Traumberuf Influencer: Jetzt gibt es sogar Lehrgänge in der Schweiz

Jugendliche haben einen neuen Berufswunsch: Influencer. Instagram, Youtube und Snapchat – die «Digital Natives» nutzen die Apps jeden Tag und wollen damit in Zukunft ein schönes Leben haben.

Deborah Gonzalez
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Ganz viel rosa und Mode: Eine Influencerin dreht ein Youtube-Video. (Getty)

Ganz viel rosa und Mode: Eine Influencerin dreht ein Youtube-Video. (Getty)

Früher wollten Kinder noch Astronaut, Sängerin oder Polizist werden. Fragt man heute nach, fallen die Antworten in manchen Fällen exotischer aus: Influencer, Youtuber oder Gamer – Hauptsache, etwas in den sozialen Medien. «Die Nachfrage ist tatsächlich da, immer mehr Jugendliche wollen Influencer werden und sich über diesen Trendberuf informieren», sagt Berufs-, Studien- und Laufbahnberater Adrian Wollschlegel. Das liege an den Geschenken, den vielen Reisen und vor allen Dingen am Geld, sagt die 13-jährige Marie aus Aarau. «Man sieht, dass sie viel Geld kriegen. Sie machen immer Werbung für etwas und können sich alles leisten.» Auch ihre Freundin, die 14-jährige Lisa, zählt die Vorteile der Influencer auf: «Sie kennen alle Prominenten und haben einen abwechslungsreichen Alltag.»

Influencer-Lehrgang in der Schweiz

An der «Swiss digital influencer academy» kann man seit Oktober 2018 für 4999 Franken am Diplomlehrgang «Digital Influencerin/Influencer» teilnehmen. Die Ausbildung wird an Standorten in Luzern, Bern und Zürich angeboten und besteht aus 40 Unterrichtstagen mit insgesamt 400 Lektionen – nach spätestens einem Jahr kann man sich dann «Digital Influencer/in» nennen. Momentan befindet sich der Lehrgang noch in der Pilotphase, wie uns Ralph Kohler, Studienleiter des Diplomlehrgangs, sagt. Eine Journalistin wollte er nicht in einer Lektion dabei haben. In einem früheren Interview mit «20 Minuten» erklärte er: «Zum Influencer-Dasein gehört vieles dazu, und wir versuchen auch offenzulegen, wie viel Arbeit hinter dem Job steckt.» Die Ausbildung umfasst unter anderem professionelles Texten, Bildbearbeitung, Videoproduktion, Marketing und Medienrecht. (dgo)

Tolle Produkte, viele Reisen, schöne Hotels – tatsächlich sieht man all das auf den Instagram-Profilen der Influencer. Genauso sieht es auch bei der Schweizer Bloggerin und Instagrammerin Michèle Krüsi, bekannt unter dem Namen «The Fashion Fraction», aus.

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She who was created to create 🌈

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Die 27-Jährige hat ihre Leidenschaft, die sie vor neun Jahren entdeckte, zum Beruf gemacht. Sie arbeitet mit diversen Marken zusammen und ist dank ihrer 407 000 Follower so weit, dass sie für ihre Bilder und Textbeiträge Geld von Sponsoren bekommt. Sie gehört zu den wenigen wirklich erfolgreichen Schweizer Influencern, die von dem, was sie machen, leben können.

Ausbildung zum Influencer

Doch ist Influencer wirklich ein Job? «Das ist eine schwierige Frage», sagt Wollschlegel. «Ich würde sagen, es ist ein Hobby, das zum Beruf wird», erklärt er. «Wenn jemand den Wunsch hat, Influencer zu werden, nehmen wir das auf jeden Fall ernst. Jedoch müssen wir auch ehrlich sein. Nur wenige können davon wirklich leben», sagt Wollschlegel. Er rate jedem, der diesen Berufswunsch hat, immer andere Berufe im Blick zu haben.

