Schuldzuweisungen nach Mord an ukrainischem Rebellenführer

Nach der Ermordung des Donezker Rebellenchefs Alexander Sachartschenko machen sich Moskau und Kiew gegenseitig verantwortlich. Ohne Beihilfe aus den eigenen Reihen wäre das Attentat kaum möglich gewesen.

Stefan Scholl, Moskau
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Trauernde nehmen in Donezk Abschied von Alexander Sachartschenko. (Aleksey Filippov/AFP, 2. September 2018)

Trauernde nehmen in Donezk Abschied von Alexander Sachartschenko. (Aleksey Filippov/AFP, 2. September 2018)

Die Rebellen haben die Täter angeblich schon entlarvt. Alexander Kasakow, Berater des ermordeten Separatistenführers Alexander Sachartschenko, erklärte am Samstag der Agentur RIA Nowosti, das Attentat sei von ukrainischen Spezialkräften organisiert worden. Mehrere in Donezk festgenommene ukrainische Diversanten hätten schon gestanden.

Am Freitag starb der Regierungschef der Donezker Rebellenrepublik DNR mit einem Leibwächter bei einer Explosion in einem Café im Stadtzentrum, elf Personen wurden verletzt.

Verhandlungslage bleibt festgefahren

Auch russische Offizielle machten die Ukraine mehr oder direkt für das Blutbad verantwortlich. «Die, die den Weg des Terrors, der Gewalt und der Einschüchterung gewählt haben, wollen keine friedliche, politische Lösung des Konflikts», schrieb Präsident Wladimir Putin in einem Beileidstelegramm, «sondern riskieren die Destabilisierung der Lage, um das Volk im Donbass in die Knie zu zwingen.» Maria Sacharowa, Sprecherin des Moskauer Aussenministeriums, verkündete, man habe allen Grund, anzunehmen, das Kiewer Regime stecke hinter dem Anschlag.

Ukrainische Politiker dagegen reagieren mit fast feierlicher Schadenfreude. «Gott sieht alles», erklärte Julia Timoschenko, Chefin der populistischen Partei Vaterland. «Menschen, die andere Leute töten und unsere heilige Unabhängigkeit mit Füssen treten, erhalten einer nach dem anderen ihre Strafe.» Dabei verdächtigt eine Grosszahl ihrer Kiewer Kollegen entweder Konkurrenten Sachartschenkos in der DNR oder russische Geheimdienste.

Alexander Sachartschenko, 42, kommandierte zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges gegen die Ukraine ein Freiwilligenbataillon. Nach der Entmachtung Igor Strelkows, des russischen «Verteidigungsministers» der Rebellen, übernahm er 2014 die Führung der DNR. Ein Draufgänger mit grobem Charisma, der auch als Regierungschef oft an der Front auftauchte und noch im Februar 2015 am Bein verletzt wurde. Das kurz darauf ausgehandelte Minsker Abkommen, das eine Wiedereingliederung der Rebellengebiete in den ukrainischen Staat vorsieht, torpedierte er ständig. «Nein», antwortete er auf die Frage eines Reporters, ob das Donbass wieder zur Ukraine gehören werde. «Aber die Ukraine wird zum Donbass gehören.» Allerdings erwarten auch Moskauer Experten nicht, dass sich nach Sachartschenkos Tod etwas an der festgefahrenen Verhandlungslage ändern wird. «Das Minsker Abkommen wurde die ganze Zeit über nicht eingehalten, die Ukraine will es nicht erfüllen», erklärte der russische Kremlberater Bogdan Bespalko der Agentur Tass.

Sachartschenko besass nach Ansicht vieler Beobachter nur eingeschränkte Macht. «Er war eine dekorative Figur, die eigentlichen Entscheidungen in der DNR treffen Konsultanten aus Moskau», sagt der Kiewer Politologe Aleksandr Solontai unserer Zeitung. In den vergangenen Jahren fielen mehrere Rebellenführer bisher nicht aufgeklärten Attentaten zum Opfer, etwa die russischen Feldkommandeure «Motorola» und «Giwi», für deren Tod Donezk ebenfalls ukrainische Agenten verantwortlich macht.

In der benachbarten Lugansker Separatistenrepublik LNR waren radikale Kosakenführer ermordet worden, der Republikchef wurde zweimal ausgetauscht, ohne dass sich am Kurs der LNR Wesentliches geändert hätte. DNR und LNR, wo inzwischen mit Rubeln bezahlt wird, gelten als wirtschaftlich und politisch von Russland abhängig, bei Bedarf hätte Moskau auch Sachartschenko zum Rücktritt zwingen können.

Russische Elitesoldaten als Leibwache

Trotzdem wirkt sein Tod für die Rebellen wie für Russland peinlicher als für die Ukraine. Sachartschenko galt als einer der bestbewachten Politiker Osteuropas. Das Restaurant Separ, in dem er umkam, gehörte laut Ria Nowosti seiner eigenen Leibwache. Und in dieser Stammkneipe der DNR-Bosse montierten die Attentäter den Sprengsatz in einer Steh- oder Deckenlampe. Deshalb gehen Donezker Polizisten davon aus, jemand aus den eigenen Reihen sei beteiligt gewesen. Das Nachrichtenportal Spektr schreibt, ein Teil der Leibwache Sachartschenkos habe aus russischen Elitesoldaten bestanden. Und in Donezk glaube man, sie hörten im Zweifelsfall auf Befehle aus Moskau. Aber es wird auch spekuliert, ob der republikanische Personenschutzdienst RGSO oder andere Spezialeinheiten, deren Auflösung Sachartschenko im Sommer angeordnet hatte, in die Tat verwickelt sein könnten.

Der ukrainische Geheimdienst aber hätte für den Anschlag den innersten Kreis der antiukrainischen Erzfeinde infiltrieren müssen. «Ich würde mich darüber freuen», erklärt der Ukrainer Solontai, «nur bezweifle ich, dass er dazu in der Lage ist.»