Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TÜRKEI: Die riskante Wette von Recep Tayyip Erdogan

Das Land am Bosporus beeindruckt mit enormem Wachstum. Doch die politischen Verwerfungen bedrohen das türkische Wirtschaftswunder.
Dominik Weingartner, Istanbul
Marktszene im Istanbuler Eminonu-Quartier (Bild: AFP)

Marktszene im Istanbuler Eminonu-Quartier (Bild: AFP)

Dominik Weingartner, Istanbul

Im Istanbuler Geschäftsviertel Levent erinnert nicht viel an die über 2600 Jahre alte Geschichte der Stadt. Dichter Verkehr schlängelt sich durch die Strassen, die gesäumt werden von zahlreichen Wolkenkratzern. Die historische Halbinsel mit Hagia Sophia und Sultan-Ahmed-Moschee ist weit weg. Im Finanzviertel Levent wird nicht die glanzvolle Vergangenheit Istanbuls zelebriert, sondern die Zukunft der Türkei gestaltet. Rund 40 Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung wird in der 15-Millionen-Metropole erwirtschaftet.

Eingeladen zur Pressereise hat eine Regierungsstelle, genauer die Agentur für Investitionsunterstützung und -förderung in der Türkei (Ispat). Die direkt dem Ministerpräsidenten unterstellte Behörde ist zuständig für die Akquise von ausländischen Direktinvestitionen. Uns ausländischen Journalisten will sie das Bild einer modernen, dynamischen türkischen Wirtschaft vermitteln. Deshalb der Ausflug nach Levent. Dort, inmitten der Hochhausschluchten, ist der Istanbuler Starters Hub zu Hause. Der Fonds unterstützt mit verschiedenen Programmen junge Unternehmen in ihrer Entwicklung. Die Atmosphäre ist bewusst im Start-up-Look gehalten. «Make Ideas Real» steht in grossen Lettern an der Wand, genauso wie «Think Big» oder «#committedtosuccess» («dem Erfolg verpflichtet»). In einer grossen Halle sitzen junge Menschen vor Laptops und entwickeln vielleicht gerade die nächste Tech-Sensation.

Akademisches Wissen in Geld verwandeln

Die 46-jährige Ebru Dorman ist Chefin des Starters Hub. Karriere gemacht hat sie bei Goldman Sachs, Morgan Stanley und dem französischen Telekommunikationskonzern Orange. Jetzt ist sie zurück in der Türkei und will «das Wachstum von Firmen beschleunigen», wie sie sagt. 2015 habe man 10 Millionen Dollar Kapital gesammelt, bislang seien 2,5 Millionen in Start-ups investiert worden. «In der Türkei ist es schwierig, Investoren zu finden», erklärt Dorman, wie es zur Gründung des Starters Hub gekommen ist. 41 Firmen hat das Projekt unter seine Fittiche genommen. Richtig erfolgreich werden aber nur wenige. Wer die Ziele nicht erfüllt, fliegt raus.

Eine der Erfolgsgeschichten hat Murat Soysal geschrieben. Er ist Gründer von Segmentify. Seine Firma ermöglicht «eine personalisierte Shoppingerfahrung», wie er es formuliert. Das heisst: Besucht ein Kunde einen Online-Shop, wird sein Verhalten analysiert, und beim nächsten Besuch werden ihm auf ihn zugeschnittene Promotionen und Artikel angezeigt. Eigentlich simples Datentracking. In der Türkei sei Segmentify bereits Marktführer, so Soysal. «Der Markt ist für uns erledigt.» Das nächste Ziel sei Europa. Hier ist das Unternehmen bereits aktiv, unter anderem auch in der Schweiz. «In Europa wollen wir dieses Jahr Marktführer werden», sagt Soysal. Danach soll die globale Expansion folgen. Dafür hat die Firma Büros in London, Paris, Dubai und Berlin.

