Barcelona/Cambrils
Terrorzelle plante noch grösseres Massaker – die Spur führt in den Küstenort Alcanar

Nach dem Terroranschlag von Barcelona und im Badeort Cambrils geht die spanische Polizei von einem Terrorkommando aus. Vier Verdächtige wurden festgenommen, unter ihnen sind drei Marokkaner.

Ralph Schulze aus Madrid
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Hunderte Menschen trauern in Barcelona um die Opfer der Terroranschlags vom Donnerstagabend.

Hunderte Menschen trauern in Barcelona um die Opfer der Terroranschlags vom Donnerstagabend.

QUIQUE GARCIA/keystone

Die Terrorspur von Barcelona führt in den kleinen nordspanischen Küstenort Alcanar in der Provinz Tarragona. Dort, 200 Kilometer südwestlich der katalanischen Mittelmeer-Metropole, flog einen Tag vor der mörderischen Horrorfahrt durch Barcelona die mutmassliche Bombenwerkstatt der islamistischen Terroristen in die Luft. Dies verhinderte offenbar, dass das Terrorkommando einen mächtigen rollenden Sprengsatz in der spanischen Tourismus-Hochburg Barcelona zünden konnte.

Deswegen, so vermutet die Polizei, schritten die Terroristen zu einem heimtückischen Plan B. Und der sah so aus: Einen Tag später, am Donnerstagnachmittag, raste einer der Terroristen mit einem Lieferwagen über die berühmte Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona, auf der sich zu diesem Zeitpunkt tausende Menschen befanden, darunter viele ausländische Touristen.

Zwischen den Trümmern jenes Wohnhauses, das am Mittwochabend um 23.17 Uhr in Alcanar in die Luft flog, fand die Polizei wenigstens 20 Butangas-Flaschen. Zunächst dachten die Ermittler an einen Gasunfall. Doch 24 Stunden später verdichteten sich die Hinweise, dass jene Terrorserie, die Barcelona und Stunden später den touristischen Badeort Cambrils erschütterte, mit Alcanar in Verbindung steht.

Die Hypothese lautet, dass die Terroristen bei der unvorsichtigen Manipulation des Bombenmaterials die Explosion verursachten. Nach dem Einsturz des Einfamilienhauses in Alcanar wurde zwischen den Trümmern eine Leiche gefunden. Es könnte sich um die sterblichen Überreste eines der Bombenbauer handeln. Ein weiterer möglicher Terrorist des Bombenverstecks in Alcanar liegt mit schweren Verletzungen im Spital. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.

Solidarität und Gedenken in Barcelona

Während die Polizei in Alcanar nach weiteren Spuren suchte, kämpfte die 1,6-Millionen-Einwohnerstadt Barcelona am Freitag gegen den Terrorschock: Etwa mit einer Gedenkveranstaltung samt Schweigeminute in der Nähe des Tatortes, an der auch Spaniens König Felipe und der konservative Regierungschef Mariano Rajoy teilnahmen. Oder mit grosser Solidarität für die 13 Todesopfer und mehr als 100 Verletzten, die der Terrorfahrer mit seinem weissen Lieferwagen auf der Ramblas überfahren hatte.

Vor den Blutspende-Stationen der Krankenhäuser bildeten sich lange Schlangen. Einige Hoteliers boten den überlebenden Terroropfern und ihren Familien kostenlose Unterbringung an.

Keine Betonblöcke auf Las Ramblas

Zu den Konsequenzen nach dem Terrortag gehört auch die Ankündigung, das die Sicherheitsmassnahmen in dieser brodelnden Stadt, die jedes Jahr von mehr als 30 Millionen Touristen besucht wird, weiter verstärkt werden. Denn ausgerechnet auf dem Boulevard Las Ramblas, der touristischen Schlagader der Stadt, gab es noch keine Betonblöcke oder Stahlpoller, um terroristische Kamikazefahrer zu stoppen.

Am Donnerstag gegen 16.50 Uhr, so registrierten es die Überwachungskameras, war ein weisser Fiat-Lieferwagen an der Plaza der Cataluña auf die Rambla-Allee eingebogen. Im Fussgängerbereich, in der Mitte der Allee, gab der Fahrer Gas und überrollte nach Polizeiangaben «mehr als 100 Menschen».

Der Kripochef der nordspanischen Region Katalonien, Josep Lluís Trapero, sagte, dass der Fahrer versucht habe, «die grösstmögliche Zahl von Menschen zu töten». Etwa einen halben Kilometer lenkte der Terrorist sein tödliches Gefährt in Schlangenlinien über die Fussgängerzone. «Viele Menschen sprangen zur Seite», berichtete einer der Blumenhändler, der seine Sträusse auf den Ramblas anbietet. «Andere flogen durch die Luft.»