Das «ask!-Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf» im Aargau, für das Wollschlegel tätig ist, hat keine Broschüren über den Beruf Influencer. Jedoch gibt es seit letztem Jahr in Zürich, Luzern und Bern eine Akademie, welche die Leute zu Influencern ausbildet. Dabei handelt es sich um den Diplomlehrgang «Digital Influencerin/Influencer» an der «swiss digital influencer academy». «Die Akademie ist uns bekannt, jedoch geben wir keine Fachinformationen über diese Schule weiter, da es sich hierbei um keine Grundausbildung handelt», sagt Wollschlegel. Trotzdem ist der Berufswunsch Influencer heute ganz normal – an der Zürcher Berufsmesse im letzten November gab es sogar einen Stand dazu.

In Spanien, Grossbritannien und Deutschland gibt es diese Lehrgänge schon seit längerem. In Madrid kann man an einer Universität «Intelligence Influencers: Fashion & Beauty» studieren – Voraussetzung ist eine bereits abgeschlossene Ausbildung. Für die Schweizer Instagrammerin Michèle Krüsi machen diese Diplomlehrgänge keinen Sinn. «Man kann schlicht und einfach nicht zum Influencer ausgebildet werden», sagt die gelernte Grafikerin. Man könne sich zum Beispiel Wissen über Social Media, Trendforschung und Content-Creation aneignen – aber das heisse noch lange nicht, dass man später als Influencer Geld verdienen könne. «Als ich mit dem Bloggen anfing, wusste ich nicht, dass ich Produkte zugeschickt bekomme oder gar damit Geld verdienen kann. Ich habe es aus purer Leidenschaft gemacht», sagt sie. «Ich denke, genau das ist der grosse Unterschied, zwischen damals und heute», so Krüsi weiter. Heute stünde nicht mehr die Leidenschaft im Fokus, sondern die Berühmtheit und das Geld. Doch verübeln könne man es den Leuten nicht, denn genau das wird in den Instagramfeeds auch gezeigt. «Irgendwie kann ich das verstehen, dass man schnell ein falsches Bild davon hat, was ich eigentlich mache, wenn man als Aussenstehender immer nur die schönen Fotos sieht, die oft nach einem perfekten Leben mit vielen Reisen, gutem Essen, teuren Kleidern und Cüpli-Events aussehen», sagt die 27-Jährige.

Viel Arbeit am PC und wenig Ferien

Bei den jungen Mädchen Marie und Lisa stechen genau diese Punkte heraus. Sie sehen das, was die Influencer zeigen wollen, jedoch nicht das, was sich hinter den perfekten Bildern versteckt. «Man darf sich das nicht zu einfach vorstellen. Mein Arbeitstag dauert wie die meisten anderen mindestens neun Stunden und die Arbeit zieht sich teilweise auch über das Wochenende durch», sagt Krüsi. Auch Ferien gebe es nur begrenzt, da der Content immer online gehen muss, egal ob es ein Montag oder Sonntag ist. Der Alltag ist ein weiterer Punkt, den die Jugendlichen nennen. «Jeder Tag ist anders, sie können aufstehen, wann sie wollen, ziehen sich schön an und machen Fotos – meistens auch noch in einem anderen Land», sagt Marie. Dass jeder Tag aber am PC beginnt und genauso endet, wissen die zwei Mädchen nicht. Zudem muss man sich stets bewusst sein: «Es gibt keine Sicherheit und man muss stets dranbleiben und sich selber anspornen – denn genauso schnell, wie es angefangen hat, kann es auch wieder aufhören», sagt Krüsi.

Aus diesem Grund würde die Bloggerin all den Jugendlichen, die den Berufswunsch Influencer haben, das Gleiche raten wie Laufbahnberater Wollschlegel: eine klassische Ausbildung. «Die Branche ist extrem schnelllebig. Ich würde definitiv raten, erst einmal ein festes Standbein zu haben und nebenbei Social Media machen – so haben das schliesslich alle grossen und auch kleinen Influencer gemacht, ich inbegriffen.»

Vor allem dünn muss sie sein

Schlanker Bauch, lange Haare, reine Haut; interessiert an Mode, Ernährung und Beauty-Themen. Trifft das auf Sie zu? Dann könnten Sie die nächste Influencerin sein. Klingt etwas oberflächlich und altbacken – ist aber so. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie «Weibliche (Selbst-)Inszenierung in sozialen Medien» der deutschen MaLisa-Stiftung, die letzte Woche vorgestellt wurde. Für diese Untersuchung wurden unter anderem 300 Instagram-Posts untersucht und Youtuberinnen interviewt. Internetfotos von Jugendlichen wurden mit denen der Influencerinnen verglichen.

