Corona
Impfchaos: Die deutsche Stadt Tübingen zeigt, wie man die Pandemie trotzdem unter Kontrolle kriegt

Touristische Reisen unterbinden, Grenzen stärker kontrollieren: Die deutsche Regierung fürchtet sich vor der Virus-Mutation. Das Beispiel Tübingen aber zeigt, wie die Ansteckungszahlen auch ohne Impfung nach unten gedrückt werden können.

Christoph Reichmuth
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Fürchten sich vor der Virus-Mutation: Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer.

Fürchten sich vor der Virus-Mutation: Kanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer.

Andreas Gora / Pool / EPA/27. Januar 2021

Im Berliner Kanzleramt liegen die Nerven offenbar blank. «Uns ist das Ding entglitten», soll Regierungschefin Angela Merkel in einer Telefonkonferenz mit CDU-Parteikollegen aus den Bundesländern am Sonntagabend gesagt haben. Fast gleichzeitig brachte ihr Innenminister Horst Seehofer (CSU) verschärfte Grenzkontrollen und Reisebeschränkungen aufs Tapet. Dazu gehörte auch die «Reduzierung des Flugverkehrs nach Deutschland auf nahezu null», um eine Einschleppung der Virus-Mutation zu verhindern.

Merkel treibt die Angst um, die Virusmutation könnte in wenigen Wochen die dominierende Coronavariante im Land sein. Der Charité-Virologe Christian Drosten dürfte mit einem im «Spiegel» geäusserten Horror-Szenario von 100'000 täglichen Neuinfektionen im Frühjahr und Sommer nicht zur Beruhigung beigetragen haben. Das Drängen der Kanzlerin, die seit Spätherbst geltenden Beschränkungen noch länger als bis zu dem anvisierten Termin von Mitte Februar aufrechtzuerhalten, stösst auf eine zunehmende Coronamüdigkeit innerhalb der Bevölkerung. Der Ruf, wenigstens Schulen und Kindergärten bald wieder zu öffnen, wird immer lauter.

Shuttle-Service und gratis FFP2-Masken zeigen Wirkung

Gesundheitsminister Jens Spahn will der Ausbreitung des Virus durch eine vereinfachte Teststrategie entgegentreten. Schon bald sollen Corona-Schnelltests in Apotheken erhältlich sein. Dann sind die Tests nicht mehr Ärzten und Pflegenden vorbehalten, sondern können im Privaten von jedem durchgeführt werden. Ob sich der 40-Jährige zum Wechsel seiner Teststrategie von der Stadt Tübingen in Baden-Württemberg inspirieren liess?

Klar ist: Die Universitätsstadt südlich von Stuttgart fährt seit Ausbruch der Pandemie im März eine eigenständige Strategie, die es als «Tübinger Modell» bereits zu bundesweiter Bekanntheit gebracht hat. Das Erfolgsmodell der Tübinger basiert auf Gratis-Schnelltests für alle, gratis FFP2-Masken für Betagte und Shuttle-Service für Senioren, damit sich diese nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Corona infizieren. Die Zahlen sprechen für die Süddeutschen: Die Stadt gilt seit wenigen Tagen mit einer Inzidenz von unter 50 nicht mehr als Risikogebiet.

Gratis-Schnelltests auf dem Marktplatz

Hinter dem «Tübinger Modell» steht die 59-jährige Notärztin Lisa Federle. Unterstützt wird die Medizinerin von dem Grünen Tübinger Bürgermeister Boris Palmer. Auf eigene Initiative, mit Spendengeldern und ohne Finanzierungszusicherung der Behörden beschaffte sich Federle zu Beginn der Pandemie Corona-PCR-Tests, um diese in Alters- und Pflegeheimen flächendeckend einzusetzen. Als die Schnelltests im Oktober erhältlich waren, bestellte die Ärztin ohne finanzielle Absicherung eine Million der Tests. Diese werden seither in sämtlichen Tübinger Heimen eingesetzt, für Mitarbeiter und Besucher - kostenlos und auch dann, wenn keine Symptome vorhanden sind.

In Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz richtete Federle auf dem Tübinger Marktplatz ausserdem eine Covid-Teststation mit Gratis-Schnelltests ein. Mehrmals wöchentlich können sich die Menschen in der Uni-Stadt dort testen lassen - 15 Minuten später liegt das Resultat vor.

Lisa Federle in einem Zoom-Meeting mit der Auslandpresse.

Lisa Federle in einem Zoom-Meeting mit der Auslandpresse.

crb

Während Federle auf die Teststrategie setzte, richtete sich Grünen-Bürgermeister Palmer mit einem Appell an die jungen Stadtbewohner: Diese sollten in den Vormittagsstunden das Einkaufen in Lebensmittelläden möglichst bleiben lassen, zwischen 9 und 11 sollen die Einkaufszentren den Senioren der Stadt vorbehalten werden. Diese können sich von ihrem Zuhause oder dem Altenheim in die Innenstadt mit einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Taxi fahren lassen. Die Taxi-Fahrten kosten gleich viel wie eine Fahrt im öffentlichen Verkehrsmittel. Damit nicht genug: Die Stadt verschenkte ihren Senioren gratis mehrere Exemplare der FFP2-Masken. Angesichts des Impfstoff-Mangels empfiehlt Federle, die Tübinger Schnelltest-Strategie auf das gesamte Bundesgebiet auszuweiten.