Trumps Schubser am Nato-Gipfel spricht Bände

Brüssel-Korrespondent Remo Hess über die erste Auslandreise des neuen US-Präsidenten.

Remo Hess, Brüssel
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Remo Hess, Brüssel-Korrespondent der Luzerner Zeitung. (Bild: pd)

Remo Hess, Brüssel-Korrespondent der Luzerner Zeitung. (Bild: pd)

Viel ist schon über die Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geschrieben worden. Namhafte Psychiater wollen einen geradezu pathologischen Narzissmus diagnostiziert haben, andere nennen ihn schlicht einen Soziopathen. Spielt es eine Rolle oder sollte man Donald Trump einfach an seiner Politik, an seinen Taten messen? Es spielt eine Rolle. Denn Trumps Abneigung gegen multilaterale Bündnisse wie die Nato oder die EU ist auch durch seinen Charakter begründet – so viel Laien-Psychologie soll hier erlaubt sein.

Donald Trump mag es nicht, wenn ihm die Aufmerksamkeit nicht uneingeschränkt zuteilwird. Exemplarisch beobachten konnte man dies in einer kurzen Szene beim Nato-Gipfel am Donnerstag in Brüssel. Mit einer rüden Aktion schubst Trump den montenegrinischen Premierminister Dusko Markovic beiseite, damit er in der ersten Reihe stehen und sein breites Grinsen in die Kameras zeigen konnte. Nicht, dass dem amerikanischen Präsidenten dieser Platz nicht zustehen würde. Aber alleine die Art und Weise, wie Trump ihn einfordert, spricht Bände. «America first!»

Nein, Trump fühlt sich definitiv nicht wohl in Gruppen, wo er nur einer von vielen ist. Daran ändert auch nichts, dass er als amerikanischer Präsident der unbestrittene Leithammel ist, wo immer er auch auftritt. Schon nur, dass es gemeinsame Regeln gibt, an die auch er sich halten muss, ist Trump zuwider. Dagegen liebt Dealmaker Trump das Bilaterale, den Show-Down, wo er sein Gegenüber ganz direkt unter Druck setzen kann. Sein Metier ist die Konfrontation – Freund oder Feind, dazwischen gibt es nichts. Man muss kein Experte in Gruppendynamik sein um vorherzusehen, dass es mit Donald Trump auf der multi­lateralen Ebene auf die Dauer schwierig werden dürfte.

Er will gewinnen. Kompromisse zu finden, auch wenn es im Kreis der Freunde stattfindet, ist nicht seine Sache. Seine «spezielle Persönlichkeit», wie es die Saudis euphemistisch ausgedrückt haben, macht ihn ausserdem zum Paria. Man konnte es auf den TV-Bildern in Brüssel und am G7-Gipfel in Taormina bereits in Ansätzen erkennen: Wenn sie die Möglichkeit haben, gehen die Staats- und Regierungschefs dem US-Präsidenten lieber aus dem Weg.

Der neue französische Präsident Emmanuel Macron oder aber auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau wurde am G7-Gipfel in Taormina im Gegensatz zu Trump mit Herzlichkeiten überschüttet. Dem eitlen Trump dürfte diese subtile Kränkung sicher nicht entgangen sein. Da fühlt er sich schon wohler beim saudischen Alleinherrscher König Salman, der ihm einen triumphalen Empfang in seiner religiösen Diktatur bereitet hat.

Die Frage lautet: Ist Donald Trump in der Lage, mit seinen europäischen Freunden zusammenzuspannen und sich für das Gemeinwohl einzusetzen? Offenbar besteht in Brüssel die Sorge, dass er es eben gerade nicht ist. EU-Ratspräsident Donald Tusk erklärte nicht ohne Grund, dass das Festhalten an gemeinsamen Werten und Regeln seine Hauptbotschaft an den amerikanischen Präsidenten war. Tusk befürchtet anscheinend, dass Namensvetter Trump auch auf dem multilateralen Parkett sein Powerplay gnadenlos durchziehen könnte. Für einen solchen Fall ist es allerdings wahrscheinlich, dass sich die restlichen Klubmitglieder, sei es bei der Nato, der G7 oder der EU, ziemlich schnell gegen ihn verschwören werden. Und dann würde es nicht mehr heissen «America first», sondern schlicht und einfach «America alone».

Remo Hess, Brüssel