Klickt man sich durch Instagram und die Youtube-Accounts der Influencerinnen, scheint alles Hand in Hand zu gehen: Neue Modetrends, Schminktipps und Fitnessübungen. Die Bilder und Videos zeigen meist dünne Frauen mit langen Haaren in deren privatem Umfeld – die Farbe rosa sticht dabei besonders ins Auge. Erschreckend, wie die deutsche Schauspielerin Maria Furtwängler findet. Sie hat die Studie zusammen mit ihrer Tochter, Lisa Furtwängler, in Auftrag gegeben und fasste das Ergebnis im Berliner RBB-Kulturradio zusammen: «Man muss sich fragen, was mit den Strukturen nicht stimmt. Ich habe das Gefühl, dass vermehrt das Frauenbild der Fünfzigerjahre gefördert wird.» Die Themen seien eher eintönig, die der Männer hingegen breit gefächert und würden von Musik bis Politik reichen.

Tricks für das richtige Posieren

Die befragten Youtuberinnen beklagten, dass es für Frauen schwieriger sei, einen abwechslungsreichen Inhalt zu bieten, da Mode und Beauty das sei, was der Zuschauer wünsche. «Je plakativer das Klischee, umso besser wird es geklickt. Je mehr du einem gewissen Schönheitsideal entsprichst oder einer gewissen Erwartung, verdienst du natürlich besseres Geld», sagt eine der interviewten Influencerinnen. In Bezug zu ihrem Instagram-Account gaben 21 Prozent der befragten Frauen zu, ihre Brüste auf den Bildern zu bearbeiten, jeweils 19 Prozent schummeln ihre Hüften und Taillen schlanker.

Gesicht, Beine, Po – alles wird bearbeitet, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Die Studie zeigt, dass Mädchen, die bestimmten Influencerinnen folgen, ihre Bilder stärker bearbeiten und grösseren Druck verspüren, schlank zu sein. Analysiert wurden unter anderem die Follower von Topmodel Heidi Klum oder Influencerin Dagi Bee, die auf ihren Kanälen Schminktipps gibt. Frauen, die Heidi Klum folgen, tendieren eher dazu, ihre Zähne weisser zu schummeln als diejenigen, die dem Topmodel nicht folgen. Alle befragten weiblichen Follower der jungen Youtuberin Dagi geben an, ihre Haut auf Bildern zu optimieren. Sie empfinden ihr natürliches Aussehen zunehmend als unzureichend.

Auch in Sachen Instagram-Fotoposen gibt es laut der Studie strenge Vorlagen. Möchte man die Plattform beherrschen, muss man sich diese Tricks merken: Wer «locker, stark und doch sexy» wirken will, muss das Bein zur Seite ausstellen. «Das liebenswürdige Mädchen» sollte das Bein zufällig überkreuzen. Dann wären da noch: der angewinkelte Arm und die Hand wie beiläufig im Haar; der attraktiv in S-Form gebogene Körper und der vermeintlich zufällige Blick über die Schulter. Eine Instagram-Nutzerin sagt dazu: «Ich habe bei vielen gesehen, dass man sich auf die Zehenspitzen stellt und ein Bein vor das andere tut, weil die Beine dann einfach viel, viel schlanker aussehen.»

Feministinnen fehlen die Antworten

Lisa Furtwängler sieht die Studienergebnisse kritisch: «Wir stehen vor einer Reihe von Fragen, auf die wir als Feministinnen zunächst keine Antwort haben.» Warum die erfolgreichsten Akteurinnen in den sozialen Medien ausgerechnet die mit den rückwärtsgewandt erscheinenden Geschlechterrollen sind und wie man eine grössere Vielfalt an Inhalt sichtbar machen kann, seien nun die Themen, welche die Stiftung in Angriff nehmen wolle. «Das geht uns alle an und darüber müssen wir diskutieren», sagt sie. (dgo)

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