Calais (F)
"The Jungle" wird geräumt – doch was passiert mit den Flüchtlingskindern?

Das Flüchtlingslager in Calais muss geräumt werden – vor allem die Zukunft der Minderjährigen ist ungewiss.

Stefan Brändle, Paris
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Die Kinder leiden im «Dschungel» von Calais am meisten.STEPHANIE LECOCQ/EPA/KEY

Die Kinder leiden im «Dschungel» von Calais am meisten.STEPHANIE LECOCQ/EPA/KEY

KEYSTONE

Das Verwaltungsgericht der nordfranzösischen Stadt Lille hat gestern einen Eilantrag von elf Hilfswerken gegen die Räumung des Flüchtlingslagers in Calais abgelehnt. Nicht das Vorgehen der Regierung sei unmenschlich, sondern die entwürdigende Lage der Menschen in dem wilden Dünen-Camp.

Nach Presseberichten in Paris könnte Innenminister Bernard Cazeneuve den Startschuss für die ersten Abtransporte schon am kommenden Montag erteilen, um danach die Bagger auffahren zu lassen. 60 Busse à 50 Sitzplätze sollen die ersten Migranten und Flüchtlingen in die Aufnahmezentren in allen Departementen Frankreichs bringen. In einzelnen Orten gibt es allerdings Widerstand. Der rechte Front National versucht, Bürgermeister in einem «Anti-Migranten-Verein» zu vereinen und konservative Politiker warnen vor einer Vielzahl von «Mini-Calais» im ganzen Land.

Im «Dschungel», wie das östlich von Calais gelegene Zeltlager genannt wird, gibt es ebenfalls Widerstände. Die meisten Afghanen, Eritreer, Sudanesen und Vertreter anderer Nationen wollen weiterhin lieber nach Grossbritannien, weil sie Englisch sprechen oder dort Familie haben und leichter Arbeit zu finden hoffen. Die Hilfsorganisationen kritisieren das Vorgehen der Regierung generell als unüberlegt und bezweifeln, dass die Lagerbewohner wirklich in einem der 160 Aufnahmezentren bleiben werden, wo sie einen Asylantrag stellen können. Die meisten könnten mit der Zeit nach Calais zurückkehren, um es erneut zu versuchen.

Sozialdienste für Kinder zuständig

Ungelöst bleibt vor allem die Frage der mehr als unbegleiteten 1000 Minderjährigen in dem Elendscamp. Sie können nach französischer Gesetzgebung nicht mit Erwachsenen in Asylzentren untergebracht werden. Zuständig sind Sozial- und Waisendienste in den einzelnen Departementen Frankreichs, doch sie sind meist jetzt schon überfordert. Zudem herrscht in Calais Uneinigkeit, wie viele der Anwesenden überhaupt minderjährig sind. Die Betroffenen verfügen oft über keine Papiere und geben ein tieferes Alter, um nicht als Erwachsene ausgewiesen zu werden.

Eine neue Zählung des Hilfswerks Terre d’Asile veranschlagt die Zahl der Kinder und Jugendlichen auf 1290, bei einer Gesamtzahl von rund 10 000 Flüchtlingen. Noch im August waren 865 «isolierte Minderjährige» – so der Behördenjargon – gezählt worden. Klar ist nur, dass sie in dem riesigen Lagerlabyrinth unter «unwürdigen, unhygienischen und gefährlichen Bedingungen» leben, wie das Kinderhilfswerk Unicef festgehalten hat.

Und dass auch sie grossmehrheitlich nach England wollen. London hat sich in einem Abkommen mit Paris bereit erklärt, elternlose Jugendliche aufzunehmen, wenn sie in England über Angehörige verfügen. Britische und französische Beamte vernehmen sie derzeit vor Ort. Verlangt wird eine Telefonnummer in England, die per Anruf auf die Existenz von Eltern, Tanten und Onkeln hin geprüft wird. Hinter einzelnen Nummern sollen sich allerdings Schlepper verbergen, die eine letzte Tranche der Bezahlung erwarten.

Vor allem will die britische Regierung nicht mehr sämtliche Minderjährige aus Calais aufnehmen. Cazeneuve reiste deshalb vor Wochenfrist persönlich nach London, um seine britische Amtskollegin Amber Rudd an die «moralische Pflicht» der Familienzusammenführung zu erinnern. Denn trotz des bilateralen Abkommens sind laut Pariser Darstellung seit dem Frühling nur
97 Kinder und Jugendliche mit ihren Familien in England zusammengeführt worden. Am Montag reisten vierzehn weitere über den Kanal, ein weiteres Dutzend soll noch diese Woche folgen.

«Komplette Ungewissheit»

Insgesamt will England nur noch 300 Minderjährige aufnehmen, wobei die 12-Jährigen und Jüngeren Vorrang haben sollen. Und die 1000 verbleibenden Jugendlichen? «Diesbezüglich besteht komplette Ungewissheit», meinte François Guennoc vom Hilfswerk Auberge des Migrants. Die französischen Behörden seien davon ausgegangen, dass alle Minderjährigen in England Aufnahme finden würden.