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TSCHERNOBYL: Der Geschmack von Blei auf der Zunge

Sie beerdigten die Radioaktivität, und sie schluckten sie. Die atomare Katastrophe hat sie getötet, ihre Gesundheit ruiniert und sich bis heute in ihre Schicksale verbissen: die rund 800 000 Liquidatoren von Tschernobyl.
Stefan Scholl
Als Liquidatoren im Einsatz: (v. l.) Wjatscheslaw Filonow, Wladimir Pawlow, Wladimir Naumow und Sergei Aldochin im Tschernobyl-Museum in Tula. (Bild Stefan Scholl)

Als Liquidatoren im Einsatz: (v. l.) Wjatscheslaw Filonow, Wladimir Pawlow, Wladimir Naumow und Sergei Aldochin im Tschernobyl-Museum in Tula. (Bild Stefan Scholl)

Am Kontrollpunkt an der 30-Kilometer-Grenze stand ein japanisches Strahlenmessgerät. Es leuchtete auf, wenn ein radioaktiv verschmutztes Auto vorbeifuhr. Der Wagen musste dann erst gewaschen werden. «Wenn unsere Gruppe nach der Arbeit rausfuhr, leuchtete der Japaner rot wie eine Ampel», erzählt Petschnikow. Deshalb bat der Fahrer die Männer, vor dem Kontrollpunkt abzusteigen. Der Lastwagen passierte problemlos. «Dafür strahlten wir», Petschnikow grinst. «Aber strahlende Menschen durften weitergehen.»

Tonnenweise radioaktive Partikel

Vor 30 Jahren, am 26. April 1996, explodierte im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor. Durch sein zerfetztes Dach gerieten radioaktive Partikel tonnenweise in die Atmosphäre. Der schlimmste Unfall in der Geschichte der Kernkraft; AKW-Techniker und Feuerwehrleute warfen sich der Strahlung als Erste entgegen, es folgten Ingenieure, Facharbeiter, Soldaten. Insgesamt 800 000 Sowjetmenschen waren im Einsatz, Zehntausende verloren das Leben, Hunderttausende die Gesundheit.

Bild: Grafik / Neue LZ

Bild: Grafik / Neue LZ

Alexander Petschnikow, 53, hat sich seinen guten Anzug angezogen, an der Brust seines flaschengrünen Blazers hängen der sowjetische «Tapferkeits­orden» und eine Ehrenmedaille des russischen Invalidenverbands.

Petschnikow kommt aus der Stadt Schtschekino im Gebiet Tula südlich von Moskau, über 2500 Liquidatoren stammen aus der Region. «Als ich am 6. Mai nach Hause kam, lag dort ein Gestellungsbefehl», erinnert sich der frühere Kraftfahrer Sergei Aldochin aus Tula. «Abends im Fernsehen hörten wir dann das erste Mal von Tschernobyl.»

«Wer hätte es denn getan?»

Aldochin gehörte wie Petschnikow oder der Fabrikschlosser Wladimir Pawlow zu den Reservisten der Sowjetarmee, die nach Tschernobyl fuhren. Sie hatten im Wehrdienst geübt, Radioaktivität nach einem Nuklearschlag zu bekämpfen, sie wussten um die Tödlichkeit freigesetzter Atomkraft. Aber niemand, sagen sie, habe versucht, sich zu drücken. «Wir waren doch alle Komsomolzen», erklärt der frühere Elektroingenieur Wjatscheslaw Filonow. «Wenn nicht wir, wer hätte es denn getan?», fragt Aldochin.

Sie mauerten die Radioaktivität zu, schaufelten und fuhren sie weg, beerdigten sie. Tschernobyl war Schauplatz einer der grössten Massenheldentaten in der Geschichte Europas. «Es ist falsch, dass man Strahlung nicht spürt», sagt Petschnikow. Sie schmecke wie Blei auf der Zunge, das Herz rase. Manche Männer erbrachen sich, andere fühlten sich wie nach einem Sonnenstich.

Nur einfache Schutzbekleidung

Die Liquidatoren trugen simple Schutzbekleidung aus imprägniertem Stoff und Gummistiefel. Und Atemmasken aus mit Glasfaser überzogenem Mull, «Blättchen» genannt. Sie arbeiteten in Schichten, je nach der Radioaktivität vor Ort eine halbe Stunde oder nur fünf Minuten. Hinterher wurde mit einem Stiftdosometer die Strahlung an ihrer Kleidung kontrolliert. Hatte eine Gruppe das Tageshöchstsoll von 0,6 Röntgen erreicht, wurde sie zum Duschen abtransportiert.

Anfangs mutete man jedem Liquidator insgesamt 30 Röntgen Radioaktivität zu, später 20 Röntgen. Die Männer besitzen noch heute die Kärtchen mit ihren Dosen, 19,4 Röntgen steht auf der Petschnikows. Aber die Messungen seien nur relativ genau gewesen, sagt er. Und Pawlow erzählt, Jahre nach Tschernobyl habe man in einem Stück seines Zahnes 80 Röntgen gemessen. «Aber nach ein paar Tagen stumpft die Angst ab», erklärt Petschnikow. «Radioaktivität ist ja kein bissiger Hund, der auf dich zurennt.» Pawlow sagt: «Arbeit, ganz normale Arbeit».

Um das Leben gekämpft

Ob sie 11 oder 31 Einsatztage am Reaktor verbrachten, viele brachten den Tod heim. «Ich war völlig abgemagert», sagt Petschnikow, «ich dachte, ich verrecke.» Wie viele seine Kameraden begann er nach Tschernobyl, um sein Leben zu kämpfen. «Ich war täglich auf dem Sportplatz. Erst konnte ich bloss gehen, dann fing ich an zu laufen. Ich lief, bis ich weisse Mäuse sah.»

Einfache Helden

Probleme mit dem Immunsystem, grauer Star, Leukämie, die einen versuchten es mit Wodka gegen die rasenden Kopfschmerzen, tranken literweise Wasser, schwitzten in der Sauna. So oder so, viele siechten zu Tode. 240 000 der Liquidatoren kamen aus Russland. 90 000 von ihnen sind tot, offiziell starben nur 10 000 von ihnen an Radioaktivität. Aber Statistik ist in Russland noch geduldiger als der Tod.

Die Liquidatoren leben in Plattenbauwohnungen, mit altmodischen Teppichen an den Wänden. Einfache Helden, sie bekommen einen Zuschlag von mindestens 120 Euro auf ihre Renten, es gibt jetzt neue Denkmäler und Ikonen zu ihren Ehren. Sie wissen, dass sie Heimat und Europa vor jahrelangem radioaktiven Fallout gerettet zu haben, aber ihr Stolz ist leise. Tschernobyl habe ihr Weltbild umgestülpt. «Es ist wie nach einem Krieg: Lebe und freu dich, dass du lebst!»

Arbeitseinsatz im Mai 1986 kurz nach dem Atomunglück. (Bild: Stefan Scholl / PD)

Arbeitseinsatz im Mai 1986 kurz nach dem Atomunglück. (Bild: Stefan Scholl / PD)

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