Debatte über Rücktritt
Theologe: «Man könnte in Zukunft überlegen, das Amt mit einer Frist zu bemessen»

Der Rücktritt Benedikt XVI. werfe ein neues Licht auf das Amt des Papstes, sagt der Theologe Guido Vergauwen. Man könnte es in Zukunft sogar zeitlich befristen, sagt der Theologie-Professor aus Freiburg i.Ü.

Wolf H. Wagner
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Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl im April 2005 winkt dem Volk auf dem Petersplatz zu.

Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl im April 2005 winkt dem Volk auf dem Petersplatz zu.

Keystone

Wie bewerten Sie als Theologe den Rücktritt von Benedikt XVI.?
Guido Vergauwen: Ich halte es für eine mutige und verantwortungsvolle Entscheidung. Wie der Papst erklärt hat, reichen seine Kräfte nicht aus, um die sich schnell entwickelnden Prozesse in der Welt zu verfolgen und verantwortungsvoll als katholisches Kirchenoberhaupt darauf zu reagieren. Er wird sicher mit seinem Gebet und innerhalb der Kirche weiter für ihre Entwicklung arbeiten und dienen.

Welche Bedeutung könnte der Rücktritt für die katholische Kirche haben?
Der Schritt von Benedikt XVI. wirft ein vollkommen neues Licht auf das Kirchenamt des Papstes: Bislang ging man davon aus, dass es eine göttliche Berufung ist, es auszufüllen. Man könnte aber in Zukunft überlegen, dass es ein Wahlamt wie jedes andere sein könnte und vielleicht sogar mit einer Frist bemessen würde.

Das Amt wurde durch den Rücktritt also nicht beschädigt.
Keineswegs. Es wird in Zukunft aber eventuell einen neuen Charakter bekommen. Natürlich machen sich darüber bereits Kirchenrechtler und Wissenschafter Gedanken.

Könnte der Rücktritt mit einer zunehmenden Politisierung des Amtes in Verbindung stehen?
Ich würde es nicht direkt Politisierung nennen. Zweifellos ist die Welt komplexer geworden und stellt somit auch neue Anforderungen an eine Person, die das Papstamt ausfüllen soll. Der nun zu findende neue Papst muss diesen Anforderungen gewachsen sein, und es wäre auch durchaus vorstellbar, dass das neue Kirchenoberhaupt erstmals vom afrikanischen Kontinent kommt.

Benedikt XVI. wird jetzt oft kritisiert. Er setzte sich aber doch auch für den Dialog der Weltreligionen ein - ein Erbe für den Nachfolger?
Zweifellos. Die Kirche wird sich erneuern müssen. Dies gilt sowohl für das Nachdenken, wie das Amt des Papstes in Zukunft auszufüllen ist, als auch wie die Beziehungen der Kirche in der Welt zu gestalten sind. Diese Fragen werden die Kardinäle bei der Wahl des neuen Kirchenoberhauptes zu berücksichtigen haben.

Folgt dem Rücktritt Benedikt XVI. nun ein Zurückziehen ins Privatleben?
Das glaube ich nicht. Die Entscheidung des Papstes bezieht sich ausschliesslich auf das Amt. Benedikt wird der Kirche erhalten bleiben. Wie er ja selbst sagte, will er der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen. Man darf davon ausgehen, dass der scheidende Papst auch theologisch das Wohl der Kirche im Auge behalten wird.