Ana und Cristina, zwei spanische Touristinnen, die sich vor der Amokfahrt retten konnten, berichteten: «Er hat alles mit seinem Wagen umgemäht: Menschen und Verkaufsstände.» Andere hatten weniger Glück und wurden von dem Fahrzeug erfasst. Auch Touristen aus insgesamt 20 Nationen sind unter den Opfern (siehe nachfolgende Box).

Menschen aus 18 Nationen unter den Opfern

Unter den Toten und Verletzten des Anschlags von Barcelona sind Menschen aus 18 Nationen. Dies teilte der spanische Zivilschutz am Freitagmorgen mit. Insgesamt kamen in Barcelona mindestens 13 Menschen ums Leben. Mehr als 100 wurden verletzt. Über Schweizer Opfer war nichts bekannt.

Ein Sprecher des Zivilschutzes teilte mit, die Opfer stammten aus Spanien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Italien, Irland, Griechenland, Ungarn, Rumänien und Mazedonien. Zudem wurden auch Staatsbürger aus den nicht-europäischen Ländern Algerien, Argentinien, Venezuela, Peru, Kuba, Australien und China verletzt oder getötet. (sda)

Schliesslich krachte der Wagen gegen einen Kiosk und kam wenig später zum Stehen. Der Fahrer, der im Polizeifunk als ein «Mann mit weiss-blauem Streifenhemd» beschrieben wurde, sprang heraus und verschwand in den Altstadtgassen.

Nun jagen Polizeieinheiten diesen Terroristen, bei dem es sich nach Meinung der Fahnder um den 18-jährigen Moussa Oukabir handeln könnte. Der junge Marokkaner ist der jüngere Bruder von Driss Oukabir, der Stunden nach dem Attentat festgenommen wurde. Die Papiere von Driss Oukabir wurden im Terrorfahrzeug gefunden.

Als er am Donnerstagabend sein eigenes Fahndungsfoto im Fernsehen sah, stellte er sich der Polizei. Seiner Aussage zufolge wurden seine Papiere von seinem Bruder gestohlen und dann benutzt, um auf fremden Namen zwei Lieferwagen zu mieten. Dabei handelt es sich um das Terrorfahrzeug von Barcelona und um einen zweiten Wagen, der in der 70 Kilometer entfernten Stadt Vic sichergestellt wurde.

Auf der Flucht durch Barcelona kaperte Moussa Oukabir möglicherweise am Donnerstagabend ein Fahrzeug und erstach den Fahrer. Mit Sicherheit weiss man nur, dass ein Wagen am Stadtrand eine Polizeisperre durchbrach, wo es zu einer Schiesserei kam.

Als die Polizei das Fahrzeug, inspizierte, fand sie die Leiche des Autobesitzers – auf dem Beifahrersitz und mit Stichwunden. Deswegen schliesst die Polizei nicht aus, dass Moussa Oukabir diesen Fluchtwagen lenkte und sich nach dem Durchbrechen der Polizeisperre unbemerkt absetzen konnte.

Sprengstoffgürtel waren Attrappen

Von Barcelona führte die Blutspur zum Freitag weiter zum Ferienort Cambrils, der 130 Kilometer südwestlich Barcelonas liegt. Dort wollte in der Nacht zum Freitag ein fünfköpfiges Terrorkommando ein weiteres Massaker begehen. Gegen 1.15 Uhr gelingt es der Polizei an der Promenade und in der Nähe des Hafens mit Schüssen ein Fahrzeug zu stoppen, das gerade mehrere Menschen überrollt hatte.

In dem Wagen sassen fünf Männer, alle trugen gut sichtbare Sprengstoffgürtel, die sich später aber als Attrappen erwiesen. Die fünf Terroristen versuchten zu entkommen; vier von ihnen wurden durch Polizeischüsse in der Nähe des Fahrzeugs niedergestreckt. Nur einer der fünf schafft es, einige hundert Meter weiter zu flüchten und mehrere Menschen auf der Strandpromenade mit einem Messer zu verletzten. Dann wird auch er durch Schüsse aufgehalten und bricht zusammen.

Am Freitag versuchte die Polizei die Verbindungen zwischen den drei Terrorschauplätzen Alcanar, Barcelona und Cambrils zu knüpfen. Und auch zu dem Ort namens Ripoll, rund 100 Kilometer nördlich Barcelonas, in dem zwei Verdächtige festgenommen wurden, darunter der Bruder des mutmasslichen Todesfahrers Moussa Oukabir.

Moussa Oukabir hat vor zwei Jahren in einem sozialen Netzwerk seinen grössten Wunsch kundgetan. Auf die Frage von Netzwerkfreunden, was er als «absoluter König der Welt» als Erstes machen würde, antwortete er: «Ich möchte so viele Ungläubige wie möglich töten.»