Hintergründe des getöteten Angreifers bestätigten jedenfalls die Anfangsvermutung: es handelte sich um einen Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund. Bei dem Erschossenen handelt es sich um einen 20 Jahre alten Mann nordmazedonischer Abstammung, der wegen einschlägiger Delikte vorbestraft war. Er hatte versucht, sich dem IS in Syrien anzuschließen und war 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt, inhaftiert und erst im vergangenen Dezember vorzeitig entlassen worden.

Laut aktuellem Stand dürfte der Anschlag in Wien von der Seitenstettengasse, in der die Hauptsynagoge der Stadt sowie die Büros der Israelitischen Kultusgemeinde angesiedelt sind, und dem darum liegenden «Judenviertel» ausgegangen sein. Auch an anderen Orten im Zentrum der Stadt wurde geschossen. Nach wie vor ist aber unklar, wie die Tat genau ablief. Zur Rekonstruktion des Hergangs, vor allem aber auch, um herauszufinden, wie viele Täter letztlich tatsächlich unterwegs waren, sammelt die Polizei Handyvideos.

Ein Attentäter um kurz nach 20 Uhr erschossen

Laut Polizeiberichten scheint der getötete Angreifer jedenfalls gleich bei Eintreffen der Polizei knapp nach 20 Uhr erschossen worden zu sein. Aber noch mindestens eine Stunde später wurden aus der Innenstadt Schüsse gemeldet.

Völlig unklar war etwa auch, was es mit Bilder einer scheinbaren Festnahmen von vier Männern auf sich hatte. Im Internet kursierten Fotos von vier vor einem Juweliergeschäft auf dem Graben unweit des Judenviertels auf dem Boden knienden Männern mit nackten Oberkörpern, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, umringt von Sondereinsatzkräften der Polizei. Die Behörden machten dazu keine Angaben.

Nur soviel ist bisher gesichert: Eine männliche Leiche wurde am Fleischmarkt gefunden, die einer Frau, einer Kellnerin, beim Ruprechtsplatz, ein drittes Todesopfer gab es am Franz Josefs Kai, einer der Angreifer wurde bei der Ruprechtskirche erschossen.

Mit Sturmgewehr und Pistole ausgestattet

Ausgerüstet war der getötete Angreifer mit einem Sturmgewehr einer Pistole sowie einer Machete. Eine Sprengstoffweste, die er trug, stellte sich als Attrappe heraus.

Noch in der Nacht kam es zu 15 Hausdurchsuchungen und auch Festnahmen im Umfeld des getöteten Angreifers. Näheres zu den näheren Hintergründen und den Festnahmen war aber zunächst nicht bekannt.

In der Stadt war die Lage auch am Dienstag Vormittag noch angespannt. Vor dem Stephansdom: schwer bewaffnete Polizei. Um das Regierungsviertel: Polizei. Sondereinsatzkräfte auch an U-Bahn-Abgängen und vor symbolträchtigen Orten wie der Oper.

Hotels blieben für Schutzsuchende offen

Bis spät in die Nacht und die frühen Morgenstunden hatten sich Menschen in der Innenstadt in Bars, Restaurants und Hotels verbarrikadiert – trotz einer an sich angeordneten Schliessung von Hotels ab Mitternacht öffneten zahlreiche Beherbergungsbetriebe unentgeltlich ihre Pforten und nahmen Gäste auf, die in der komplett abgeriegelten Innenstadt festsassen - der öffentliche Verkehr wurde komplett eingestellt und Taxis fuhren nicht einmal in die Nähe der Innenstadt.

Die Polizei hatte alle verfügbaren Kräfte auch aus dem Umland Wiens in die Hauptstadt beordert und auch ruhende Einheiten wurden aktiviert. Die Armee wurde zur Verstärkung der Polizei mobilisiert. Allerdings vor allem zum Schutz von Botschaften und anderen wichtigen Gebäuden. Eine Einheit des Jagdkommandos wurde in Bereitschaft versetzt.

Eine für den Dienstag angesetzte Sondersitzung im Nationalrat zur vorzeitigen Pensionierung von Schwerarbeitern wurde jedenfalls auf unbestimmte zeit verschoben. Stattdessen wurde ein Sonderministerrat anberaumt sowie eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen.