TSCHECHIEN: Letzte Raucherbastion Europas fällt

Seit dieser Woche gilt ein striktes Rauchverbot in Gaststätten. Damit fällt die letzte Raucherbastion in Europa. Während die Regierung den Schritt begrüsst, bangen Bürger um die böhmische Kneipenatmosphäre.

Stefan Welzel, Prag
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Auch Tschechen müssen jetzt draussen an der Zigarette ziehen. (Bild: Michal Kamaryt/AP (Prag, 31. Mai 2017))

Auch Tschechen müssen jetzt draussen an der Zigarette ziehen. (Bild: Michal Kamaryt/AP (Prag, 31. Mai 2017))

Es ist Dienstag, der 30. Mai. Pavel Frydrych sitzt entspannt in der Café-Bar Kavárna Liberál in Prag-Holešovice. Der 46-jährige Handwerker geniesst sein Pilsner. Dazu dreht er sich eine Zigarette. Ein Bild, das bis vor einigen Tagen zur böhmischen Kneipe gehörte wie die Knödel zum Gulasch. In Tschechien rauchen rund 30 Prozent der Bevölkerung, und das am liebsten in einer Hospoda, wie die Beizen dort heissen. Seit Mittwoch, 31. Mai, muss Pavel aber vor die Tür, wenn er sich eine Zigarette anzünden will.

Nach jahrelangem politischen Tauziehen hat die sozialdemokratisch geführte Regierung im Dezember ein rigoroses Rauchverbot durchgesetzt. Auf der Landkarte Europas verschwindet damit die letzte Raucherbastion, die eine liberale Handhabung in Gaststätten und anderen öffentlichen Institutionen verteidigte. Das Gesetz regelt ausserdem strengere Auflagen beim Verkauf von alkoholischen Getränken.

Die Liebe zur Stammkneipe

Miloslav Ludvík ist Gesundheitsminister der Republik. Am Vorabend der Einführung des neuen Gesetzes verkündete er in der Prager Innenstadt den «Sieg des gesunden Menschenverstandes über die Interessen der Tabak- und Alkohol-Lobby». Für ihn sei es normal, den Körper nicht von Suchtmitteln abhängig zu machen, nicht zu rauchen und keinen Alkohol zu trinken.

Wäre er vor vier Jahren mit so einem Slogan zu den Abgeordnetenwahlen angetreten, so hätte jeder Wahlkampfleiter sofort den Bettel hingeschmissen. Tschechien ist das Land mit dem höchsten Bierkonsum weltweit. «Wir haben nun mal diese typische Kneipenkultur. Das geht weit zurück. Im Sozialismus war die Hospoda ein Rückzugsort vor dem allmächtigen Staat. Hier wurde hemmungslos getrunken – und geraucht!», erklärt Frydrych den besonderen Bezug seiner Landsleute zur Stammkneipe.

Umfragen haben ergeben, dass rund 60 Prozent der tschechischen Bevölkerung das neue Gesetz begrüssen. Eine davon ist Eva Králíková, renommierte Medizinprofessorin an der Prager Karlsuniversität. Den Ängsten der Wirte setzt die Dozentin Erfahrungswerte aus dem Ausland entgegen. «Dort haben sich die Umsätze in Wirtshäusern nach dem Rauchverbot sogar erhöht. Denn es kamen mehr Nichtraucher in die Kneipen, die vorher wegen der schlechten Luft ferngeblieben sind.»

«Wie in einem Konditorei-Café»

Für Martin Velíšek ist das jedoch eindeutig der langweilige Teil der Bevölkerung. Der Mittfünfziger ist Stammgast im legendären Prager Lokal «Zum ausgeschossenen Auge», wo Arbeiter Seite an Seite mit Dissidenten und Kulturschaffenden schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs über den Durst getrunken haben. Auch hier gehört der Glimmstängel einfach dazu. «Stell dir vor: Alle stehen draussen in der Kälte und rauchen hastig ihre Zigarette – furchtbar. Und hier drinnen herrscht eine Atmosphäre wie in einem Konditorei-Café», sagt Velíšek mit viel Verdruss in seiner Stimme.

Stefan Welzel, Prag