Trotz «Grippchen» und wirtschaftlichem Kollaps: Jair Bolsonaro wird immer beliebter – wie kann das sein?

Brasiliens Präsident hat wenig vorzuweisen und verstösst gegen alle Regeln des guten Geschmacks und der Demokratie. Gerade deshalb ist er bei einem Teil der Bevölkerung so beliebt.

Sandra Weiss aus Puebla
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Hat gut lachen: Jair Bolsonaro, 65, wird in Brasilien immer beliebter.

Hat gut lachen: Jair Bolsonaro, 65, wird in Brasilien immer beliebter.

Keystone

Shopping Leblon ist eines der chicsten Einkaufszentren von Rio de Janeiro, und Rosa Chá eine der angesagten, brasilianischen Modemarken. Leder und Militärgrün seien jetzt «in», wirbt der Laden im Internet. Das passt in die Zeiten, in denen der Rechtsradikale Jair Bolsonaro regiert. In die Schlagzeilen brachte es der Laden aber nicht wegen seiner militärischen Mode, sondern weil die Geschäftsführerin eine schwarze Angestellte als «Sklavin» bezeichnet hatte.

Rassismus in Brasilien: Nicht neu

Brasilien war das letzte Land der westlichen Hemisphäre, das 1888 die Sklaverei abschaffte. In Gesellschaft und Wirtschaft überdauerte dieses Muster aber – nicht umsonst unterhält das Land bis heute eine Ermittler-Einheit, die nichts anderes macht, als gegen Sklavenhalterei vorzugehen. Rund die Hälfte der 210 Millionen Einwohner sind Afro-Brasilianer. Sie werden dreimal häufiger Opfer von Polizeigewalt als ihre weissen Mitbürger. Rassismus ist nicht neu in Brasilien.

Neu aber ist, dass die Regierung des Landes nicht vor offenkundig rassistischen Aussagen zurückkrebst. Während unter Bolsonaros linker Vorgängerregierung Quotenregelungen und die Sozialversicherungspflicht für Hausangestellte – überwiegend schwarze Frauen – eingeführt wurden, schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus. Schwarze seien nicht mal zur Fortpflanzung zu gebrauchen und Arme nur als «Stimmvieh» nützlich, sagte Bolsonaro kürzlich. Den rund 500'000 Indigenen, die in Brasilien leben, bescheinigte er, sie seien «vorangekommen auf dem Weg zum Menschsein». Rassismus und auch Homophobie sind salonfähig geworden, die Gewalt gegen Minderheiten hat der evangelikale Staatschef institutionalisiert.

Die Indigenen seien «vorangekommen auf dem Weg zum Mensch sein», spottete Bolsonaro kürzlich.

Die Indigenen seien «vorangekommen auf dem Weg zum Mensch sein», spottete Bolsonaro kürzlich.

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Bolsonaro kauft sich Zustimmung mit 100 Franken monatlich

Seit Januar 2019 regiert der 65-jährige ehemalige Fallschirmjäger das riesige Land. Seine Bilanz ist mager: Das Land steckt schon seit 2015 in einer anhaltenden Rezession, die sich während der Coronakrise gefährlich zugespitzt hat. So stark wie im zurückliegenden Quartal (9,8 Prozent) ist die Wirtschaft in Brasilien noch nie eingebrochen, wie am Mittwoch veröffentlichte Zahlen zeigen. Brasilien hat mehr als 120'000 Coronatote zu beklagen. Derweil ermittelt die Justiz gegen Bolsonaros Familienclan wegen Geldwäsche und Verstrickungen in kriminelle paramilitärische Netzwerke. Im Kongress hat er keine eigene Mehrheit, sondern muss die für Gesetze nötigen Stimmen einkaufen oder gegen Pöstchen eintauschen – eine Strategie, mit der er sich auch gegen eine Amtsenthebung absichert.

Bolsonaro-Unterstützer kommen vor allem aus Armenvierteln

Das Erstaunliche: Trotz der schwierigen Lage ist Bolsonaros Popularität jüngste gestiegen: 38 Prozent finden einer Umfrage von Datafolha zufolge seine Arbeit gut oder sogar hervorragend, 27 Prozent finden sie mittelmässig, 34 Prozent miserabel. Zwei Drittel der Brasilianer schaut also tatsächlich auf das Land und sagt: So solls weitergehen.

Die Soziologin Esther Solano von der Universität von Sao Paolo erklärt sich das mit den Coronasonderhilfen von umgerechnet rund 100 Franken monatlich, die 65 Millionen Brasilianer seit April erhalten. Bolsonaro war eigentlich gegen das vom Kongress verabschiedete Gesetz, hat aber nun offenbar dessen Nutzen entdeckt. «Millionen sind wegen der Pandemie und Rezession auf diese Hilfe angewiesen», sagt Esther Solano. Sie hat festgestellt, dass der Anteil an Bolsonaro-Unterstützern insbesondere in den Armenvierteln zugenommen hat.

Einst wurde er aus dem Militär entlassen, jetzt holt er Generäle an die Macht

Als die Wirtschaftselite 2016 die Absetzung der linken Staatschefin Dilma Rousseff orchestrierte – über finanzierte Protestbewegungen bis zu politisch manipulierten Korruptionsverfahren, wie mittlerweile bekannt ist –, stand der Hinterbänkler Jair Bolsonaro eigentlich nicht im Skript. An die Macht kam er unter anderem dank seinem Gerede über den «Pioniergeist», mit dem sich redliche Bürger den Regenwald untertan machen sollten, notfalls mit Waffengewalt. Das reichte in einer zersplitterten Parteienlandschaft und einer diskreditierten Demokratie, um ihn an die Macht zu katapultieren. Und es führte zu den bislang verheerendsten Waldbränden in Brasiliens jüngerer Geschichte. Doch: Dass der Amazonas in Flammen steht, hat in Bolsonaros Augen auch sein Gutes. Schliesslich werden damit neue Landflächen für die für das Land wichtige Agrarwirtschaft frei.

Bedroht: Die Bürger sollen sich den Regenwald zurückholen, forderte Bolsonaro.

Bedroht: Die Bürger sollen sich den Regenwald zurückholen, forderte Bolsonaro.

Keystone

Trotz der Naturkatastrophe, trotz Corona (Bolsonaro, der sich selber im Sommer infiziert hatte, bezeichnet Covid-19 nach wie vor als «kleines Grippchen»), trotz dem Zerfall der Wirtschaft: Der einst wegen Disziplinlosigkeit entlassene Ex-Hauptmann sitzt derzeit fest im Sattel. Das Militär hat er sich inzwischen zum wichtigsten Verbündeten im Krieg gegen die «verkommenen Institutionen» gemacht. Die Hälfte seines Kabinetts sind Offiziere, über 6000 Militärs sitzen inzwischen in der öffentlichen Verwaltung. Vizepräsident Hamilton Mourao, ein ehemaliger General, gilt als heimlicher Kabinettschef.

Generäle an der politischen Macht trüben das Bild vom unbeschwerten und freizügigen Land des Karneval und der tropischen Üppigkeit, wo man sich höchstens über Fussball ereifert. Diesen Mythos vom liberalen Brasilien hat Bolsonaro gründlich demaskiert.