Gründer-Atmosphäre herrscht auch auf dem Campus der Technischen Universität Istanbul (ITU). Von der Anlage im Norden der Stadt geniesst man einen atemberaubenden Ausblick. Der Campus ist ein grünes Dorf in der Stadt. Hier sind sogenannte Spin-off-Firmen beheimatet. Das sind Unternehmen, die aus der Universität heraus gegründet werden. «Unser Hauptziel ist die Integration des akademischen Wissens in die Wirtschaft», sagt Arzu Eryilmaz, Marketingdirektorin der ITU. Jedes Jahr veranstaltet die Universität den sogenannten Big Bang, bei dem die besten Firmenideen gekürt werden. Bei der Show haben Investoren die Möglichkeit, direkt Geld in eine Geschäftsidee zu stecken. Die Gewinner des Big Bangs können ihre Firma auf dem Universitätsgelände weiterentwickeln. Das wird hier Inkubation genannt, eine eigentliche «Schule für Unternehmertum», so Eryilmaz. 309 Start-ups seien bisher aus der ITU heraus gegründet worden, das Investitionsvolumen beträgt insgesamt 10 Millionen Dollar. Es gibt Partnerprogramme mit «Inkubationszentren» in San Francisco, Chicago und New York.

Zerfall der Währung

Wer nur diese Seite der Türkei betrachtet, bekommt den Eindruck einer hochmodernen Wirtschaft, gespickt mit intelligenten jungen Menschen, die perfekt Englisch sprechen. Doch das ist Istanbul. Und es ist nur ein kleiner Einblick in die türkische Wirtschaftsrealität. Necmettin Kaymaz, Chef-Projektdirektor bei Ispat, wird nicht müde, die ökonomische Entwicklung des Landes seit dem Amtsantritt von Recep Tayyip Erdogan als Ministerpräsident zu rühmen. Tatsächlich sind die offiziellen Wirtschaftsdaten beeindruckend. Für 2017 wies die türkische Wirtschaft ein Wachstum von 7,4 Prozent aus. Das ist der höchste Wert innerhalb der G20. Sogar die Wachstumsmaschine China wurde überflügelt. Das Bruttoinlandprodukt hat sich seit 2002 verdreifacht. Für das durchschnittliche Einkommen gilt das Gleiche. Dieser Erfolg wird der liberalen Wirtschaftspolitik Erdogans zugeschrieben. Jahrelang hat die AKP Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, für mehr Wohlstand zu sorgen. Das ging lange gut. Der Mittelstand ist beträchtlich angewachsen, immer mehr Türken, auch im wirtschaftlich hinterherhinkenden Anatolien, zählen sich dazu.

Doch das Wirtschaftswunder bröckelt. Die politischen Verwerfungen der letzten Jahre haben auch Investoren verunsichert. Die ausländischen Direktinvestitionen sind 2016 auf 12,3 Milliarden Dollar eingebrochen. 2015 waren es noch 16,8 Milliarden. Auch das Jahr 2017, für das noch keine Zahlen vorliegen, sei «herausfordernd» gewesen, sagt Necmettin Kaymaz. Der Wertzerfall der türkischen Lira setzt der Bevölkerung zu. Obwohl die Inflationsrate im Vergleich zu den 1990er-Jahren, wo sie teils über 100 Prozent pro Jahr betrug, stark gesenkt werden konnte, beträgt sie immer noch rund 10 Prozent jährlich. Im April kostete ein Euro erstmals mehr als fünf türkische Lira. Auch das hohe Leistungsbilanzdefizit macht der Türkei seit Jahren zu schaffen. Es wird viel mehr importiert als exportiert.

Der Elefant im Raum

2016 brachte den politischen Umbruch. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli versuchten Angehörige der Armee die AKP-Regierung zu stürzen. Der Coup scheiterte, die Regierung Erdogan reagierte mit Massenverhaftungen von politischen Gegnern und mit Massenentlassungen aus dem öffentlichen Dienst. Viele Türken bezeichnen die Geschehnisse jener Nacht als «nationales Trauma». Seit Juli 2016 herrscht der nationale Notstand, Erdogan kann per Dekret regieren. Über 100 000 Bürger sind seither entweder verhaftet oder entlassen worden. Die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt. Mehr als 100 Journalisten, die das Vorgehen der Regierung gegen die kurdische Minderheit im Osten des Landes oder gegen vermeintliche und tatsächliche Putschisten kritisierten, sind wegen Terrorpropaganda verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Erdogan hat das politische System zu einer präsidialen Republik umgebaut, mit ihm an der Spitze.

Trifft man türkische Wirtschaftsvertreter, ist die politische Situation im Land stets der Elefant im Raum, der irgendwann einmal angesprochen werden muss. Die Stimmung im Raum verschlechtert sich dann jeweils schnell. Die Türken fühlen sich missverstanden. Und alleine gelassen. Sie beklagen, dass hochrangige europäische Politiker wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel nach dem Putschversuch sich nicht sofort an die Seite Erdogans gestellt hat, sondern den Verlauf zunächst abwartete. Sie beklagen den faktischen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen aufgrund der politischen Verwerfungen nach dem Putschversuch. Sie beklagen das Bild, das westliche Medien von der Türkei zeichnen, die von einer Errichtung einer Diktatur durch Erdogan schreiben und dem Staatschef grossosmanische Träumereien unterstellen. «Was Sie lesen, ist nicht, was wir leben», sagt etwa Arpat Senocak, Vorsitzender der Schweizer Handelskammer in der Türkei.

Necmettin Kaymaz von der Ispat unterstellt den Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau bewerten, politische Motive. «Sie geben der Bewertung eine politische Komponente bei, die nicht messbar ist», sagt er. Nach der letzten Herunterstufung im März kündigte die Regierung an, eine nationale Kredit-Ratingagentur zu schaffen. Das soll noch in diesem Jahr geschehen. Sowieso solle man den Einfluss der Politik nicht überschätzen, sagt Kaymaz. «Die Türkei lebt seit Jahrzehnten mit Unsicherheiten.» Die Bevölkerung sei sehr flexibel und anpassungsfähig. «Türken sind es gewohnt, schnell zu vergessen. Am Montag nach dem Putschversuch gingen sie wieder zur Arbeit», sagt auch Arpat Senocak von der Handelskammer.

Ein Kopftuch vom Gouverneur

Weiterreise nach Bursa. Die mit rund drei Millionen Einwohnern viertgrösste Stadt der Türkei liegt knapp 90 Kilometer südlich von Istanbul unweit der Küste des Marmarameeres. Im grossen Industriegebiet ausserhalb der Stadt hat die Zürcher Firma Angst + Pfister eine Niederlassung. In Bursa produzieren auch Citroën und Renault. Angst + Pfister hat hier 2012 einen langjährigen Lieferanten aufgekauft und beschäftigt in Bursa 345 Angestellte. 70 Prozent der produzierten Güter gehen in den Export. Hergestellt werden mehrheitlich Autoteile für namhafte Marken, die aber nicht in den Medien erwähnt werden wollen, wie ein Ispat-Vertreter später per E-Mail mitteilt. Der CEO der türkischen Angst + Pfister-Tochter, Eray Ulugül, erzählt über die Entwicklungsabteilung, die man hier aufgebaut hat. «Das ist ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Von der Entwicklung bis zur Produktion haben wir hier alles unter einem Dach», sagt er. Insgesamt beschäftige Angst + Pfister 29 Ingenieure in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Diese zu rekrutieren, sei eine Herausforderung. Bursa sei ein «wichtiger Industriestandort in der Türkei, die Nachfrage nach gut ausgebildeten Ingenieuren ist entsprechend gross», so Ulugül. Der wenig ansehnliche Industriepark steht in Kontrast zur geschichtsträchtigen Altstadt von Bursa. Im 14. Jahrhundert war sie Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Davon zeugen die historischen Bauten wie etwa die Grabmäler der ersten osmanischen Sultane Osman I. und Orhan I., der Seidenbasar oder die Grosse Moschee am Fusse des Bergs Uludag, der in der Schweiz eher als Namensgeber für Softdrinks in Dönerläden bekannt ist. Im Zentrum Bursas ist auch der Amtssitz des Gouverneurs Izzettin Kücük. In seiner Ansprache hebt er die wirtschaftliche Bedeutung der Region hervor. Bursa sei nach Istanbul der zweitgrösste Exporthub der Türkei, die Arbeitslosigkeit mit 6,5 Prozent wesentlich tiefer als der nationale Durchschnitt, der 10,5 Prozent beträgt. Dann wird es politisch. «Kein anderes Land ist so stark unter Druck wie die Türkei», sagt Kücük und zählt die Konflikte des Landes auf: «Der Putschversuch, die PKK, der IS: Wir haben die meisten Feinde.» Und doch spricht der Gouverneur von Offenheit: «Jede geschlossene Gesellschaft ist zum Untergang verurteilt. Es braucht offene, freie und kritische Gedanken für die Entwicklung der Gesellschaft.» Solche Worte aus dem Munde eines hochrangigen türkischen Politikers sind angesichts der fortdauernden Repressionen im Land erstaunlich. Aber sind sie auch ernst gemeint? Zum Abschied übergibt Kücük Geschenke. Krawatten für die Männer, Kopftücher für die Frauen.

