Deutschland

Thilo Sarrazin und der «Tugendterror» – gegen das eigene Ego

In seinem neuen Buch «Der neue Tugendterror» regt sich Thilo Sarrazin auf, dass nicht alle das erste mochten. Er prangert darin ein gesellschaftliches Streben nach Gleichheit an.

Christoph Reichmuth, Berlin
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«Gleichheit ist Sozialismus»: Thilo Sarrazin. Keystone

«Gleichheit ist Sozialismus»: Thilo Sarrazin. Keystone

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Rund zwei Dutzend Demonstranten haben sich an diesem Abend vor dem durch die Polizei schwer bewachten Nikolaisaal in Potsdam postiert, sie wollen ein Zeichen setzen gegen jenen Mann, der hier vor rund 200 Leuten gerade sein neuestes Buch vorstellen wird: Thilo Sarrazin.

Vier Jahre nach seinem 1,5 Millionen-fach verkauften, höchst umstrittenen Bestseller «Deutschland schafft sich ab» ist der 69-jährige ehemalige Berliner SPD-Finanzpolitiker mit seinem neuen Werk «Der neue Tugendterror» zurück in der öffentlichen Debatte. Die Reaktionen werden, die Demonstranten vor dem Haus lassen es erahnen, ähnlich ausfallen wie 2010.

Rachefeldzug gegen Kritiker

Gleich im ersten Kapitel seines Werkes offenbart der 69-Jährige ziemlich unverblümt, worum es ihm in dem Buch wirklich geht: Der Autor sucht nach einer für ihn plausiblen Erklärung, weshalb sein Buch «Deutschland schafft sich ab» von breiten Teilen der Öffentlichkeit so resolut abgelehnt worden ist.

Sein neues Werk verkommt so zu einer Art Rachefeldzug gegen alle jene, die seinen Erstling kritisch zerpflückt und Sarrazins Theorien, wonach der heimischen Kultur und Gesellschaft wegen der Zuwanderung schlecht gebildeter Menschen der Untergang drohe, in die rassistische Ecke gestellt hatten. Und das waren vor allem die Medien und die Politik.

Der «Tugendterror» – damit meint Sarrazin eine für allgemein gültig befundene gesellschaftliche Moral, die von «links-liberalen Medien» und der Politik vorgegeben werde. Wer sich diesen Wertvorstellungen nicht beugen wolle, so wie eben Sarrazin selbst, werde von der Gesellschaft als Ketzer verstossen.

Sarrazin prangert das gesellschaftliche Bestreben nach immer mehr «Gleichheit» an, denn dieses Streben schränke die Freiheit ein, meint er und verweist auf den real-existierenden Sozialismus, bei dem die staatlich verordnete Herstellung von Gleichheit die Freiheit der Menschen eingeschränkt habe.

Sarrazin zählt «14 Axiome des Tugendwahns» auf, um diese Theorien sogleich zu widerlegen. Darunter finden sich Grundsätze wie «Ungleichheit ist schlecht, Gleichheit ist gut», «Die menschlichen Fähigkeiten hängen fast ausschliesslich von Bildung und Erziehung ab» oder «Der Islam ist eine Kultur des Friedens. Er bereichert Deutschland und Europa».

Sarrazin verweist auf Statistiken, wonach 25 Prozent der jungen Muslime in Deutschland radikal seien. Zudem attestiert der Autor dem Islam Rückständigkeit. «Seit 700 Jahren hat der Islam keine bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnis hervorgebracht», sagte er vor mehrheitlich wohlgesinnten Zuhörern in Potsdam, «nicht, weil die Muslime von Grund auf dümmere Menschen wären, sondern weil sie sich durch ihre Religion geistig zu stark einengen lassen.»

Die Homo-Ehe: «Eine Albernheit»

Ebenso sei es dumm wie falsch, die Gleichheit zwischen Mann und Frau zu betonen. In einem Interview mit der Zeitung «Bild» verstieg sich Sarrazin sogar zur Aussage: «Es gibt mehr Männer als Frauen mit sehr hoher Intelligenz.» Polemisch wirken auch seine Theorien zur Flüchtlingsfrage: Jede Regierung sei selbst dafür verantwortlich, was in ihrem Staat vor sich gehe. «Niemand bei uns ist dafür verantwortlich, was in Zentralafrika geschieht.»

Selbstverständlich hat Sarrazin auch eine Meinung zur Homo-Ehe. Die Ehe sei ein Bund, deren Sinn darin bestünde, Kinder auf die Welt zu stellen. «Wenn zwei Männer, wovon einer in Weiss als Symbol für die Jungfräulichkeit, sich dieser Albernheit aussetzen wollen, sollen sie es tun. Sie sollen ihr Bündnis dann bitte einfach nicht Ehe nennen.»

«Aus allen kleine Einsteins»

Was sich Sarrazin denn genau als Alternative zu diesem angeblichen «Moralterror» vorgestellt hat, bleibt im Dunkeln. «Ich wünsche mir mehr Leidenschaft für die Wirklichkeit, weniger Bevormundung durch die Gesellschaft.» Der Mensch werde im moralischen Sinne gleich geboren, aber ansonsten sei der Mensch eben ungleich – bei Intelligenz, Hautfarbe, Charakter. «Unsere Gesellschaft glaubt, mit guter Bildung könnten wir aus allen kleine Einsteins formen.»

Sarrazin lässt einen etwas ratlos zurück. Vielleicht will der offenkundig noch immer tief gekränkte Autor von der Gesellschaft eigentlich nur geliebt werden. So wird’s nicht klappen.

Thilo Sarrazin: «Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland.» Deutsche Verlags-Anstalt München 2014. 400 S., Fr. 34.90.