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TERRORWARNUNG: «El Kaida hat eine neue Strategie»

Die USA würden sich zu Recht Sorgen machen, sagt die Genfer Terrorexpertin. Denn die el Kaida stürme neuerdings Gefängnisse, um ihre Basis zu erweitern und neue Kader zu erhalten.
Eva Novak
Ein jemenitischer Soldat an einer Strasse in der Hauptstadt Sanaa, die zur US-Botschaft führt. (Bild: Keystone)

Ein jemenitischer Soldat an einer Strasse in der Hauptstadt Sanaa, die zur US-Botschaft führt. (Bild: Keystone)

Die USA haben für das vergangene Wochenende Terroralarm geschlagen, passiert ist bisher nichts. Viel Aufregung um wenig?

Christina Schori Liang*: Das sehe ich anders. Die Amerikaner haben eine Unterhaltung zwischen den beiden wichtigsten Männern der el Kaida mitbekommen. Osama Bin Ladens Nachfolger Aiman al-Sawahiri und die neue Nummer zwei des Terrornetzwerks, der Jemenit Nasser al-Wuhaischi, haben über eine geplante Attacke am vergangenen Sonntag gesprochen. Um Zeit zu gewinnen, haben die Amerikaner Botschaften geschlossen. Soeben habe ich übrigens erfahren, dass Ölinstallationen im Jemen angegriffen werden sollten, die örtlichen Behörden das aber verhindern konnten.

Warum ausgerechnet im Jemen?

Schori Liang: Weil der dortige El-Kaida-Ableger besonders gefährlich ist. Er versucht regelmässig, diplomatische Vertretungen anzugreifen, durch das Magazin «Inspire» neue Anhänger im Westen zu gewinnen, und greift immer wieder Transportmittel an. Der Sprengsatz des «Unterhosen-Bombers» – jenes Nigerianers, der an Weihnachten 2009 ein Passagierflugzeug über Detroit zu sprengen versuchte – wurde im Jemen hergestellt. Und zwar vom zurzeit gefährlichsten Bombenbauer der el Kaidia, Ibrahim al-Asiri. Von ihm stammt auch die Bombe, mit der im gleichen Jahr der für die Terrorbekämpfung zuständige saudische Prinz umgebracht werden sollte.

Die Warnung aus Washington ist also kein Manöver, das die Aufmerksamkeit vom Lauschangriff des US-Geheimdienstes NSA ablenken soll?

Schori Liang: Auf gar keinen Fall. Möglich, dass die USA nach dem Desaster von Bengasi, bei dem vor Jahresfrist Islamisten den amerikanischen Botschafter umgebracht hatten, übervorsichtig geworden sind. Aber hinter dem, was aktuell vor sich geht, steht eine andere «big story», eine wirklich grosse Geschichte.

Nämlich?

Schori Liang: El Kaida hat eine neue Strategie entwickelt: Um ihr Netzwerk zu erweitern und zusätzliche Kader zu gewinnen, ist sie daran, ihre wichtigen Mitglieder aus den verschiedenen Gefängnissen dieser Welt zu befreien. In den letzten paar Wochen wurden Attacken auf Strafanstalten im Irak, in Libyen und Pakistan verübt. Damit kommen Hunderte von El-Kaida-Kadern frei, was für die globale Sicherheit entscheidender ist als ein einzelner Anschlagversuch.

Wie geht sie dabei vor?

Schori Liang: Gemäss dem bekannten Terrorismusexperten Ahmed Raschid wendet die el Kaida eine neue Methode an. Einzelne Kamikaze-Attentäter schnallen sich Sprengstoff um und sprengen die Mauern. Eine Gruppe von Kämpfern stürmt das Gefängnis und holt die für el Kaida wichtigen Insassen heraus. Eine weitere Hundertschaft wird ausserhalb des Orts stationiert, damit sich die Gefängnisbehörden keine Verstärkung holen können und um den Gefangenen bei der Flucht zu helfen.

Befürchten Sie weitere Anschläge?

Schori Liang: Ja, die Gefahr ist in der Tat gestiegen. Es gibt sogar eine neue Organisation namens Ansar al-Aseer, welche die pakistanischen Taliban zusammen mit islamischen Usbeken geschaffen haben mit dem einzigen Ziel, Gefängnisse zu stürmen und Häftlinge zu befreien. Als Folge davon könnten neue El-Kaida-Ableger entstehen.

Bisher wurden nur Gefängnisse im Nahen und Mittleren Osten attackiert. Können wir uns im Westen in Sicherheit wiegen?

Schori Liang: Man kann nicht ausschliessen, dass es auch Gefängnisse im Westen trifft, obwohl diese besser gegen bewaffnete Angriffe gesichert sind. Nicht umsonst hat inzwischen auch Interpol vor möglichen Terrorattacken gewarnt.

Sehen Sie auch eine Gefahr für Schweizer Gefängnisse?

Schori Liang: Ich glaube nicht, zumal mir keine hier inhaftierten El-Kaida-Kader bekannt sind.

Solange sich el Kaida auf Gefängnisse konzentriert, werden zumindest keine Anschläge auf Diskotheken, Hochhäuser oder Züge ausgeübt.

Schori Liang: Das würde ich nicht unterschreiben. Im letzten «Inspire»-Magazin stand der Aufruf, etwas zu tun – und zwar egal, was. Es müsse keine grosse Attacke sein, auch etwas vergleichsweise Kleines genüge, wie jemanden mit dem Auto anfahren oder ein Buschfeuer legen.

Auch in der Schweiz?

Schori Liang: Um die Schweiz habe ich keine Angst. Wir waren in die diversen Konflikte nicht involviert und stehen nicht im Fadenkreuz. Ich würde nur den Schweizern empfehlen, bei der Wahl ihres Ferienorts Vorsicht walten zu lassen.

Die Amerikaner haben zahlreiche Botschaften geschlossen, die Briten ihr gesamtes diplomatisches Personal aus dem Jemen abgezogen. Müsste die Schweiz ihrem Beispiel folgen?

Schori Liang: Im Jemen hat die Schweiz keine Botschaft, also besteht dazu kein Grund. Auch sonst sieht das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) im Moment keinen Anlass, die Vertretungen in anderen Ländern zu schliessen. Zumal die Schweizer jeweils lange ausharren. Die ganze Welt muss aber den ganzen Monat über wachsam bleiben.

Warum?

Schori Liang: Weil der August historisch gesehen der gefährlichste Monat im Jahr ist. Von den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 über die Attacke auf ein Hotel in Jakarta 2003 bis zu den Bombenanschlägen im indischen Hyderabad 2007: Die Liste der Jahrestage ist lang.

Hinweis
* Die Politologin Christina Schori Liang ist Dozentin am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik mit Spezialgebiet Terrorismus und organisierte Kriminalität.

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