Hochtrabende Pläne

Trotz aller politischer Probleme: Erdogan hat noch viel vor mit der Türkei. Seine ausgerufene «Vision 2023» ist äusserst ambitioniert. Dann feiert die Republik ihren 100. Geburtstag. Bis dann soll die Türkei unter den zehn grössten Wirtschaftsnationen der Welt rangieren. Auch eine eigene Automarke mit dem Namen Karsa soll die Türkei bald erhalten. Das Exportvolumen soll insgesamt auf 500 Milliarden Dollar erhöht werden. Zum Vergleich: 2016 betrug es lediglich 142 Milliarden Dollar. Die Ispat beziffert den Investitionsbedarf in die türkische Infrastruktur bis 2040 auf 975 Milliarden Dollar. Davon fallen alleine 500 Milliarden auf den Strassenbau und 242 Milliarden auf den Energiesektor – der Stromimport ist ein Hauptgrund für das grosse Handelsdefizit. Zahlreiche grosse Infrastrukturprojekte sind in der Realisierung oder Planung. Darunter der neue Istanbuler Flughafen, ein neuer Kanal zwischen Marmarameer und dem Schwarzen Meer, sowie eine 12 Kilometer lange Strassenverbindung über der Bucht von Izmir.

Auch die Bevölkerung wächst rasant. Heute leben 81 Millionen Menschen in der Türkei, fast so viele wie in Deutschland, dem bevölkerungsreichsten Land der Europäischen Union. Und die Türken sind ein junges Volk. Das Durchschnittsalter beträgt etwa 30 Jahre. Zum Vergleich: Die Schweizer sind durchschnittlich über 40 Jahre alt.

Die Wirtschaft brummt. Zumindest vorerst. Ökonomen warnen seit längerem vor einer Überhitzung, die die Türkei noch teuer zu stehen kommen könnte. Das könnte ein Grund dafür sein, weshalb Staatschef Erdogan die Wahlen auf den Juni 2018 vorgezogen hat. Wählen lassen, solange die Wirtschaftsdaten noch gut sind, so das Kalkül. Erdogan ist eine Wette mit hohem Einsatz eingegangen. Gewinnt er sie, trimmt er die Türkei zu einer wirtschaftlichen Weltmacht. Verliert er sie, droht der grosse Kater.

Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Eröffnung eines Basars (Bild: AFP)

Präsident Recep Tayyip Erdogan bei der Eröffnung eines Basars (Bild: AFP)

Die für den Export wichtige Stadt Bursa. (Bild: Dominik Weingartner)

Die für den Export wichtige Stadt Bursa. (Bild: Dominik Weingartner)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.