Trump und Biden im Fernduell: Weil die zweite TV-Debatte ausfiel, stellten sich die beiden Präsidentschaftskandidaten einzeln den Fragen der Wähler – fünf Erkenntnisse

Weil die zweite Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden ausfiel, stellten sich die beiden Präsidentschaftskandidaten am Donnerstag auf zwei verschiedenen Fernsehsendern den Fragen von Wählerinnen und Wählern.

Renzo Ruf aus Washington
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Eigentlich hätte am Donnerstag die zweite Fernsehdebatte zwischen Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden stattfinden sollen. Doch die beiden Präsidentschaftskandidaten konnten sich nicht auf ein Format einigen und die Debatte wurde abgesagt.

Also lieferten sich Trump und Biden ein Fernduell – der Republikaner trat für 60 Minuten auf dem Sender «NBC» auf, der Demokrat für 90 Minuten auf «ABC». Dabei stellten sie sich den Fragen von ganz normalen Wählerinnen und Wählern. Fünf Erkenntnisse aus diesem Fernsehspektakel.

1. Trump kann es nicht lassen

Zweieinhalb Wochen vor dem Wahltag steht der Präsident mit dem Rücken zur Wand. Er liegt in Meinungsumfragen deutlich zurück, auch weil viele Amerikaner es satt haben, dass er ständig für Kontroversen sorgt. Und dennoch scheint er kein Interesse daran zu haben, im Schlussspurt seinen Ton zu ändern. So verzichtete Trump am Donnerstag darauf, sich von der höchst umstrittenen QAnon-Bewegung zu distanzieren und behauptete stattdessen, er wisse zu wenig über sie. Auch distanzierte er sich nicht von einem Tweet, den er kürzlich weiterverbreitet hatte, der sich um die absurde Theorie drehte, dass der Terrorist Osama Bin Laden während der Amtszeit von Präsident Barack Obama und dessen Vize Biden nicht getötet worden sei. Die Erklärung Trumps für seinen Tweet: Er habe der amerikanischen Bevölkerung die Gelegenheit geben wollen, sich selbst eine Meinung zu bilden.

2. Der Präsident ist politisch nicht sattelfest

In der Bürgerversammlung in Miami («Town Hall») sprach Trump über seine Wirtschaftspolitik, eine geplante Steuersenkung für die Mittelklasse und eine Reform des Gesundheitswesen. Auffallend war aber, wie der Präsident auch nach fast vier Jahren im Amt immer noch nicht über Details seiner Ideen Auskunft geben kann. So bleibt der seit Jahren versprochene Plan, mit dem die Republikaner die Gesundheitsreform Obamacare ersetzen wollen, ein Geheimnis. Normalerweise versprechen Politiker vor Wahlen das Blaue vom Himmel; Trump hingegen operiert nur mit Schlagworten («great» oder «best»), die immer gleich klingen.

3. Biden spielt auf Zeit

Der Demokrat hat etwas mehr als zwei Wochen vor dem Wahltag die Nase vorn; er kann es sich deshalb leisten, auf Zeit zu spielen. Deshalb verzichtete Biden am Donnerstag darauf, Schlagzeilen zu machen. Stattdessen gab er langfädige Antworten. Der «ABC»-Moderator George Stephanopolous liess ihn dabei aussprechen, ganz im Gegensatz zu Savannah Guthrie auf dem Sender «NBC», die Trump vor allem zu Beginn mächtig in die Zange nahm. Verbündete des Präsidenten beklagten sich deshalb noch am Donnerstag darüber, wie unfair der Präsident einmal mehr von den Medien behandelt worden sei. Man kann von dieser Kritik halten, was man will. Tatsache ist aber, dass Trump in den vergangenen vier Jahren Präsident war, Biden aber nicht.

4. Der Demokrat geht auf den linken Flügel seiner Partei zu

Biden ist es bisher gelungen, den linken Flügel der Demokraten auf Distanz zu halten. In der Frage, ob nach einem allfälligen Wahlsieg seiner Partei zusätzliche Richter in den Supreme Court berufen werden sollten, machte er am Donnerstag aber ein grosses Zugeständnis. Er sagte zwar, einmal mehr, er sei kein Fan dieser Idee. Biden kritisierte aber auch die Eile, mit denen die Republikaner im Senat noch vor dem Wahltag am 3. November versuchen, die Richterin Amy Coney Barrett zu bestätigen und die konservative Mehrheit am höchsten amerikanischen Gericht auszubauen. Sollten die Republikaner an ihren Plänen festhalten, sagte Biden, sei er bereit, über mögliche nächste Schritte nachzudenken – vorausgesetzt natürlich, dass er ins Weisse Haus einzieht.

5. Trump und Biden sind zwei grundverschiedene Menschen

Auf dem Sender «NBC» beantwortete Trump die Frage, wie er einen immer noch unentschlossenen Wähler in letzter Minute auf seine Seite ziehen könnte, mit der Aussage: «Ich habe grossartige Arbeit geleistet.» Biden hingegen verzichtete auf solches Getöse. Als er von einem Wähler gefragt wurde, was ein Sieg Trumps über das heutige Amerika aussagen würde, gab Biden zurück: «Es könnte bedeuten, dass ich ein miserabler Kandidat war.»