«Trump Country», das ländliche Amerika, verliert die Geduld mit dem Coronaregime

Im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania wehren sich konservative Lokalpolitiker gegen die strikten Vorgaben des linken Gouverneurs, und fordern eine Abkehr vom Lockdown. Geschäftsinhaber stehen vor einem Dilemma. Ein Augenschein.

Renzo Ruf aus Lancaster
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Rodman Rodgers hatte einen Plan. Acht Jahre noch, bis zu seinem 70. Geburtstag, wollte er sein Ladenlokal an einer stark befahrenen Strasse in der Nähe des herausgeputzten Provinzstädtchens Lancaster (Pennsylvania) betreiben. «Und dann wäre ich in den Ruhestand getreten, und hätte viel Zeit auf meiner Farm verbracht», sagt Rodgers, bevor er eine Pause macht und den Kopf schüttelt. Denn jetzt ist alles anders.

Rodman Rodgers möchte zurück an die Arbeit. Sein Geschäft in der Nähe von Lancaster (Pennsylvania) ist derzeit geschlossen.

Rodman Rodgers möchte zurück an die Arbeit. Sein Geschäft in der Nähe von Lancaster (Pennsylvania) ist derzeit geschlossen.

Renzo Ruf

Die «Wild Goose Gallery», die Rodgers seit 2011 allein besitzt, ist seit zwei Monaten geschlossen – auf Anordnung des demokratischen Gouverneurs Tom Wolf, der im 12,8 Millionen Bewohner zählenden Pennsylvania einen strikten Lockdown verhängte. Und Kleinunternehmer Rodgers hat keine Ahnung, wann er seinen Laden, in dem er Krimskrams für Touristen verkauft, legal wieder öffnen darf. Er sei ein optimistischer Mensch, sagt er im Gespräch, und werde sicherlich einen Weg finden, zu überleben. Aber so könne dies nicht weitergehen. «Die ganze Wirtschaft kollabiert», wenn Unternehmer wie er keine Geschäfte machen dürfen. 

Republikaner drücken aufs Tempo

Abhilfe verspricht Josh Parsons. Der Republikaner ist Vorsitzender der Regierung von Lancaster County, auf dessen Boden auch Rodgers Geschäftslokal steht. Parsons ist der Ansicht, dass die Corona-Verbote in seinem weitgehend ländlichen Verwaltungsbezirk gelockert werden können. Seit Freitag ist es «verantwortungsbewussten Ladenbesitzern» deshalb wieder erlaubt, ihre Geschäfte zu betreiben, sofern sie gewisse Sicherheitsvorkehrungen einhalten. Dieser Schritt sei überfällig, sagte Parsons diese Woche an einer Pressekonferenz. Die Menschen in Lancaster County hätten es satt, zu Hause rumzusitzen.  «Sie wollen ihre gottgegebene Freiheit zurück.»

Dazu muss man wissen: Der Bezirk, mit seinen etwa 545'000 Bewohnern, ist strukturkonservativ. «Trump Country», nennt man dies heutzutage, eine Gegend, in der Donald Trump und seine Präsidentenpartei immer noch populär sind. (2016 erzielte der Republikaner in Lancaster County 56 Prozent der Stimmen oder fast 20 Punkte mehr als seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton.) Beobachter weisen darauf hin, dass eine Fortsetzung des Lockdowns, Corona-Fallzahlen hin oder her, in ländlichen Landesteilen weniger Unterstützung geniesst als in urbanen Gegenden, in denen die Demokraten politisch das Sagen haben.

Zum andern ist der Bezirk in den vergangenen Jahren aber rasant gewachsen und zumindest geistig den Vororten von Philadelphia, der grössten Stadt im Bundesstaat, näher gerückt. Auch ist Lancaster County stark vom Tourismus abhängig: Gegen 8,9 Millionen Menschen besuchten die Gegend im Jahr 2018. Darunter befanden sich auch auffällig viele Ausländerinnen und Ausländer, die sich verzaubern liessen vom Charme des «Pennsylvania Dutch Country» – so wird Lancaster mit seinen zahlreichen Mennoniten- und Amisch-Gemeinden, die Wurzeln in der Schweiz oder Deutschland haben, im Volksmund genannt.

Demokraten warnen vor überstürztem Vorgehen

Craig Lehman ist deshalb überzeugt davon, dass seine beiden republikanischen Kollegen in der Bezirksregierung einen Fehler machten. Lehman, der einzige Demokrat in der Exekutive von Lancaster County, sagt im Gespräch: «Wir sind noch nicht bereit», den Lockdown zu beenden. Die lokale Infrastruktur zur Bekämpfung einer zweiten Corona-Welle sei frühestens in einer Woche betriebsbereit. Lehman vermutet deshalb, dass die Republikaner politische Motive hätten, und den Konflikt mit Gouverneur Wolf bewusst zuspitzen wollten. Diese Vermutung hegt auch Terry Madonna, ein Politologe am Franklin und Marshall College in Lancaster. Er weist darauf hin, dass mehr als 70 Prozent der Bevölkerung von Pennsylvania die strikten Vorgaben des demokratischen Regierungschefs befürworteten. Und dass Trump im November 2020 im Ostküsten-Staat eine Mehrheit gewinnen müsse, will er für eine zweite Amtszeit bestätigt werden. Auch deshalb hat Trump den Gouverneur kürzlich scharf kritisiert. 

Rodman Rodgers sind solche parteipolitischen Manöver herzlich egal. Lieber möchte der Ladenbesitzer wieder Geld verdienen. Als er allerdings gefragt wird, ob er die «Wild Goose Gallery» wiedereröffne, nun, da die Bezirksregierung grünes Licht gegeben habe, sagt Rodgers: Nein, wahrscheinlich nicht. Denn der Gouverneur habe gedroht, dass er sämtlichen Geschäftsinhabern, die sich seinen Anordnungen widersetzten, die Betriebslizenz entziehen werde. Einen Rechtsstreit aber könne er sich nicht leisten, sagt Rodgers. Dann schüttelt er erneut den Kopf und sagt: «Wir leben in einer bizarren Welt.»

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