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Mit dem Kochlöffel gegen das Elend in Kambodscha

Getrieben vom Credo, dass Armut nur durch Jobs überwunden werden kann, engagiert sich der Tessiner Pierre Tami seit 30 Jahren in Kambodscha. Sein neustes Projekt ist eine Kochschule, die jungen Menschen eine Zukunft im Tourismus ermöglichen soll.
Gabriela Jordan
Pierre Tami mit den zwei Kochschülerinnen Hang Usa (links) und Mao Davin (rechts)auf der Terrasse der Hotelfachschule in Luzern. Bild: Boris Bürgisser (20. September 2018).

Pierre Tami mit den zwei Kochschülerinnen Hang Usa (links) und Mao Davin (rechts)
auf der Terrasse der Hotelfachschule in Luzern. Bild: Boris Bürgisser (20. September 2018).

Allzu häufig ist Pierre Tami (60) nicht in der Schweiz. Inzwischen sei Kambodscha sein Zuhause, sagt der gebürtige Tessiner, der seine Heimat im Alter von 24 Jahren zusammen mit seiner Frau Simonetta verlassen hat. «Wieder in der Schweiz zu leben, kann ich mir nicht vorstellen. Hier ist alles zu reguliert und zu vorhersehbar», meint er mit einem entschuldigenden Lächeln. Im Gespräch auf der Terrasse der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern erzählt er, was ihn vor mittlerweile fast drei Jahrzehnten dazu bewogen hat, seinen sicheren Job bei der Swissair aufzugeben und in das damals vom Bürgerkrieg geplagte Land auszuwandern, wo er in den Folgejahren zig Sozialprojekte auf die Beine gesellt hat.

«Ich wollte mit meinem Leben etwas Sinnvolles tun, armen Menschen helfen und ihnen Würde und Hoffnung zurückgeben», sagt Pierre Tami, der selbst dreifacher Familienvater und überzeugter Christ ist. «Und ausserdem», fügt er lachend hinzu, «habe ich mich in der Schweiz gelangweilt.» Ein naiver Weltverbesserer, wie manche jetzt denken mögen, ist er aber nicht. Nüchtern schildert Tami, wie er mit seiner Stiftung Shift360 versucht, mittellose, unausgebildete und traumatisierte Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen und sie so aus dem selbst Jahre nach Kriegsende noch immer bestehenden Elend herauszuholen. Indem er «Jobs kreiert», wie er simpel sagt, kämpft er gegen Armut, Menschenhandel und Prostitution.

Seide, Seifen und das Geschäft mit dem Essen

Was Pierre Tami tut, wird gemeinhin als «Social Entrepreneurship» bezeichnet, als soziales Unternehmertum. Eine Tätigkeit, die darauf abzielt, mit wirtschaftlichen Methoden soziale Probleme langfristig zu lösen. In den 30 Jahren, in denen Tami inzwischen in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh lebt, hat er den Zufluchtsort «Hagar» für missbrauchte Frauen und Kinder aufgebaut, mehrere Restaurants eröffnet, ein Cateringunternehmen gegründet, eine Seidenproduktion auf die Beine gestellt, Seifen und Shampoos verkauft und zwölf Jahre lang die Interessen der Schweiz als Honorarkonsul vertreten. Wegen seiner Begeisterung fürs Kochen und Essen fokussierte er sich immer stärker auf die Gastronomie. Dort könnten auch schlechter ausgebildete Leute schnell Fuss fassen. «Viele Menschen in Kambodscha können zum Beispiel nicht lesen und schreiben. In einen technischen Bereich einzusteigen, der viel Expertise erfordert, würde deshalb keinen Sinn machen – und mich auch nicht reizen, denn Technik ist überhaupt nicht mein Ding.»

Bei seinem aktuellsten Projekt hat Tami für einmal keine Jobs geschaffen, sondern Ausbildungsplätze. Um jungen Menschen Chancen im wachsenden Tourismussektor zu ermöglichen, hat er im März 2017 in Phnom Penh eine Kochschule eröffnet: die Academy of Culinary Arts Cambodia (ACAC). Dieses Projekt führte ihn vor kurzem in die Schweiz. Um auf die Kochschule aufmerksam zu machen, veranstaltete er zusammen mit der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern (SHL) – der Partnerin der ACAC – Mitte September ein Gala-Dinner. Die Gäste wurden dabei unter anderem vom Spitzenkoch André Jäger und zwei Schülerinnen der kambodschanischen Kochschule verköstigt. Letztere schnitten in ihrem Jahrgang besonders gut ab, weshalb sie einen Monat lang von den Profis an der SHL lernen dürfen.

Neues Gesetz wurde eigens für die Kochschule erlassen

Damit Tami die Kochschule überhaupt gründen konnte, musste er nebst dem Auftreiben von Geldern noch ganz andere Hebel in Bewegung setzen. Für das Projekt war nämlich ein neues Gesetz erforderlich: «Die Kochschule ist das erste Public-Private-Partnership-Projekt in ganz Kambodscha. Deshalb gab es dafür noch gar keine rechtliche Grundlage – und so musste ich zuerst die Regierung von meinem Vorhaben überzeugen.» Dank seiner guten Beziehung zu Premierminister Hun Sen, dessen persönlicher Berater er heute noch ist, klappte schliesslich auch das. Seither üben sich rund 20 junge Köche am Herd.

«Ich glaube daran, dass man mit Gesprächen etwas bewegen kann», sagt Tami dazu. Er versuche deshalb auch, Entscheidungsträger gezielt zu beeinflussen, um zum Beispiel Fördergelder zu erhalten. «Damit das klappt, muss man die Kultur sehr gut kennen.» Vor allem Respekt gegenüber höheren Klassen zu zollen, sei in Kambodscha essenziell, die Gesellschaft ticke dort noch immer streng hierarchisch. «Grundsätzlich sind die Kambodschaner zum Glück ein Volk, das sehr offen gegenüber Veränderungen ist – und ausserdem sehr herzlich.»

Eine Tochter in Australien, und eine im Himmel

So realistisch, wie Tami die vielen noch ungelösten Probleme in Kambodscha auch schildert – umso leidenschaftlicher wirkt er, wenn er über selbst kleine Fortschritte dort spricht. Und obschon seine Arbeit nicht einfach und häufig auch noch deprimierend sei, erfülle sie ihn auch nach 30 Jahren noch sehr. Dasselbe gelte für seine Frau, die ihn dabei stets unterstützt habe. Ihr gemeinsames Leben sei «very exciting» und voller Überraschungen – zum Beispiel lebe eine ihrer Töchter mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Australien.

Dabei kommt Tami jedoch auch auf ein trauriges Ereignis zu sprechen. Die jüngste Tochter, Naomi, ist im Alter von 23 Jahren während eines Aufenthalts in den USA unerwartet gestorben. Weil auch sie das Kochen und Essen liebte, hat die Familie Tami in ihrem Namen einen Scholarship ins Leben gerufen. Dank diesem konnten bisher elf Schüler umsonst die Kochschule besuchen. «Das hängt davon ab, wie viel Geld ich auftreiben kann», meint Tami schmunzelnd.

Hinweis: Pierre Tami ist am Mittwoch, 24. Oktober, an der Hochschule Luzern zu Gast. Der Anlass «Treff mit uns ... Pierre Tami» ist öffentlich und beginnt um 18.15 Uhr.

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