NSU--Prozess
Tochter von NSU-Opfer: «Ich will Zschäpe in die Augen sehen»

Semiya Simsek, Tochter des ersten NSU-Opfers, ist froh, dass der Prozess endlich beginnt. Im Interview spricht sie über die langen Jahre der Verdächtigungen und ihre Erwartungen an den Prozess.

Birgit Baumann, Berlin
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Simsek: «Ich habe keinen Groll gegen Deutschland.» Stefanie Schweigert

Simsek: «Ich habe keinen Groll gegen Deutschland.» Stefanie Schweigert

Am Montag beginnt in München der NSU-Prozess. Welche Erwartungen haben Sie?

Semiya Simsek: Sie sind sehr gemischt. Einerseits haben wir, also meine Familie und ich, jahrelang auf diesen Prozess gewartet. Wir wollen mit der Sache endlich abschliessen. Andererseits ist uns auch klar, dass es eine sehr anstrengende Zeit wird.

Zu Person

Semiya Simsek war 13 Jahre alt, als ihr Vater Enver Simsek in Nürnberg an einem Blumenstand erschossen wurde. Er gilt als das erste Opfer des NSU. Ihre Gesichte hat die heute 26-Jährige gemeinsam mit dem Journalisten Peter Schwarz in einem Buch beschrieben («Schmerzliche Heimat - Deutschland und der Mord an meinem Vater»; Rowohlt Verlag»). Semiya Simsek lebt heute mit ihrem Mann in der Türkei, kommt aber regelmässig nach Deutschland. Am Prozess nimmt sie als Nebenklägerin teil. Im Sommer kommt ihr erstes Kind auf die Welt. (nch)

Im Gericht werden Sie auf Beate Zschäpe treffen. Haben Sie Angst davor?

Ich möchte diese Frau sehen, ich will Beate Zschäpe in die Augen schauen. Ich bin gespannt auf ihre Gestik und Mimik, ob sie Reuegefühle hat. Ich möchte auch wissen, ob sie noch zu dieser rechtsextremen Ideologie steht.

Werden Sie als Nebenklägerin an allen Verhandlungstagen anwesend sein?

Nein, das wird nicht zu schaffen sein, da im Sommer mein erstes Kind zur Welt kommt. Aber ich möchte immer wieder dabei sein. Es ist zurzeit auch noch unklar, ob ich als Zeugin aussagen muss.

Haben Sie Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat – dass dieser Prozess ordentlich und fair ablaufen wird?

Nach allem, was mir und meiner Familie passiert ist: eher wenig. Aber ich hoffe, dass jeder Helfer und Helfershelfer bestraft wird, und dass noch mehr Hintergründe ans Tageslicht kommen. Und ich denke mir: Viel schlimmer als vor 13 Jahren kann es nicht werden.

Damals, im Jahr 2000, wurde Ihr Vater ermordet. Er war das erste der zehn Opfer.

Ich war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt. Es war schon schlimm genug, meinen Vater von einem Tag auf den anderen zu verlieren und nicht zu wissen, wer ihn umgebracht hat. Ich habe mich natürlich auch gefragt: Bin ich und meine Familie auch in Gefahr? Ich hatte massive Verfolgungsängste. Wir hatten all die Jahre danach immer ein Fragezeichen im Kopf.

In Ihrem Buch schildern Sie sehr eindringlich die Verdächtigungen, denen Ihre Familie nach dem Mord ausgesetzt war.

Jahrelang haben uns die Ermittler Fotoalben gezeigt und die gleichen Fragen gestellt. Kennen Sie den, kennen Sie den? Unserem Vater wurde unterstellt, im Drogenmilieu tätig zu sein. Meine Mutter wurde verdächtigt, ihn aus Habgier gemeinsam mit ihren Brüdern umgebracht zu haben. Fotos von seiner angeblichen Geliebten, die es nicht gab, wurden präsentiert. Wir konnten nicht in Ruhe trauern.

Ein rechtsextremes Motiv wurde nicht untersucht?

Doch, aber nicht ausreichend. Intensiv wurde vielmehr im türkischen Milieu ermittelt. Man hat nach Verbindungen zu den Grauen Wölfen gesucht oder zur PKK, aber nicht genug in der rechten Szene in Deutschland.

Ab wann hat Ihre Familie darauf hingewiesen?

Ab 2004 waren wir uns sicher. Bis dahin gab es ja weitere Morde an türkischen Kleinunternehmern, die allerdings als «Döner-Morde» bezeichnet wurden. Die Ermittler sagten uns immer: «Keine Sorge, wir verfolgen alle Spuren und haben eine ganz heisse in der Drogenszene.»

Im November 2011 war dann klar, dass der NSU für die Morde verantwortlich war. Wie haben Sie davon erfahren?

Uns hat niemand informiert, mein Bruder hat es im Radio gehört. Dann haben wir uns selbst erkundigt. Erst nach fünf Tagen sind die Ermittler auf uns zugekommen.

Was empfanden Sie, als Sie die wahren Hintergründe über den Mord an Ihrem Vater erfuhren?

Es war, trotz aller Trauer, befreiend. Endlich war allen klar, was wir immer wussten: Unser Vater war kein Krimineller. Aber wir fragten uns recht bald: Wie sicher sind wir in Deutschland? Ich habe mich danach sehr unsicher gefühlt. Öffentlich entschuldigt hat sich übrigens bis heute kein Ermittler bei uns.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es bei der offiziellen Trauerfeier im Februar 2012 getan.

Das war schon gut. Entschuldigen heisst ja, dass man einen Fehler einsieht. Aber die 13 Jahre der Verdächtigungen wurden dadurch auch nicht weggewischt. Ich will keine Verschwörungstheorien verbreiten, aber wenn man dann hört, dass während der Ermittlungen so viele Akten vernichtet wurden, dann ist das auch nicht gerade vertrauensfördernd. Da bleibt ein mulmiges Gefühl zurück.

Sie haben bei der Trauerfeier sehr emotional gesprochen und bekamen viel Beifall.

Ich wollte das für meinen Papa machen und auch allen Menschen zeigen, was wir jahrelang erlitten haben. Jahrelang waren wir die bösen Opfer. Nach dem Motto: Euer Vater hat krumme Dinger gedreht. Nach dem 4. November 2011 (dem Auffliegen des NSU; Red.) waren wir dann die Guten. Da haben wir auch viel Zuspruch von den Deutschen bekommen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland heute?

Ich trenne den Mord und mein Verhältnis zu dem Land, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Deutschland ist definitiv meine Heimat, dort fühle ich mich auch wohl. Aber der Mord ist ein Vertrauensbruch. Ich lebe jetzt mit meinem Mann in der Türkei, aber ich schliesse nicht aus, eines Tages wieder in Deutschland zu leben. Ich habe keinen Groll gegen Deutschland.