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TOURISMUS: «Grüne Pest» in der Bretagne

Ausgerechnet zur Ferienzeit grassiert in der Bretagne die Algenpest entlang der Küsten. Die eigentliche Ursache ist die Überdüngung der Böden durch die lokale Landwirtschaft.
Stefan Brändle, Saint-Brieuc
Umweltschützer André Ollivro bei der Pointe des Guettes. (Bild: Stefan Brändle (Hillion, 9. Juli 2017))

Umweltschützer André Ollivro bei der Pointe des Guettes. (Bild: Stefan Brändle (Hillion, 9. Juli 2017))

Stefan Brändle, Saint-Brieuc

Die «Pointe des Guettes» ist ein Geheimtipp für Bretonen: Der Sandstrand in einer kleinen Felsbucht ist zu Fuss nur durch eine steile Treppe erreichbar. Drei Jungs in Shorts, unterm Arm einen Ball, nehmen mehrere Stufen auf einmal und jauchzen bei jedem Sprung. Doch bei einer Kette ist Endstation. Der Zugang zum Meer ist gesperrt, wie die Präfektur auf einem – heruntergerissenen – Dekret mitteilt. Enttäuscht macht sich das Trio auf zum nächsten Strand, in der Hoffnung, dass dieser noch offen ist, frei von der Algenpest.

Deshalb ist die «Pointe des Guettes» seit ein paar Tagen geschlossen: Ein dicker Teppich angeschwemmten Grünzeugs bedeckt den Sand. André Ollivro hebt eine Handvoll hoch und stellt fest: «Dieser ‹Salat› ist noch frisch.» Der 72-jährige Naturschützer watet knöcheltief durch glitschigen Schlick. «Nicht gerade das, was das Herz der Feriengäste erfreut», meint er sarkastisch. «Diesen Sommer ist die grüne Plage schlimmer als in den Vorjahren.»

Das Tourismusbüro der Bretagne informiert sehr offen. An beliebten Stränden hat es Webcams installiert, sodass sich Reisende online selbst ein Bild machen können. Im Büro von Saint-Brieuc erklärt eine Angestellte, dass nur eine Minderheit der Strände unbenützbar sei. «Ausserdem sind die Algen ungefährlich und, wenn Sie wollen, gar essbar.»

Die grüne Pest sowohl essbar wie auch tödlich

«Essbar schon», knurrt Ollivro und fährt an einen anderen Abschnitt der weiten Bucht bei Hillion, wo er in einer ausgebauten Holzbaracke den Sommer verbringt. Möwen schreien an dem leeren, wie weiss getünchten Strand. Kaum macht der frühere Ingenieur von Gaz de France einen Schritt, bricht die helle Kruste ein. Darunter verrotten Grünalgen, die einen widerlichen Geruch verströmen. Es ist Schwefelwasserstoff, ein hochgiftiges Gas. «Drüben bei der Flussmündung sind schon Wildschweine umgekommen», zeigt Ollivro. «Und 2016 ein Jogger.» Sie alle seien über den Algenteppich gerannt und wahrscheinlich durch die sonnengehärtete Kruste eingebrochen, was die toxischen Dämpfe freigesetzt habe. Wer sie zu lange einatme, lasse sein Leben.

Die Algenplage geht auf die intensive Landwirtschaft zurück, erklärt Ollivro. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe General de Gaulle beschlossen, aus der Bretagne die Region der Tierzucht zu machen. Heute produziere sie ein Drittel aller französischen Hühner und Kälber, 60 Prozent der Schweine. Und da die Weiden überdüngt würden, gerate das nitrathaltige Wasser ins Meer und dünge gleich auch noch die Algen.

Ollivro warnt die Bretonen seit dreissig Jahren, als die «Ulva armoricana», die bretonische Alge, vermehrt an die Strände geschwemmt wurde. Anfangs hörte niemand auf ihn; militante Bauern bedrohten ihn vielmehr und kehrten Mist vor seine Hütte. Angesichts der zunehmenden Schäden für Natur und Fremdenverkehr denkt der keltische Nordwestzipfel Frankreichs langsam um. 2009 wurde Ollivro zum «Bretonen des Jahres» gewählt. Die meisten Bretonen sind hin und her gerissen zwischen der lokalen Landwirtschaft, die es ohnehin schwer hat gegen die EU-Konkurrenz und Schlachthöfe in Osteuropa, und dem Fremdenverkehr. Beide Sektoren steuern rund acht Prozent zur Wertschöpfung der Bretagne bei.

Der Landwirtschaftsverband FNSEA verspricht seit langem einen schonenderen Nitrat-Einsatz. Lokalvorsteher Thierry Merret lehnt die behördlichen Vorgaben aber als zu radikal ab: «Wenn nur noch 10 Milligramm Nitrat pro Liter zugelassen sind, werden viele Bauerngüter dicht machen.» Ein erster, 2010 verabschiedeter Fünfjahresplan der Region vermochte die Algenzunahme nicht zu stoppen. Anfangs Juli haben die Behörden weitere 55 Millionen Euro über fünf Jahre bewilligt, einerseits zum Einsammeln der Algen durch strandgängige Traktoren, andererseits zur Vorbeugung des Nitrat-Einsatzes. Ollivro glaubt aber, dass es nicht nur um den Düngereinsatz gehe. Nötig sei eine nachhaltige Umstellung, und zwar «Bauernhof um Bauernhof», um die Abhängigkeit von der Intensivproduktion zu vermindern: «Und das wird viele Jahre in Anspruch nehmen, wenn es ernsthaft betrieben wird.» Inzwischen hält der rüstige Naturschützer schon einmal eine deutsche Familie an, die mit ihren Elektrovelos an den Strand fahren will.

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