THAILAND: Familienbande im Exil

Bevor sie wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, flüchtete Ex-Premierministerin Yingluck Shinawatra ins Ausland. Genau wie ihr Bruder – ebenfalls Ex-Premier.

Ulrike Putz, Singapur
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Yingluck Shinawatra, Ex-Premierministerin von Thailand. (Bild: Narong Sangnak/EPA)

Yingluck Shinawatra, Ex-Premierministerin von Thailand. (Bild: Narong Sangnak/EPA)

Einen Monat nach dem ursprünglich angesetzten Termin kam es zur Urteilsverkündung: Yingluck Shinawatra, die erste Frau, die es zur Premierministerin Thailands gebracht hat, soll wegen Verschwendung von Steuergeldern und Korruption fünf Jahre lang ins Gefängnis.

Doch als das Strafmass diese Woche in Bangkok verkündet wurde, blieb die Anklagebank leer: Vor vier Wochen, unmittelbar vor dem eigentlichen Gerichtstermin, setzte sich Yingluck in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Ausland ab.

In besten Kreisen aufgewachsen

Es wird gemunkelt, dass die 50-Jährige zu ihrem Bruder Thaksin Shinawatra nach Dubai geflohen ist. Die Zeitung «Bangkok Post» berichtete, Yingluck lebe inzwischen in London. Mit ihrem grossen Bruder verbinden Yingluck immer mehr Gemeinsamkeiten: Auch er war einst Premierminister Thailands, machte sich zum Anwalt der kleinen Leute und wurde darum von den urbanen Eliten gehasst. Auch er wurde vom Militär aus dem Amt gedrängt. Und auch Thaksin lebt seit einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs 2011 im selbstgewählten Exil – so, wie es nun auch seine kleine Schwester zu tun scheint. Familienbande: Das ist das Schlagwort, das fällt, wenn man in Thailand über Yingluck spricht. Als jüngstes von neun Kindern wuchs Yingluck in besten Kreisen auf. Ihre Eltern – der Vater schwerreicher Geschäftsmann und Parlamentarier, die Mutter Mitglied eines der vornehmsten Adelsgeschlechter Thailands – stellten sicher, dass das Mädchen mit dem Spitznamen «Pu» («Krebs») die besten Schulen und Universitäten besuchte. Später übernahm Yingluck Direktorenposten in mehreren Familienunternehmen, darunter dem von ihrem Bruder Thaksin gegründeten grössten Mobilfunkanbieter Thailands.

Subventionierter Reis führte ins Verderben

Auch zur Politik kam sie über ihren Bruder: Der war von 2001 an Regierungschef und anfangs überaus beliebt, weil er sich vor allem für die arme Landbevölkerung einsetzte, ihnen Zugang zur Gesundheitsversorgung gewährte und in die Infrastruktur investierte. Doch dann geriet Thaksin wegen Steuertricks in schwieriges Fahrwasser. Am 19. September 2006 putschte ihn Thailands Militär aus dem Amt.

Als sich «Pu» – inzwischen Milliardärin – im Jahr 2011 anschickte, in die Fussstapfen ihres Bruders zu treten und sich als Premierministerin zur Wahl zu stellen, warfen ihre Gegner ihr vor, sie sei nur eine «Marionette» Thaksins. Doch der Politik­neuling Yingluck machte im Wahlkampf eine erstaunlich gute Figur, gewann die ländlichen Wähler und die Wahlen.

Eckpfeiler der populistischen Politik Yinglucks war die Einführung eines garantierten Mindestpreises für Reis und staatlicher Aufkäufe der Ernte. Doch das Subventionsprojekt lief gründlich schief: Wegen plötzlich fallender Reispreise machte der Staat enorme Verluste, die Rede ist von umgerechnet bis zu 8 Milliarden Franken. Zigtausende Tonnen Reis verrotteten ungenutzt in Lagern, während korrupte Beamte die Gelegenheit nutzten, sich die Taschen zu füllen. Im Mai 2014 setzte das Verfassungsgericht Yingluck ab. Kurz darauf putschte sich erneut das Militär an die Macht. Die Generäle regieren bis heute.

Generäle konsolidieren ihre Macht

Dass nun ein Haftbefehl auf Yinglucks Namen ausgestellt wurde, hat nicht nur mit ihrer – nach wie vor umstrittenen – Rolle beim Reisaufkaufprogramm zu tun: Sie und der einflussreiche Shinawatra-Clan sind dem Militär ein Dorn im Auge. Die Generäle planen, ihre Macht zu konsolidieren, dabei sollen volksnahe Politiker bitte nicht stören. Dreieinhalb Jahre nach dem Ende der Regierung Yingluck ist – mit dem Segen des Königshauses und zur Zufriedenheit der konservativen Eliten – jedes wirkliche politische Geschehen in Thailand zum Stillstand gekommen.

Ulrike Putz, Singapur